Am bundesweiten Vorlesetag ist Oberbürgermeister Roland Tralmer zum Zeitdetektiv geworden, Baubürgermeister Udo Hollauer hatte fünf Hunde im Gepäck, Finanzbürgermeister Steve Mall hat Martins Mantel geteilt und ins PGT schwappte die Welle.
Einen wichtigen Termin hat Oberbürgermeister Roland Tralmer am Freitag: In Tübingen. Im Regierungspräsidium. Es geht um die Straßen, auch um jene, welche die Albstädter wollen. „Nicht dass die uns vergessen“, kommentiert er. Seinen wichtigsten Termin hat der 56-Jährige aber schon um 8 Uhr morgens. In der Schalksburgschule. Nicht bei Schulleiterin Bärbel Göttling-Lebherz, sondern bei den Kindern. Denn am Freitag ist bundesweiter Vorlesetag, und Tralmer sitzt deshalb vor einer Grundschulklasse und liest d vor aus einem Buch von Fabian Lenk: „Die Zeitdetektive – Kolumbus und die Meuterer“.
Dass Christoph Kolumbus Amerika entdeckt hat, wissen die Kinder schon; doch wie spannend das alles war, bis der gebürtige Genueser im Auftrag von Königin Isabella I. von Kastillien mit seinen drei Schiffen Nina, Pinta und Santa Maria auf dem Weg nach Westen jenen Kontinent erreichte, den er zeitlebens für Indien hielt, das ist vielen noch nicht bekannt.
Also hören sie besonders aufmerksam zu – ebenso wie ihre Lehrerinnen Lea-Katharina Scherl und Brigitte Kurz sowie die Rektorin, die sich sehr über den Besuch des Stadtoberhaupts freut. Schließlich ist es Tralmers Einstand als vorlesender Oberbürgermeister.
„Schaut doch öfters mal in der Stadtbücherei rein – da eröffnet sich eine Welt“
Ein gelungener noch dazu: Nicht einen einzigen Knoten in der Zunge muss Tralmer aufdröseln, liest fehlerfrei und lebendig – und animiert die Kinder, doch öfters mal in der Stadtbücherei reinzuschauen, denn dort gebe es eine ganze Welt von Büchern. „Damit könnt Ihr reisen, ohne vom Sofa aufzustehen“, verrät er den Kindern und lädt sie zudem ein, ihn mal im Rathaus zu besuchen, um nachzusehen, was ein OB alles macht, wenn der Tag lang ist. Die Kinder freuen sich jetzt schon darauf.
Auf einen ganzen Rucksack an Erfahrung im Vorlesen können Tralmers Bürgermeisterkollegen zurückgreifen: Baudezernent Udo Hollauer und Finanzdezernent Steve Mall haben beide zwei Kinder und viel Übung darin, sie zum Betthupferl noch mit einer Geschichte zu beschenken. Eva Ibbotsons lustiges Kinderbuch „Fünf Hunde im Gepäck“ hat Hollauer mit in die Lutherschule gebracht und offenkundig selbst viel Spaß beim Vorlesen. Dabei blickt er immer wieder auf, schaut die Kinder an, nimmt alle mit. G’lernt ist halt g’lernt.
Dasselbe gilt für Steve Mall, der im Kindergarten in Margrethausen nicht nur vorliest, sondern in Nullkommanix auch die Namen der Kinder auswendig drauf hat und sich zudem im Kindergarten umschaut – schließlich ist sein Dezernat dafür zuständig, dass es dort gut läuft.
Von Nächstenliebe und der Entstehung von Faschismus
Sein Buch heißt „Martins Mantel“, und die Autoren Erich Jooß und Renate Seelig erzählen damit nicht nur eine der bekanntesten Heiligen-Geschichten, nämlich die vom Mantel, den Sankt Martin geteilt hat, damit sich ein Bettler mit der anderen Hälfte ebenfalls wärmen kann – das Buch ist auch reich bebildert. So haben die Kinder etwas anzuschauen von ihrem gemütlichen Kindersofa aus.
Nicht gemütlich, aber wichtig ist das Thema, mit dem sich die Siebtklässler des Progymnasiums Tailfingen am bundesweiten Vorlesetag beschäftigen: Morton Rhues Klassiker „Die Welle“ ist zwar auch schon verfilmt worden, dennoch kennt erst ein Schüler die Geschichte vom Experiment, das ein junger Geschichtslehrer anzettelt, um seinen Schülern zu zeigen, wie Faschismus entsteht.
Der Rat „Hinterfragt, was Ihr hört, seht und lest. Lauft niemandem blind hinterher. Lasst Euch nicht vor den Karren von Extremisten spannen!“ ist es, was die Schüler von dieser nicht alltäglichen Schulstunde mitnehmen. Was ihnen heute vorgelesen wurde, hat einige doch spürbar zum Nachdenken gebracht.