Der Bundestagswahlkreis Hechingen-Tübingen hat gewählt, und die Gewinner stehen fest: SPD, Grüne und FDP. Keine der anderen Parteien hat im Vergleich zur Wahl 2017 so viele Erst- und Zweitstimmen hinzugewonnen.
Hechingen - Verloren hat am Sonntagabend vor allem Die Linke: Die Partei ist regelrecht abgestürzt, während die AfD ihr Ergebnis leicht verbessern konnte. Wir haben uns am Wahlabend bei den Parteien umgehört.
CDU
Annette Widmann-Mauz sagt mit Blick auf das Ergebnis in ihrem Wahlkreis, dass sie "mit Rückenwind" nach Berlin fährt. Dennoch sei es ein "bitterer Tag für die CDU". Die Partei müsse sich nun systematisch mit dem Wahlergebnis auseinandersetzen. Schließlich sei die CDU Volkspartei, die den Anspruch habe, bundesweit auf mehr als 30 Prozent zu kommen. Widmann-Mauz kündigte an, dass die CDU mit den weiteren demokratischen Parteien Gespräche suchen werde.
SPD
Mit der ersten Hochrechnung bricht der Jubel aus, im Wahllokal der SPD im Tübinger Hauptbahnhof. Die Landesvorsitzende der Jusos, Lara Herter aus Albstadt, klatscht begeistert, auch Alexander Maute aus Balingen ist vor Ort. Wenige Minuten später formuliert der Bundestagsabgeordnete und Kandidat für den Wahlkreis 290 Tübingen, Martin Rosemann, unter tosendem Applaus: "Die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz hat mit diesem Ergebnis einen klaren Auftrag zur Regierungsbildung. Der große Verlierer dieser Wahl ist die Union." Rosemann, der promovierte Volkswirt und Arbeitsmarkt- und Sozialexperte seiner Fraktion, ist über die Landesliste auf Platz vier abgesichert und wird damit im Bundestag seine dritte Amtszeit antreten. Dass alle Hochrechnungen die Sozialdemokraten inzwischen vorne sehen, findet er beachtlich – und erinnert an die desoalten Umfrageergebnisse noch vor einem Jahr. Zur Koalitionsbildung sagt der Familienvater: "Die Frage nach Rot-Rot-Grün stellt sich nicht, aber ich habe schon immer die Ampel präferiert".
Grüne
Chris Kühn (Grüne) freute sich über "das beste grüne Ergebnis aller Zeiten". Auch, wenn er sich "noch mehr" erhofft habe. "Wir haben den klaren Auftrag erhalten, Klimaschutz in die Regierung einzubringen." Für das Direktmandat hat es ihm aber nicht gereicht: "Das ist schmerzlich. Es ist leider knapp an die CDU gegangen." In den Bundestag ist er dennoch gewählt worden: "Daran habe ich aber auch nie Zweifel gehabt", sagte Kühn selbstbewusst. Welche Dreierkoalition es am Ende dort mit seiner Partei geben wird, "wird davon abhängen, in welcher Konstellation die Grünen am besten ihre Ziele verwirklichen können. Die Sondierungsgespräche werden lange andauern", prophezeite der 42-Jährige Tübinger.
FDP
Die FDP konnte ihr Ergebnis im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 deutlich ausbauen. Auch bei den Erststimmen gehört die FDP zu den Gewinnern. Kandidat Julian Grünke freute sich nicht umsonst über das "sehr gute Wahlergebnis". Es seien so viele Stimmen, dass diese eine Beteiligung der FDP an der künftigen Regierung ermöglichten. Er sprach bereits von Verhandlungen mit den Grünen, von denen er glaube, dass man mit ihnen "auf einen Nenner" kommen könne. Vielleicht zieht er als Zweitkandidat ins Parlament ein, klar war es bis Redaktionsschluss nicht.
Linke
"Das ist ein bitterer Tag für die Linke", kommentierte Kandidatin Heike Hänsel das Abschneiden ihrer Partei nicht nur im Wahlkreis 290 Hechingen-Tübingen, sondern auf Bundesebene. So wie es am Sonntagabend aussah, endet für die stellvertretene Fraktionsvorsitzende eine über 15-jährige Bundestagszugehörigkeit. Bei der Suche nach Gründen für den Absturz ihrer Partei war sie schonungslos selbstkritisch. Man habe sich zu sehr an das Modell Rot-Rot-Grün angebiedert, anstatt das eigene Profil klar herauszustellen, man sei geschwächt gewesen durch parteiinterne Streitigkeiten und habe auf eine falsche Wahlstrategie gesetzt. Nun gelte es für die Linke, sich neu aufzustellen und internen Machtkämpfe zu stoppen.
AfD
Ingo Reetzke (AfD) hätte sich für seine Partei im Wahlkreis mit der Universitätsstadt "nicht so viel erwartet": Die AfD erreichte 11,4 Prozent. Doch biete der Zollernalbkreis dazu ein Gegengewicht. "Weder frustiert noch beglückt" zeigt sich Reetzke: Die Stammwähler seien wohl treu geblieben, aber es sei nicht gelungen, mehr Wechselwähler zu gewinnen. Eine Prognose über eine mögliche Koalition mag er nicht abgeben: "Vielleicht gibt es GroKo die Vierte. Es wird spannend bleiben." Er erwartet, dass die nächsten vier Jahre problematisch werden.