Zivilisten werden im Rahmen von „Ungedient für die Reserve“ zu Soldaten ausgebildet. Foto: Wolff

Das Projekt „Ungedient für die Reserve“ gewinnt angesichts der aktuellen geopolitischen Lage an Bedeutung. Dabei werden Zivilisten ohne militärischen Hintergrund ausgebildet, um einen Beitrag zur Sicherheit Deutschlands zu leisten.

Ein warmer Sommertag liegt über der Alb-Kaserne in Stetten am kalten Markt (Kreis Sigmaringen). In der Ferne hallt das Knallen von Gewehrschüssen wider, während eine Gruppe von Rekruten über den staubigen Übungsplatz marschiert.

 

Zwischen den Soldaten, die das G36 fest im Griff haben und schwer bepackt mit Ausrüstung das Gelände durchstreifen, fällt Jerome auf. Mit entschlossenem Blick und gleichmäßigen Schritten bewegt sich der 34-jährige Investmentberater aus Stuttgart vorwärts. Dies ist sein erster echter Kontakt mit dem Militär, und er hat eine klare Motivation: „Ich will Deutschland etwas zurückgeben.“

Simulierte Gefechtssituationen und unwegsames Gelände

Jerome ist einer von 54 Teilnehmern des Programms „Ungedient für die Reserve“, das vom Landeskommando Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit der Landesgruppe Baden-Württemberg des Verbandes der Reservisten durchgeführt wird. Die Ausbildung, die in der Alb-Kaserne, richtet sich an Personen, die nie zuvor bei der Bundeswehr gedient haben und mitten im zivilen Leben stehen – Menschen wie Jerome.

Die Ausbildung erstreckt sich über vier Module, verteilt auf insgesamt 17 Tage. Die Teilnehmer sind eine bunt gemischte Gruppe im Alter von 18 bis 62 Jahren, deren zivile Jobs von Kraftfahrzeugmechatroniker bis zum Ingenieur reichen. Diese Vielfalt stellt auch die Ausbilder vor besondere Herausforderungen.

Eine von ihnen ist Linda, 31 Jahre alt und im zivilen Leben im Vertrieb von erneuerbaren Energien tätig. Sie hat 2022 selbst an dem Programm teilgenommen und leitet nun als stellvertretende Gruppenführerin die ungedienten Rekruten durch das unwegsame Gelände des Truppenübungsplatzes. „Manchmal ist es einfach der Kopf, nicht der Körper – ich helfe den inneren Schweinehund zu überwinden“, erklärt sie.

Jerome ist Teil der aktuellen Ausbildungsgruppe des Programms. Foto: Wolff

Kurz vor Ende des vierten Moduls erreichen die angehenden Reservisten einen entscheidenden Punkt ihrer Ausbildung: die Hauptübung. 36 Stunden im Feld, in denen sie alles bereits Gelernte umsetzen müssen. Kaum Schlaf, schweres Gepäck und der Hindernisparcours verlangen den Teilnehmern alles ab. Es geht um Straßensicherung und Gefechtssituationen, immer das Gewehr im Anschlag und den Rucksack mit der gesamten Ausrüstung auf dem Rücken.

Deutschland in einer Hybridform zwischen Krieg und Frieden

Die Ausbildung zum Reservisten mag intensiv und fordernd sein, doch für Jerome und seine Kameraden bedeutet sie auch, Teil einer starken Gemeinschaft zu werden. Die gegenseitige Unterstützung und das Füreinander-Einstehen unter den Kameraden sei eine besondere Erfahrung für ihn. Nach seiner Ausbildung plant er, in einer Heimatschutzkompanie zu dienen und könnte sich sogar vorstellen, Feldwebel der Reserve zu werden.

Linda hat selbst am Programm teilgenommen und ist jetzt Ausbilderin. Foto: Wolff

Der Pressesprecher des Landeskommandos Baden-Württemberg, Stephan Voges, betont die Bedeutung des Projekts. „Deutschland befindet sich in einer Hybridform von Krieg und Frieden – nicht ganz Frieden, nicht Krieg“, erklärt er. Die Ausbildung der Reservisten sei ein wichtiger Schritt, um Kapazitäten wieder aufzubauen, die in den vergangenen Jahren abgebaut wurden. „Reservisten sind im Verteidigungsfall von besonderer Bedeutung“, fügt Oberst Thomas Köhring, Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg hinzu. Sie sollen im Ernstfall die kritische Infrastruktur im Landesinneren sichern, während die aktiven Soldaten an den Verteidigungslinien der Europäischen Union eingesetzt sind.

Eine vierte Heimatschutzkompanie soll entstehen

Insgesamt haben seit dem Start von „Ungedient für die Reserve“ (2018), in Baden-Württemberg etwa 172 Teilnehmer die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und sind nun Teil der Heimatschutzkompanien. Bisher gibt es in Baden-Württemberg drei solcher Kompanien, und im Oktober soll eine vierte in Pfullendorf, ebenfalls Kreis Sigmaringen, entstehen. Der Bedarf und das Interesse an dem Programm sind groß. „Die Rekruten kommen mit hoher intrinsischer Motivation, und auch der Ukraine-Effekt spielt für viele eine Rolle“, so Voges.

Am Ende der 17 Tage und nach Abschluss der vier Module haben die Rekruten die Basisbefähigung. Der Ausbildungsstand lautet „Soldaten Streitkräfte“, in den Heimatkompanien können sie sich fortbilden. Für viele wie Jerome ist dies der Beginn eines neuen Kapitels in ihrem Leben. Denn für ihn ist „Deutschland, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und das soll so bleiben und dafür will ich einstehen“, und auch Lisa will sich weiterhin dafür einsetzten, dass „Deutschland auch in Zukunft sicher bleibt und man in Frieden aufwachsen kann“ dafür sind sie bereit, ihren Beitrag zu leisten.

„Ungedient für die Reserve“

Programm
Die Ausbildung, mit der der Heimatschutz gestärkt werden soll, richtet sich an Personen die noch nicht gedient haben, sich für Deutschland freiwillig engagieren wollen und im Alter zwischen 18 und 65 Jahren sind. Sie werden zum Reservisten ausgebildet.

Infoveranstaltung
Für die nächste Ausbildung im Projekt „Ungedient für die Reserve“ findet am 12. und am 19. Oktober statt eine Infoveranstaltung statt. Interessierte können sich unter der Mail: LKdoBWResArb@Bundeswehr.org melden.