Gerade schreibt er noch seine Bachelorarbeit fertig, danach hat er gute Aussichten, als Bundestagsabgeordneter nach Berlin zu gehen: Julian Grünke, 25 Jahre alt und Bundestagskandidat der FDP im Wahlkreis Hechingen-Tübingen, ist selbst erstaunt über diese Dynamik.
Hechingen/Tübingen - Denn als er vor einem Jahr auf Platz 18 der Landesliste gewählt wurde, konnte er sich kaum Chancen auf ein Mandat ausrechnen. Da war die FDP in Umfragen einstellig. "Ich wollte Wahlkampf machen, meine Partei unterstützen", begründet der Tübinger Student (Politikwissenschaft und BWL) seine Kandidatur für den Wahlkreis mir der Studentenstadt Tübingen, wo die FDP traditionell einen schweren Stand hat. Mittlerweile werden der FDP 13 Prozent zugetraut. Das könnte reichen für Grünkes Listenplatz.
Die guten FDP-Umfragewerte freuen ihn natürlich, aber Karrieredenken habe ihn nicht zu dieser Partei geführt, versichert er. "Mich reizt das inhaltliche Denken", sagt er und sprüht geradezu vor Freude, die Standpunkte seiner Partei zu vertreten und zu diskutieren.
Verbiegen müsse er sich dazu nicht, sagt er. Von Jugend an habe er eine Einstellung gehabt, die zur FDP passe. "Aber in Nagold, wo ich aufwuchs, gab es keine FDP-Ortsgruppe".
Gerechtigkeit im Sinne von Honorierung eigener Leistung und die Wahrung von Bürgerrechten seien ihm schon als Schüler wichtig gewesen. Das Hinterfragen von Routinen. Die Eltern hätten mit ihm und den beiden Geschwistern viel ausdiskutiert und auch nachgegeben, wenn der Nachwuchs die besseren Argumente hatte. Und der Wert der individuellen Freiheit und der Bürgerrechte sei ihm immer wichtig gewesen.
Schließlich war es Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP mit ihrem Eintreten gegen den großen Lauschangriff, die ihn für die FDP begeisterte. Als Student in Tübingen engagierte er sich sofort bei den Liberalen. Mittlerweile ist er Stadtverbandsvorsitzender der Partei, stellvertretender Vorsitzender der Jungen Liberalen in Tübingen sowie Leiter des Arbeitskreises Handwerk und Wirtschaft der FDP-Nachwuchsorganisation auf Landesebene. "Mein schwäbisches Herz brennt für den Liberalismus", sagt er über sich.
Aber was heißt das konkret? Ganz grundsätzlich drückt er das so aus: "Je weniger ich mit dem Staat zu tun haben muss, um so besser." Etwa im Kampf gegen den Klimawandel. FDP-Politik sei es, nicht auf staatliche Technik-Vorgaben zu setzen, sondern den CO2-Ausstoß zu deckeln und dem Recht, dieses Klimagas ausstoßen zu dürfen, einen Preis zuzuordnen. Dann hätten Firmen und Privatleute Anreize, durch Erfindungen und den Einsatz innovativer Techniken nach neuen Wegen zu suchen, ohne CO2-Ausstoß auszukommen.
Und was ist mit der sozialen Gerechtigkeit? Dass in Deutschland Vermögen sehr ungleich verteilt sind, räumt Julian Grünke ein. Privatvermögen zu besteuern, sei aber kaum möglich. Durch Abwanderung würde damit nur wirtschaftlicher Schaden angerichtet. Er will stattdessen über die starke Senkung der Grunderwerbssteuer Anreize zur Schaffung eigenen Wohnraums geben.
Und was ist mit Erbschaften, die die Vermögensungleichheit über Generationen hinweg zementiert? Hier will er bei Privaten und kleinen Firmen nichts ändern. Ausnahme: Große Firmen müssten gerechter besteuert werden. Das bisherige System ermögliche es ihnen, "mit ganz legalen Mitteln" ihre Belastung zu minimieren.
Geringe Erbschaftssteuer. Wo bleibt da die von der FDP so hoch geschätzte Chancengleichheit? Schließlich soll doch die eigene Leistung eigenen Wohlstand bringen. Für Grünke spielt da das deutsche Bildungssystem eine Schlüsselrolle. Es soll zur Weltspitze aufschließen. "Qualifizierte frühkindliche Bildung, anschließend ein Schulsystem auf höchstem Niveau und später elternunabhängiges BAföG" sei ein Schlüssel – so könnten auch bislang bildungsferne Bevölkerungsschichten den Aufstieg schaffen. Aktuell verließen jährlich 50.000 Jugendliche die Schulen ohne Abschluss.
"Wir wollen keine bessere Sozialleistungen für diesen Personenkreis, wir fokussieren uns darauf, ihre Nachteile im Bildungs- und Berufsleben zu verringern", sagt Grünke.
Wirtschaft, Wohnungsnot, Infrastruktur – sattelfest und ohne zu zögern vertritt er die Standpunkte seiner Partei, wenn ein Thema zur Sprache kommt. Man merkt: Julian Grünke hat seine Argumente in vielen Diskussionen geschärft, er liebt die Debatte.
Ob ihn das wirklich gleich in den Bundestag bringen wird? Das entscheidet sich am Wahlabend. Aber eines ist für ihn auf jeden Fall sicher: "Ich will beruflich im politischen Bereich arbeiten, das macht mir einfach Spaß. Wie und wo genau, das wird sich herausstellen." Und wer ihn im Gespräch erlebt, kann sich vorstellen, dass das auch klappen wird.