Für die Flüge aus Kabul gebührt der Bundeswehr Dank. Die Truppe kann nichts dafür, dass es politisch und menschlich leider nur um Schadensbegrenzung ging, wie unser Berliner Korrespondent Christopher Ziedler meint.
Berlin - Sie kehren als Heldinnen und Helden zurück. Das lässt sich ohne falsches Pathos von jenen Frauen und Männern behaupten, die in den vergangenen zehn Tagen unter Einsatz ihres Lebens 5347 Menschen aus Afghanistans Hauptstadt Kabul ausgeflogen und vor möglicher Rache der Taliban in Sicherheit gebracht haben. Die Soldaten dürfen mit Recht stolz darauf sein, jedem einzelnen dieser Schicksale eine positive Wendung gegeben zu haben. Die Dankbarkeit der Geretteten spricht für sich.
Einsatzfähigkeit bewiesen
Die so häufig kritisierte Bundeswehr hat mit der jetzt beendeten Evakuierungsoperation unter Beweis gestellt, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen einsatzfähig und verlässlich ist. Die Ausrüstung, das eigene Gerät und Material, in der Vergangenheit immer wieder auch Anlass für Hohn und Spott, bot im Laufe der Operation keinen weiteren. Das Zusammenspiel mit anderen Nationen, über Jahre in Afghanistan nicht zuletzt mit den Amerikanern erprobt, hat auch in einer extremen Drucksituation funktioniert. Anders als der US Army war der Bundeswehr auch das notwendige Glück beschieden, bei den Anschlägen am Flughafen von Kabul keine Opfer beklagen zu müssen.
Wer die Gesamtsituation jenseits des Evakuierungseinsatzes betrachtet, muss hingegen zu einem sehr viel nüchterneren, negativeren Urteil kommen. Die Bundeswehr hat in einer politisch beschämenden Gemengelage vom deutschen Ansehen in der Welt gerettet, was zu retten war. Weil die Bundesregierung im Geleitzug der westlichen Staatengemeinschaft die Stärke der Taliban massiv unter- und die der afghanischen Staatsarmee fatal überschätzt hat, blieb viel zu wenig Zeit, um all jenen aus Afghanistan herauszuhelfen, denen zuvor Schutz und Obhut versprochen worden war. Viele Ortskräfte der Bundeswehr und deutscher Entwicklungsorganisationen mussten zurückgelassen werden. Nicht einmal alle deutschen Staatsangehörigen, die das Land verlassen wollten, sind an Bord gewesen. Ob das diplomatische Bemühen Früchte trägt, den Taliban weitere, nachträgliche Ausreisen abzutrotzen, steht in den Sternen.
Großer Unmut in der Truppe
Für die Fehler der Politik können die Soldatinnen und Soldaten nichts, ihre Mission war dennoch von Anfang an nur eine zur Schadensbegrenzung. Das ist ein bitterer Befund, der den persönlichen Leistungen nicht gerecht wird. Wie überhaupt sich gerade viel Unmut und Wut Bahn brechen unter den Afghanistan-Veteranen, die mitansehen mussten, wie in kürzester Zeit wegen politischer Fehleinschätzungen zusammengebrochen ist, wofür sie fast zwei Jahrzehnte am Hindukusch kämpften. Nicht umsonst versuchen die Repräsentanten dieses Landes, die bleibenden Verdienste herauszustellen. Davon, dass die „Saat der Freiheit“ gesät worden sei, sprach Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in der Plenardebatte am Mittwoch. Kanzlerin Angela Merkel würdigte, dass von Afghanistan durch den Bundeswehreinsatz nach dem 11. September 2001 keine Terrorgefahr für Deutschland mehr ausging.
Dennoch wird auch die Bundeswehr nach dem, was nun war, ihr eigenes Rollenbild und ihre Zielvorgaben überdenken müssen. Muss es möglich sein, auch ohne Hilfe der Nato-Führungsmacht USA zumindest im europäischen Verbund einen Flughafen wie in Kabul länger zu halten, weil das im deutschen Interesse gewesen wäre? Oder lässt man nach den jüngsten Ereignissen lieber ganz von Interventionen ab, was genauso Risiken birgt, wenn die terroristische Bedrohung, wie sich das leider andeutet, wieder steigt? Die freudige Erleichterung über den gelungenen Noteinsatz ist der Truppe nur kurz vergönnt.