Armin Laschet (links) spricht im Wahlkampf-Endspurt auf dem Villinger Münsterplatz. Neben ihm steht Thorsten Frei. Foto: Marc Eich

Er ist noch kein Kanzler und wird vielleicht  auch nie einer werden. Trotzdem: Für den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet veranstalteten die Christdemokraten   am Donnerstag auf dem Münsterplatz in Villingen das ganz große Kino.

Villingen-Schwenningen - Schon mehr als eine Stunde vor dem Termin rollte der große CDU-Bus mit Armin Laschets Konterfei durch Villingen auf den Münsterplatz – und trotzdem lässt Armin Laschet zunächst noch auf sich warten. 

Thorsten Frei verteilt Autogrammkarten

Die große Bühne ist bereitet, davor lauern Fernsehkameras, während auf den reservierten Plätzen schon die Prominenz sitzt, allen voran der ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel in Begleitung seiner Tochter, aber auch der ehemalige parlamentarische Staatssekretär beim Bundesfinanzminister, Hansjörg Häfele. Im Hintergrund kritzelt der amtierende CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei seine Unterschrift auf eine Wahlkampfkarte. Ob er eben ein Autogramm geben musste? Er lächelt – "ja – ich habe in Berlin sogar Autogrammkarten." Schon wieder auf dem Sprung um die nächsten zu begrüßen, lässt er noch lachend wissen: "Aber die Autogramme sind im Internet nicht viel wert."

Erwin Teufel charmant wie eh und je

Auch der ehemalige Ministerpräsident – der Armin Laschet bereits vor 20 Jahren kennengelernt und in dessen Heimatstadt schon Orgel spielend im Münster erlebt hat – ist noch gefragt: Eine junge, blonde Frau macht ein Selfie mit dem Landesvater außer Dienst. Wenig später, charmant wie eh und je, zieht Erwin Teufel seinen Füllfederhalter aus der Jackentasche, als der Kugelschreiber einer Journalistin versagt, die ihn gerade interviewt.

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"Drei, zwei, eins – Go!" – noch ehe Laschet überhaupt zu sehen ist, starten die Techniker neben der Bühne die Musik, zu der die Hauptperson dieses Mittwochvormittags einläuft: "I gotta feeling" von den Black Eyed Peas. "That tonight’s gonna be a good night", ein Vers mit Symbolkraft drei Tage vor der Bundestagswahl.

1000 Zuschauer sind vor Ort - auch CDU-Gegner

Und dann bahnen die Security-Leute ihm den Weg durch die rund 1000-köpfige Menge auf dem Münsterplatz. Vorbei an wenigen, aber verhöhnenden Plakaten mit Aufschriften wie "Laschet sein", "Wählt keine Spaßpolitiker" oder zweien, die Laschets Bild, in gelbe Farbe getüncht, mal eben in ein Minions-Kostüm zwängen. Breitschultrig schreiten die Personenschützer in schwarzen Anzügen, blank polierten Lederschuhen und orange-blau-gestreiften Krawatten voran.

Zukünftiger Bundeskanzler?

Der Mann, der hier gleich seinen großen Auftritt hat und dem Lokalmatador Thorsten Frei für dessen Wahlkampf den Rücken stärkt, ist klein und in der Menge zunächst kaum zu sehen. Doch Thorsten Freis Ankündigung ließ ihn schon vorab wachsen: "Wir werden in wenigen Minuten den zukünftigen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hier begrüßen dürfen." Und jetzt ist er da, nimmt im Beisein von Thorsten Frei, der CDU-Kandidatin des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen Maria-Lena Weiss und Innenminister Thomas Strobl die Bühne ein.

Die Christdemokraten sind euphorisch, dass ihre Nummer eins vor Ort ist. Da passiert Thorsten Frei, was dem sonst rhetorisch so perfekten Abgeordneten eigentlich nie widerfährt: ein dicker Versprecher, als er "Ministerpräsident Erwin – Armin – Laschet" offiziell begrüßt – wenig später bei der Aufzählung Einzelner kaschiert er das Malheur galant: "Wir freuen uns riesig auf Armin – wir freuen uns aber auch riesig über Erwin Teufel."

Thorsten Frei ist bissig

Und dann erlebt man Thorsten Frei ein zweites Mal ganz ungewohnt: Leidenschaftlich wie eh und je, aber bissig wie kaum jemals zuvor, hält er seine Wahlkampfrede, skizziert eine Koalition in Rot-Grün-Rot als Schreckensszenario mit steigenden Steuern und verteilt deutliche Seitenhiebe vor allem nach Links. "Es steht viel auf dem Spiel."

Innenminister Strobl macht wenig später ganz auf Zuversicht: "Armin kann Kanzler, Armin wird Kanzler werden." Klatschen im Publikum vorne, Buhrufe hinten bei den Minions – das wiederholt sich, als Strobl aufzeigt, worin die Wahl für das Publikum am Sonntag bestehe: "CDU oder ein Linksrutsch." Und dann packt er beim Thema Finanzen das Auditorium bei der Ehre eines konservativen Baden-Württembergers: "Das wissen die Badener und die Schwaben: Man kann dauerhaft nur das Geld ausgeben, das man auch verdient hat!"

VS ist eine "schöne Stadt"

Laschet hingegen bekommt Vorschusslorbeeren. Seine Anhänger klatschen, als er das Mikrofon gerade erst in die Hand genommen hat. Während hinten die Minions-Plakate tanzen und die Regenbogen-Fahne der Fridays-For-Future-Bewegung wedelt, sucht er rhetorisch geschickt gleich mal den Schulterschluss mit den Doppelstädtern: Als er seiner Frau erzählt habe, dass er heute in Villingen-Schwenningen sei, da habe sie gesagt, "das löst bei mir Urlaubsgefühle aus" – "weil wir ja immer an den Bodensee fahren und an Villingen-Schwenningen vorbeifahren". Jetzt sei er endlich einmal da, in dieser "schönen Stadt" – die er zuvor ja immerhin ein paar Minuten aus dem Limousinen-Fenster hinaus betrachtet haben dürfte – und froh, hier zu sein.

Kurz darauf das nächste strategische Manöver: Er geht auf die Schilder der Kritiker ein. "Ich will meine Grundrechte zurück", sei da zu lesen und ja, auch er finde, wenn Inzidenzen zurückgehen, "müssen wir auch Grundrechte zurückgeben", nur die Pandemie leugnen oder banalisieren, das dürfe auf keinen Fall passieren. In Zeiten, in denen in jedem Politiker, der etwas auf sich hält, offenbar ein Klimaschützer wohnt, bildet auch Armin Laschet keine Ausnahme.

Rot-Rot-Grünes Schreckgespenst

Er macht beim Tauziehen in Sachen Klimapolitik munter mit, aber: "Wenn wir Arbeitsplätze halten wollen, müssen wir in Deutschland alles tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben." Und auch er kann es heraufbeschwören: das rot-rot-grüne Schreckgespenst. "Wer will denn in Deutschland Rot-Rot-Grün?", hinten, bei den Kritikern, bricht ein klein wenig Jubel aus. "Danke, das sind da hinten zwölf Leute, die das wollen – aber der Rest von Deutschland will das nicht!"

Weil er die Gegenseite immer wieder kurzfristig einbezieht, wirkt seine Wahlkampfrede spontan, statt einstudiert – dabei dürften auch anderswo in Deutschland auf der Tour des Kanzlerkandidaten ein paar Minions getanzt haben und die ewig gleichen Kontra-Argumente auf Plakaten aufblitzen. Zum Schluss wird es auf dem Münsterplatz noch einmal feierlich. Musik ertönt. Statt einer "good night" geht es jetzt um Einigkeit und Recht und Freiheit.

Laschet winkt aus dem Fenster

Und kurz nach zwölf haben alle, auch die hiesigen Minions, ausgetanzt. Armin Laschet sitzt wieder in seiner Limousine, winkt nochmals aus dem offenen Fenster hinaus, und genießt ein paar letzte Augenblicke in dieser "schönen Stadt" in der Hoffnung, die Villingen-Schwenninger entsprechen seinem zuletzt geäußerten Wunsch: "Ich bitte um Ihre Unterstützung."