Zum 60-jährigen Bestehen präsentieren die Burgfestspiele Rötteln in Lörrach Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“. Die Proben ließen Theatermagie erahnen.
Schon die Kulisse lässt staunen: In das alte Mauerwerk der Unterburg ist eine Kathedralenkulisse hineingebaut worden – unten ein düsterer Richtplatz, darüber gotische Spitzbögen, Glocken und das berühmte Rosettenfenster von Notre Dame in Paris. Der Aufwand ist enorm, die Detailfülle beeindruckend, jede der drei Ebenen sorgfältig ausgearbeitet und passgenau in die historische Umgebung eingefügt. Damit diese aufwendige Konstruktion in den Abendvorstellungen ihre volle Wirkung entfaltet, wurden rund 40 Meter LED-Schläuche in die Aufbauten integriert, ergänzt durch seitliche Strahler, die auch die Oberburg in Szene setzen, wie Regisseur Hendrik Wokittel erläutert. Das Licht führt dabei gezielt durch die Stimmungen – von rosigen Momenten bis hin zu bedrückender Düsternis. Es dürfte eine der aufwendigsten Kulissen in der Geschichte der Burgfestspiele sein.
Lebendig und opulent
Wokittel, der bereits viel Regieerfahrung hat, inszeniert zum ersten Mal auf Rötteln. Mit ansteckender Begeisterung, sprühend vor Ideen und „mit großem Respekt vor dem Projekt“ tritt er in die Fußstapfen von Simon Rösch, der diesmal selbst auf der Bühne steht – als Hauptmann Phoebus (in Doppelbesetzung mit Jerrit Kawaschinski). Unterschiede im Regiestil? „Ich bin eher ein Freund des reduzierten Theaters, Hendrik liebt das Opulente“, berichtet Rösch. Und so schöpft das nah am Original inszenierte Stück gleich in der ersten Szene aus dem Vollen. Ein buntes Völkchen aus Bettlern, Marktleuten und Gauklern tanzt und singt im Bannkreis der Kathedrale; 42 Requisiten (Beate Rupp) und eindrucksvolle Kostüme (Elke Weth) unterstreichen das brodelnde Treiben.
Henrik Schindler führt als Erzähler Victor Hugo durchs Geschehen, bei dem vier Mimen fest in ihren Figuren bleiben und zehn weitere rasant ihre Rollen wechseln. Das generationenübergreifende Ensemble spannt den Bogen von prägenden Publikumslieblingen der Burgfestspiele wie der 83-jährigen Christa Kapfer (Einsiedlerin) und Ecki Bierl (Wirt/Richter) über Christelle Ranc, Vanessa Lwowski, Anna Wendel, Simone Hugenschmidt, Sarah Frey, Audrey Oddlokken, Melanie Vahl und Hannae Imani.
Mit berührender Tiefe:die Figur des Quasimodo
Im Zentrum des Trubels steht Esmeralda (Katharina Gimmi), die als schöne „Zigeunerin“, wie es im Originaltext heißt, den Männern den Kopf verdreht. Hoch oben wacht der heimliche Bewohner der Kirche: Quasimodo. Nico Deleu verleiht dem missgestalteten Glöckner, der in dieser Inszenierung tatsächlich taub ist und den Filmfans in den Verkörperungen von Charles Laughton (1939) oder Anthony Quinn (1956) vor Augen haben dürften, eine berührende Tiefe. Durch Esmeralda erfährt er erstmals menschliche Liebe, während sie in einem Knäuel aus Mitleid und Abscheu gefangen bleibt.
Wird der ersten Teil noch von viel Musik, Choreografien und einem eigens von Dirk Mehnert aus Hamburg komponierten Lied getragen, wird es nach der Pause melancholischer. In intensiven Szenen führt Wokittel vor Augen, „wie flexibel Moralvorstellungen doch sind“. Die jubelnde Menge mutiert rasch zum Lynchmob mit weißen Masken und flackernden Fackeln. Als der diabolische Frollo (Oliver Rösch) Phoebus hinterrücks ersticht und kaltblütig eine Intrige zu Esmeraldas Ungunsten spinnt, zieht sich die Schlinge unausweichlich zu.
Ohne zu viel vom Finale zu verraten: Wenn am 19. Juni die Premiere dieser „ebenso dramatischen wie wunderschönen Geschichte“ (Wokittel) steigt, sollten Taschentücher zwingend im Gepäck sein.
Spielzeit bis 1. August, Infos: www.burgfestspiele-roetteln.de.