Die Bundestagskandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien aus dem Wahlkreis Calw/Freundenstadt (von links): Marcus Lotzin (AfD), Klaus Mack (CDU), Sara Haug (Grüne), Saskia Esken (SPD), Thomas Hanser (Linke) und Michael König (FDP). Foto: Kunert

Sechs Bundestagskandidaten aus dem Wahlkreis Calw/Freudenstadt trafen bei der Podiumsdiskussion der evangelischen und katholischen Bildungswerke in den Kreisen Calw und Freudenstadt im Nagolder Kubus aufeinander. Über weite Strecken war das alles artige Polit-Folklore.

Nagold - Klaus Mack (CDU), Saskia Esken (SPD), Sara Haug (Grüne), Thomas Hanser (Linke), Michael König (FDP) und Marcus Lotzin (AfD) stellten sich dem Schlagabtausch. Allein die ja mittlerweile zum Polit-Bundesprofi aufgestiegene Esken hatte da vielleicht einen Promi-Bonus: Erst verspätete sie sich um 45 Minuten, weil ihr Flieger aus Berlin – bei ihrem ersten Flug nach zwei Jahren, wie sie sagte – nicht pünktlich abgehoben hatte. Dann bekam sie dafür auch noch ein paar "Extras" von den Moderatoren zugestanden, um ihre verlorene Redezeit aufzuholen. Was Esken weidlich nutzte, um vor allem den AfD-Kandidat mal auf offener Bühne Paroli zu bieten – etwa beim Thema Lieferkettengesetz: Im Bundestag hatte die AfD dagegen gestimmt, im Kubus vor Publikum (und im Video-Livestream fürs Internet) war AfDler Lotzin nach Nachhaken von Esken natürlich auch dafür, dass zum Beispiel das hiesige Unternehmen Rittersport mit seinen "fairen" Einkaufsbedingungen durch eben jenes Gesetz vor mit Kinderarbeit ausbeutender Konkurrenz geschützt würde.

Genau in solchen Momenten flackerte er auf, war er dann tatsächlich zu spüren – der Wahlkampf. Emotionen, Leidenschaft. Aber Esken, wie von den beiden Moderatoren Nicole Uhde und Tobias Götz richtig eingeführt, dürfte mit einem Listenplatz eins ihrer Partei in Baden-Württemberg ziemlich sicher für die Region auch ohne Direktmandat in den nächsten Bundestag einziehen. Was sie hier zwar nicht außer Konkurrenz auftreten ließ – aber Esken war doch sehr viel deutlicher von keiner irgendwie gearteten Wahlkampftaktik geprägt wie eben die Mitbewerber. Was die anderen Fünf doch stets sehr viel vorsichtiger ihre Worte wählen ließ als die mittlerweile Talkshow-gestählte SPD-Frontfrau. Sieht man mal davon ab, dass immer mal wieder auch von den anderen die eigene Redezeit dauerquasselnd überzogen wurde. Oder die von den Moderatoren an die jeweiligen Kandidaten ziemlich konkret formulierten Fragen mit allgemeinem Parteiprogramm-Gewäsch beantwortet wurden.

So blieb es auch im Kubus an diesem Abend aber eben nur bei den "Momenten" mit echten Wahlkampf. Ansonsten sahen die 40 Neugierigen im Saal – und noch mal vielleicht hundert im Live-Stream – ein eher dröges Abfragen und Herunterbeten der jeweils bekannten Positionen, je nach Parteibuch. Mit dem sicher erwartbaren Schwerpunkt "Klimawandel" – bei dem die beiden Moderatoren sichtbar versuchten, mal neue Aspekte zum Thema den Podiumsteilnehmern zu entlocken. Etwa als die Grüne-Kandidatin Haug mal erklären sollte, wie die von ihrer Partei propagierte Radikal-Energiewende für eine Muster-Familie aus Nordschwarzwald bezahlbar bleiben soll, wo mindestens zwei Autos gebraucht werden für alle Wege zur Arbeit, Schule, Versorgung? Da blieb die Antwort mit dem Verweis auf das "Energiegeld" ziemlich unkonkret und klang auch hier eher nach auswendig gelerntem Parteiprogramm.

Zum Ende der Rundewerden auch kirchliche Themen aufgegriffen

Da war es dann irgendwie schon erfrischend, als – ziemlich zum Ende der Runde – die beiden kirchlichen Moderatoren auch nach kirchlichen Themen fragten: Will etwa die Linke eine "Taufverbot" einführen für Kinder unter 14 Jahren, wenn – laut Parteiprogramm – jeder Mensch autonom und nicht mehr durch Geburt automatisch über seine Zugehörigkeit zu einer Kirche entscheiden soll?

"Damit habe ich mich nicht so beschäftigt", gestand Linken-Kandidat Hanser ein. Was, wie Moderator Götz kommentierte, irgendwie auch schon Mut brauchte vor so einer Kulisse und Öffentlichkeit.

Allerdings gab es an diesen Abend auch noch einen richtigen Lichtblick – und das waren die Fragen des Publikums im Saal und daheim vorm Live-Stream. Denn diese Fragen zeigten irgendwie, dass die Menschen da draußen ganz andere Themen interessieren als die Wahlkampfstrategen ihren Kandidaten in die Agenda geschrieben haben.

Wie zum Beispiel solle der Umbau der Landwirtschaft stattfinden, um das weitere Bienensterben zu verhindern? Antwort der Kandidaten unisono und nur in Nuancen mit Unterschieden: Durch eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft – und Abbau der Flächensubventionen durch die EU. Oder – und das war leider auch schon die Abschlussfrage der Veranstaltung: Wie stehen die Kandidaten zu einem Tempolimit auf den Autobahnen? Esken (wegen Klima und weniger Stress beim Fahren) und Haug (weniger Feinstaub und Lärm) sind ausdrücklich für das Tempolimit.

Klaus Mack ist für eine "dynamische Regulierung", aber nachts sollte es bitte "freie Fahrt" auf leeren Autobahnen geben.

Und König ("bringt nichts!") und Hanser ("habe da eine andere Meinung als meine Partei") sind eindeutig gegen das Tempolimit.

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