Martin Rosemann, SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Tübingen-Hechingen, hat sich zum Gespräch mit unserer Redaktion auf dem Obertorplatz getroffen. Foto: Roth

Bei der Bundestagswahl 2025 tritt Martin Rosemann, SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Tübingen-Hechingen, nicht mehr an. Mit ein Grund ist die Verrohung des Umgangs in den „sozialen Medien“, wie er im Interview mit unserer Redaktion erklärt.

Martin Rosemann (47), SPD-Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Tübingen-Hechingen, hat im Juli verkündet, bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr zu kandidieren. Mit unserer Redaktion spricht er über die Hintergründe, seine Vorhaben im letzten Jahr als Abgeordneter in Berlin und den zunehmenden Populismus.

 

Herr Rosemann, vor rund zwei Monaten haben Sie verkündet, bei der Bundestagswahl 2025 nicht mehr für die SPD im Wahlkreis Tübingen-Hechingen zu kandidieren. Bereuen Sie inzwischen Ihre Entscheidung?

Rosemann: Nein. An meiner Entscheidung hat sich nichts geändert. Diese war ja auch gut überlegt. Ich wollte nie bis zur Rente Politik machen und habe mir eine innere Deadline gesetzt. Dass es jetzt passiert, hat drei Gründe.

Und diese drei Gründe sind?

Erstmal bin ich der Ansicht, dass, wenn ich nochmal etwas Neues machen will, schon die vier beim Alter vorne stehen sollte. Dazu kommt, dass das Pendeln als Abgeordneter zwischen dem Wahlkreis in der Region und Berlin für das Familienleben nicht leicht ist. Als Bundestags-Politiker bin ich die Hälfte des Jahres in der Hauptstadt und an den Wochenende viel unterwegs. Und der dritte Grund ist, dass dieses innere Feuer für die Politik nicht mehr so stark in mir lodert wie zu Beginn meines Daseins als Abgeordneter. Und mein Anspruch ist es schon, dass, wenn ich etwas mache, dies auch mit vollem Herzblut verfolge. Für mein letztes Jahr im Bundestag bin ich aber weiter hochmotiviert.

Welche Projekte liegen Ihnen denn noch am Herzen?

Als Sprecher für Arbeit und Soziales der SPD-Fraktion stehen noch mehrere größere Vorhaben auf der Agenda. Ein Anliegen meinerseits – und auch ein zentrales Versprechen der SPD aus dem Wahlkampf – ist die Umsetzung des Rentenpakets II und die damit verbundene Sicherung des Rentenniveaus über das Jahr 2025 hinaus. Denn die staatliche Rente soll auch für die nächsten Generationen verlässlich bleiben und damit Sicherheit geben. Daher sollte sie auch weiterhin mit den Löhnen steigen. Vor der Brust haben wir auch den Haushalt 2025. Mit dem Wachstumspaket ist es unser Anliegen, Impulse für mehr Wachstum im Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu setzen. Die wirtschaftliche Situation ist derzeit schwierig, die starke Abhängigkeit Deutschlands von internationalen Märkten wird sichtbar. Wichtig ist mir zu betonen, dass der Haushalt 2025 – anders wie häufig geschrieben – kein Sparhaushalt wird. Die Investitionen befinden sich auf Rekordniveau. Außerdem arbeiten wir aktuell an einer Tariftreue-Regelung. Aktuell haben wir nur noch circa 50 Prozent Tarifbindung in Deutschland. Das wirkt sich negativ auf die Arbeitsbedingungen aus. Doch wir wollen, dass gute Arbeit mit guten Löhnen belohnt wird. Darum werden wir unter anderem festlegen, dass Unternehmen Aufträge des Bundes nur erhalten können, wenn sie tarifliche Standards einhalten.

Als Experte für den Arbeitsmarkt: Wie spüren Sie den Fachkräftemangel im Alltag?

Dass der Fachkräftemangel schon heute besteht, erlebt jeder Bürger in verschiedenen Situationen. Ein Beispiel: Auch ich als Abgeordneter und Familienvater merke, dass die Kita wegen Personalmangels nur eingeschränkte Betreuungszeiten anbietet. Oft wird behauptet, wir Abgeordneten säßen in Berlin in einer Blase. Dem will ich aber ausdrücklich widersprechen. Und klar ist: Dieser schon heute spürbare Fachkräftemangel wird sich zeitnah weiter verschärfen, wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht.

Bleibt die Frage, wie der Fachkräftemangel abgefedert werden kann?

Da gibt es sicher nicht die eine Lösung. Ein großes Potenzial sehe ich weiter in der Steigerung der Erwerbstätigkeit von Frauen. Damit das möglich ist, plädiere ich für die Subventionierung von haushaltsnahen Dienstleistung wie einer Reinigungskraft für die Mittelschicht. Dazu bin ich der Ansicht, dass Kindergärten kostenfrei werden müssen. So könnten Frauen im Alltag entlastet werden und ihren Beschäftigungsumfang erhöhen. Angewiesen sind wir auch auf Einwanderer. Dabei sollten wir ausländische Bildungsabschlüsse endlich schneller anerkennen. Nicht zuletzt dürfen wir Jugendliche nicht ohne Anschlussperspektive aus der Schule gehen lassen. All diese Faktoren summieren sich auf.

Zurück in Ihren Wahlkreis Tübingen-Hechingen: Wie können Sie die Interessen der Region überhaupt in Berlin einbringen?

Da gibt es mehrere Dimensionen. Einmal können handfeste Interessen direkt in Berlin eingebracht werden. Beispielsweise habe ich darauf gedrängt, den B27-Ausbau in den vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans zu befördern. Dann beschließen wir im Bundestag natürlich Gesetze, die in die Lebensrealität der Kommunen vor Ort hineinragen. Da bin ich mit den Bürgermeistern im Wahlkreis in regelmäßigem Austausch und erfahre, wo der Schuh drückt. Und dann kommt es auch vor, dass mich Bürger ansprechen oder zu mir in die Sprechstunde kommen und Probleme aus der Lebenspraxis aufzeigen.

Apropos Austausch mit Bürgern: In Zeiten „sozialer Medien“ werden immer häufiger Politiker im Internet angefeindet. Haben Sie diese Erfahrung auch schon machen müssen?

Tatsächlich ist es bei uns in der Region noch entspannt. Bedroht wurde ich noch nie. Aber ich kenne Kollegen, deren Autos beschmiert und Anschläge auf deren Wahlkreisbüros verübt wurden. Diese Verrohung des Umgangs in den „sozialen Medien“ und der zunehmende Populismus sind aber mit ein Grund, weshalb dieses innere Feuer für die Politik nicht mehr so stark in mir lodert.

Was werden Sie dennoch an Ihrer Tätigkeit als Abgeordneter vermissen?

Der Einblick in die Lebensrealität von Menschen unterschiedlichster gesellschaftlicher und sozialer Schichten wird mir fehlen. Ob Bürgergeldempfänger, Unternehmer oder Vereinsvorstand – diese Vielfalt gibt es sonst in nur wenigen Berufen.

Und was planen Sie für die Zeit nach der Politik?

Ich habe ein paar Sachen im Kopf. Die ersten Gespräche laufen. Noch ist aber nichts davon druckreif.

Zur Person Martin Rosemann

Geburt
  Martin Rosemann ist in Bad Saulgau geboren und in Tübingen aufgewachsen. Er ist 47 Jahre alt, verheiratet und Vater eines neunjährigen Sohnes und einer sechsjährigen Tochter.

Erste Kandidatur
Martin Rosemann war zur Bundestagswahl 2009 erstmals als Nachfolger von Herta Däubler-Gmelin als Bundestagskandidat im Wahlkreis Tübingen angetreten. Damals verpasste er aufgrund des bundesweit schlechten Ergebnisses der SPD den Einzug in den Bundestag. Dieser gelang ihm im Jahr 2013. Seither sitzt Rosemann im Bundestag.