Die Ziele in Mali wurden zwar nicht alle erreicht, doch ein Truppenabzug des Westens aus Mali hätte für ganz Westafrika verheerende Konsequenzen, sagt der Afrika-Experte Matthias Basedau (53). Aber er sieht Unterschiede zu Afghanistan.
Johannesburg - Matthias Basedau (53) ist seit Oktober 2018 Direktor des GIGA Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. Der gebürtige Heilbronner lehrt seit 2013 als Professor an der Universität Hamburg.
Herr Basedau, wie wichtig ist Mali für die Sicherheit in Europa und Deutschland?
Mali ist sicherheitspolitisch schon wichtig. Das Land ist neben Somalia und Nigeria Ausgangspunkt der dschihadistischen Welle, die sich derzeit in Afrika ausbreitet. Auch wegen der Flüchtlinge ist das außenpolitisch von Bedeutung.
Mit dem Anheuern der russischen Söldnertruppe Wagner spielt Malis Militärregierung mit dem Feuer. Was steckt dahinter?
Es ist ein Risiko, aber kein unbegründetes. Erstens bedeutet Frankreichs Teilabzug, dass Mali Unterstützung braucht. Alleine kann Malis Militär gegen die Dschihadisten nicht bestehen. Die Hinwendung an Russland ist ein Signal: „Wir haben Alternativen.“ Es ist der Versuch, Frankreich zum Bleiben zu bewegen, könnte aber zur Kurzschlusshandlung eines Totalabzugs führen.
Die Söldner sind da. Wie können sich die französischen und deutschen Soldaten unter diesen Umständen nicht zurückziehen?
Sich jetzt völlig aus Mali zurückzuziehen, würde ich für falsch halten. Ob es möglich ist, sich mit den Russen zu koordinieren oder mit ihnen zu kooperieren, sei dahingestellt. Dazu gehört wohl etwas Fantasie.
Hatte sich der Abzug nicht ohnehin angedeutet? Die Präsenz der westlichen Truppen hat nichts gebracht, sie war sogar kontraproduktiv.
Tatsächlich wurden die Ziele nicht alle erreicht. Aber stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn es 2013 gar keinen Einsatz gegeben hätte! Immerhin wurde ein islamistischer Staat in Mali verhindert und die Ausbreitung des Dschihadismus zumindest gebremst.
Die Präsenz der Franzosen hat viele Westafrikaner den Dschihadisten in die Hände getrieben. Als ehemalige Kolonialmacht, aber auch, weil der Westen das malische Militär unterstützt, das wegen Menschenrechtsverletzungen gegenüber der Bevölkerung einen schlechten Ruf hat.
Auch da wäre ich vorsichtig. Es stimmt, dass die Rolle Frankreichs in der Region aus geschichtlichen Gründen problematisch ist. Aber der Einsatz wurde von der Bevölkerung anfangs frenetisch begrüßt. Die Leute waren froh, dass sie von den Dschihadisten befreit wurden. Das Dilemma ist, dass Frankreich einer der wenigen Staaten ist, der sich in Mali zu engagieren bereit ist, aus historischen und politischen Gründen, aber nicht unbedingt der ideale Partner ist. Das ist für Deutschland relevant: Wir sind in Mali hauptsächlich wegen des Bündnisses mit Frankreich, sind dort aber der Juniorpartner, mit unterschiedlichen Interessen.
Was würden Sie Berlin raten: Die Soldaten schnell abziehen oder nicht?
Ich habe Verständnis dafür, wenn man sie nicht unnötig einer Gefahr aussetzt. Vor einem unilateralen Abzug Deutschlands würde ich allerdings warnen. Das würde Ärger mit Paris bedeuten und die außenpolitische Reputation Berlins beschädigen. Aber wenn Frankreich sich komplett zurückzieht, wird zweifellos auch Deutschland gehen.
Droht ein zweites Afghanistan?
Es gibt Unterschiede zu Afghanistan – etwa dass es im Sahel kein Pakistan gibt. Die Frage ist, welche Lehren aus dem Scheitern in Afghanistan gezogen werden. Dass die Zusammenarbeit mit einer unwilligen Regierung nicht funktioniert? Dass eine militärische Bekämpfung des Extremismus scheitern muss? Oder dass ein plötzlicher Abzug fatale Folgen hat? Für mich ist wichtig, dass ein Totalabzug aus Mali für ganz Westafrika verheerende Konsequenzen haben würde.
Was also tun?
Wir dürfen keine zu hohen Erwartungen haben. Wir meinen, mit einem mäßigen Mitteleinsatz von außen die Verhältnisse in Afrika schnell und nachhaltig verändern zu können. Das funktioniert nicht. Ein realistisches Ziel ist, den militanten Dschihadismus zu bremsen, seine Finanzierung zu stoppen und mit ziviler Unterstützung der Regierung der Attraktivität der Islamisten zu begegnen.