Der Eingang zum Mauserstollen ist leicht zu entdecken. Foto: Strittmatter

Auf Bunker und Schutzanlagen sind die Menschen in der Ukraine gerade mehr denn je angewiesen. Es gab eine Zeit, da brauchte man sie auch in Deutschland. Auch im Kreis Rottweil. Was ist von diesen Relikten aus dunklen Tagen übig?

Kreis Rottweil - Der Krieg in der Ukraine weckt Erinnerungen an längst vergangene Zeiten. Auch in Deutschland haben Kriege ihre Spuren hinterlassen, wenngleich die Zahl der Zeitzeugen immer weiter sinkt. Nur die wenigsten im Kreis Rottweil wissen noch, wie es war, sich in dunklen Bunkern verschanzen zu müssen, während draußen die Sirenen heulten. Was von damals übrig ist, sind rostende, von Grün überwucherte Stahltüren in Felswänden. Doch was verbirgt sich dahinter?

 

Oberndorf war spät dran

Im Kreis Rottweil sind noch einige Relikte aus vergangenen Zeiten erhalten, zum Beispiel Luftschutzanlagen aus dem zweiten Weltkrieg. Die Schutzräume seien in Oberndorf entweder in die Hänge gegraben oder in den Kellerräumen diverser Häuser eingerichtet worden, so der Oberndorfer Stadtarchivar Simon Zimmermann. Die meisten seien nicht mehr erhalten. 

Oberndorf sei spät dran gewesen, was den Bau von Luftschutzstollen angehe. Um 1943 habe man festgestellt, dass die vorhandenen Anlagen nicht mehr reichen. 13.000 Plätze habe es etwa gegeben, aber Schutz haben nicht nur die Oberndorfer Einwohner gebraucht, sondern auch die vielen Berufspendler, Zeitarbeiter und auch Häftlinge. Erst da habe die Stadt damit angefangen, Bunker in Auftrag zu geben, wie Zimmermann über das Archivmaterial herausgefunden hat. Und deswegen seien auch längst nicht alle fertiggestellt worden, bevor der Krieg vorbei war.  

Alle privaten Keller auf Eignung geprüft

Es sind dennoch einige Bunker zusammengekommen, wie der Oberndorfer Höhlen- und Stollenexperte Wolfgang Strittmatter weiß. Er erforscht schon fast sein ganzes Leben lang, was in und um Oberndorf unter der Erde schlummert. Auf einen Erlass des Oberbefehlshabers der Luftschutzleitstelle Oberndorf mussten ab 1943 eilends in allen Stadtteilen Luftschutzstollen gebaut und Schutzräume organisiert werden, erklärt Strittmatter. "Die geologischen Verhältnisse um Oberndorf eigneten sich für den Bunkerbau relativ gut, sie stehen im Muschelkalkgestein und die ganze Oberstadt liegt auf einer bis zu 40 Meter mächtigen Kalktuffebene."

Zu den Planungen habe es konkrete Anweisungen gegeben, wie die Schutzräume einzurichten waren, sowie detaillierte Rettungs- und Verhaltensmaßnahmen für den Ernstfall, wie zum Beispiel die Verdunkelung aller Lichtquellen. Amtliche Abordnungen prüften im ganzen Stadtgebiet von Oberndorf alle privaten Gewölbekeller auf ihre Luftschutzeignung. "Ab 1944 wurden in der Oberstadt, in der Talstadt, im Webertal, auf dem Lindenhof, in der Dollausiedlung im Neckartal und im Ortsteil Aistaig Luftschutzstollen gebaut und öffentliche Schutzräume eingerichtet." Strittmatters Nachforschungen ergaben etwa 26 öffentliche Luftschutzanlagen, die damals entstanden sind.

Nur zwei Stollen seien heute noch erhalten, weil sie gut mit Beton ausgekleidet wurden. Viele andere seien inzwischen eingestürzt, hat Stadtarchivar Zimmermann herausgefunden. Der eine befinde sich neben dem Schwedenbau. Dieser stammt aus dem Jahr 1899 und wurde von den Mauser-Werken als Industriegebäude zur Herstellung von Waffen errichtet. Grund für den Neubau war ein anstehender Großauftrag aus Schweden - daher der Name. Heute ist er ein Kulturzentrum mit Museum. Und dort findet sich beim Parkplatz der Eingang zum Mauserstollen. 

Lindenhof war früher Adolf-Hitler-Siedlung

Über den Mauserstollen weiß Wolfgang Strittmatter viel zu berichten. In den Mauserwerken arbeiteten mehr als 11.000 Menschen. Zum Schutz vor feindlichen Luftangriffen habe man ab 1943 im westseitigen Berghang einen großen Luftschutzstollen für die betriebseigenen Arbeiter der Waffenfabrik gebaut. Acht Stollenzugänge führten dort zu den weit verzweigten Gängen und Schutzräumen, die bis Kriegsende 1400 Meter Länge erreichten, wie der Forscher herausgefunden hat.

Für die schweren Bergarbeiten seien hunderte von holländischen Zwangsarbeitern und auch Sträflinge aus dem sogenannten "Arbeitserziehungslager" bei Aistaig eingesetzt worden, die unter unmenschlichen Bedingungen bis zu zwölf Stunden lang am Tag das zähe Gestein herausbrechen mussten. "Dabei hörten die Anwohner der Bahnhofstraße jedes Mal das schaurige Klopfen der vorbeiziehenden Arbeitskolonnen mit ihren harten Holzpantoffeln durch die Straße dröhnen", weiß Strittmatter aus den Berichten der Zeitzeugen. "Der Lärm von ohrenbetäubenden Presslufthämmern, Schaufeln und Transportkarren und das Schreien und Schlagen der antreibenden Gestapo prägte die Geräuschkulisse."

Es sei nichts Ungewöhnliches gewesen, dass Zwangsarbeiter beim Stollenbau bis zur Erschöpfung ausgenutzt wurden. Ein in Vergessenheit geratener Bunker wurde nach über 50 Jahren im Dezember 2015 auf dem Areal der Lindenhofsiedlung wiederentdeckt. Nach einem Durchstoß fand man einen typischen Weltkriegs-Splitterschutzbunker mit verrosteten Blechbüchsen, Stacheldrahtresten und zerrissenen Gasmasken.

Laut der Erzählung des auf dem Lindenhof wohnhaften Zeitzeugen Erich Rottler sei der Bunker 1944 für die Anwohner der damaligen Adolf-Hitler-Siedlung - dem heutigen Lindenhof - gebaut worden. Dazu wurden jeden Tag Häftlinge des Arbeitserziehungslagers Aistaig hergebracht. "Die Zwangsarbeiter wurden auffallend streng zur Arbeit angehalten. Das Lager bei Aistaig war eine Einrichtung zur Brechung des Widerstands der Zwangsarbeiter. Tatsächlich herrschten dort nicht weniger grausame Zustände als in einem Konzentrationslager", erklärt der Forscher. "Prügelstrafen und Essensentzug waren an der Tagesordnung. Körperverletzung auch mit Todesfolge durch das Wachpersonal waren nach 1945 Gegenstand mehrerer Gerichtsverfahren."

Die Stollengänge auf dem Lindenhof wurden 2016 für ein Baugebiet abgebrochen. 

Ein Museum wäre zu teuer

Vor etwa zehn Jahren, so Stadtarchivar Zimmermann, sei die Idee aufgekommen, den Mauserstollen als Museum zugänglich zu machen. Es hätte jedoch in aufwendigen Bauarbeiten viel nachgerüstet werden müssen. "Schließlich hätte der Stollen auch für Besucher sicher gestaltet werden müssen." Aus Kostengründen sei die Idee wieder verworfen worden.

Der zweite erhaltene Schutzraum sei der sogenannte Pfalzstollen. Der liege unter dem Seniorenzentrum Haus Raphael. "Das war aber nicht immer ein Seniorenheim, sondern davor ein Feuerwehrhaus", erklärt der Archivar. Die Feuerwehr habe den Stollen aber nicht genutzt. Er liegt seit seiner Erbauung still, ebenso wie der Mauserstollen. Und beim Pfalzstollen gab es auch nie die Überlegung, ein Museum daraus zu machen. Die Schutzräume liegen versetzt übereinander, sodass jeder Raum tiefer ins Gestein führt, bis die Wände nur noch aus Kalkstein bestehen. "Ich war einmal unten", sagt Zimmermann. "Eine Leiter führt hinein. Die Räume sind inzwischen aber leider großteils zerfallen." 

Ein paar Schutzräume, die angefangen und nicht fertig gebaut wurden, gebe es noch auf der anderen Seite des Hangs, Richtung Boll und Bochingen. In der König-Wilhelm-Straße und der Barbarahaldenstraße zum Beispiel seien noch Eingänge zu ehemaligen Bunkern im Aufbau sichtbar. Dahinter verberge sich aber nicht mehr viel.

Im Bunker unter härtesten Bedingungen schuften

Auch in der Stadt Schramberg lohnt sich ein Blick ins Städtische Archiv. Stadtarchivar Carsten Kohlmann hat sich sogar die Mühe gemacht, einen sehr lebendigen Aufsatz mit Zeitzeugenberichten über die Luftschutzbunker aus dem zweiten Weltkrieg zu schreiben. Am Ende des Krieges stand die Stadt unter französischer Besetzung, wie er zu berichten weiß. Ein großer Teil der Bevölkerung habe Zuflucht in Schutzbunkern gesucht, insbesondere in der Uhrenfabrik Gebrüder Junghans AG. Die hatte in den Kriegsjahren im Stammwerk Geißhalde und im Zweigwerk Hamburg-Amerikanische-Uhrenfabrik (H.A.U.) tiefe Stollen in die umliegenden Berghänge bauen lassen.

Zu dem weitläufigen Bunkernetz ist bekannt, dass Ende 1944 allein in den Stollen eins und zwei - von drei - insgesamt knapp 3000 Menschen Zuflucht fanden. Stollen eins und drei waren aber zu großen Teilen mit Maschinen belegt. Für ausreichende Belüftung fand das Unternehmen aber keine Lösung, sodass dort tausende von Menschen unter härtesten Bedingungen für die Rüstungsproduktion arbeiten mussten.

Auch nach dem Krieg blieben die Bunker Teil der Uhrenfabrik. Das Unternehmen war ab den späten 1950er-Jahren wieder in der Rüstungsindustrie tätig und nutzte den Bunker bis zu den 1990er-Jahren als Lager. Später, nachdem immer größere Teile des Zweigwerks H.A.U. aufgegeben wurden, wurde das Fabrikgelände der Stadt überlassen. 

Als 2007 die Unternehmen endgültig ausgezogen waren, gründete die Eigentümerin des Fabrikgeländes, die Diehl-Stifung in Nürnberg, den Gewerbepark Junghans, wo sich Firmen ansiedeln konnten. Das Fabrikgelände ist seither frei zugänglich. Es gab Führungen über diesen bedeutenden Schauplatz der südwestdeutschen Wirtschaftsgeschichte - inklusive des gut zugänglichen Bunkers Stollen 3. In Kooperation mit dem Museums- und Geschichtsverein Schramberg sei das Stadtarchiv bemüht, die Führungen weiter zu professionalisieren. Am "Tag des offenen Denkmals" 2015 wurde eine Führung angeboten, bei der zum ersten Mal auch die sonst unzugänglichen Teile der Luftschutzbunker im Gewerbepark zu sehen waren.

Von Schächten und Gängen unterhöhlt

Regelrecht sagenumwoben ist der Untergrund der Stadt Rottweil. Regelmäßig tauchen bei Bauarbeiten Fundstücke aus der Römerzeit oder dem Mittelalter auf. Noch heute ist der Untergrund von mittelalterlichen Gängen durchzogen, wie dem Sprecher der Stadt, Tobias Hermann, schon oft zu Ohren gekommen ist. Türen gibt es zu dem Gangsystem kaum, der Einstieg führe durch Schachtdeckel. Unter dem Kapuziner-Keller solle es noch einen Zugang geben, doch er selbst habe das Tunnel-System auch noch nie erkundet, so der Sprecher. Viele der Gänge seien inzwischen eingestürzt. Unter den Straßen gibt es also einiges zu entdecken. So liegt der Gedanke nahe, dass die Menschen zu Zeiten des Krieges auch dort Zuflucht gesucht haben könnten.

Heute erinnert in Rottweil kaum noch etwas sichtbar daran, wie der zweite Weltkrieg getobt hat. Im Oktober 1944 gab es die ersten Luftangriffe. Gebäude lagen nach Bombeneinschlägen in Schutt und Asche, ebenso der Bahnhof. Schutzbunker hat es durchaus gegeben. Die vereins-verwaltete historische Internetplattform "Rottweiler Bilder" hat Informationen gesammelt, zum Beispiel über einen ehemaligen Bundeswehrstützpunkt, der inzwischen in privater Hand ist oder über den Bunker bei Neckartal 187 - ein Eingang zum Luftschutzbunker der Pulverfabrik. Der Luftschutzstollen wurde 1941 in die Erde gegraben. Nach dem Ende des Krieges wurden die beiden Eingänge der Bunkerröhre zugemauert. Wäre er noch zugänglich, käme man über 62 Stufen aus Beton in die Tiefe und durch verrostete und quietschende Stahltüren in den eigentlichen gemauerten Bunkergang. Die Belegschaft der Pulverfabrik brachte sich hier in Sicherheit, wenn Fliegeralarme und Bombardierungen stattfanden.

Auf der Seite finden sich außerdem Bilder vom Neckartal 307. "Noch vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges, im Jahre 1938, wurde dieser Luftschutzstollen im westlichen Hang des Talkessels projektiert und gebaut", ist dazu zu lesen. "Er ist in den Hang hinter den Gebäuden Neckartal 152 und Neckartal 303 getrieben worden." Der Eingang ist noch heute zu sehen.

Unter dem ehemaligen Staatlichen Aufbaugymnasium (ABG) liegt ebenfalls ein Bunker aus den Zeiten des Kalten Kriegs. Er wurde vor gut 25 Jahren entdeckt. Das Areal, auf dem sich der Bunker befindet, gehört dem Land Baden-Württemberg – verwaltet vom Amt Vermögen und Bau. Das Land hielt die Pläne damals so gut unter Verschluss, dass nicht einmal die Stadt eingeweiht wurde. 1967 suchte die Landesregierung nach einem Atombomensicheren Fluchtort. Im internationalen Krisenfall wäre die Landesregierung in die Räume des ABG eingezogen, um die zivilen Geschäfte von Rottweil aus weiterführen zu können. Der Bunker als dazugehöriger Schutzraum sollte im Fall unmittelbarer Bedrohung bezogen werden. Vier Wochen lang hätte die Landesregierung hier im Ernstfall Unterschlupf gefunden.

 Im Bunker befanden sich eine Notstromversorgung, eine Belüftungsanlage, eine ABC-Messstelle, Funkzentrale und Telefonanlage. Allerdings mussten die Gespräche von Hand vermittelt werden, weil elektronische Teile nach einem Atombomben-Abwurf schnell unbrauchbar werden würden. 1975 nahm die Landesregierung aber wieder Abstand von ihrem Vorhaben in Rottweil. Der Bunker erschien zu klein. Heute befindet sich der Atomschutzbunker der Landesregierung stattdessen in Oberreichenbar im Kreis Calw.