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Bundesparteitag der SPD Ein General, den nicht jeder Genosse erträgt

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Der Parteichef und sein General: Martin Schulz (rechts) beglückwünscht Lars Klingbeil zur Wahl. Foto: AFP

Berlin - Hoffnungsträger – was für ein großes Wort! Vielleicht doch zu groß für diesen mit so viel Vorschusslorbeer bedachten baumlangen Mann aus dem niedersächsischen Bundeswehrstandort Munster, der sich den Delegierten des SPD-Parteitags stellt und vor seiner Wahl zum Generalsekretär um Vertrauen wirbt. Zumal es der SPD, wie Südwest-Landeschefin Leni Breymaier am Tag zuvor richtig anmerkte, ein Leichtes ist, Riesen zu Zwergengröße zu schrumpfen – selbst ein Gandhi, so Breymaier, würde in der SPD wohl in wenigen Monaten klein gehobelt.

Nun ist, erstens, dieser Lars Klingbeil kein Ghandi. Und zweitens wird schnell klar, dass einigen Delegierten Klingbeil nicht geheuer ist. Dieser 39-Jährige, der so viel über Digitalisierung redet und über die Chancen, die sich daraus ergeben. Der keine Lust mehr hat, sich an irgendwelchen Sozialreformen des vergangenen Jahrzehnts abzuarbeiten. Den vielmehr die Frage umtreibt, weshalb die SPD, obwohl sie doch in ihrer Selbsteinschätzung stets das Gute und Edle anstrebt, keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.

Blitzableiter für ein diffuses Unwohlsein?

Machen, nicht nur quatschen, das ist sein Credo. Zu revolutionär ist das offenbar für viele Genossen. Jedenfalls wird Klingbeil, der einzig profilierte Digitalpolitiker der Partei, ohne Anklageerhebung und ohne erkennbaren Sündenfall mit miesen 70,6 Prozent nach Hause geschickt. Alles andere als ein Vertrauensbeweis für jenen Mann, der die angeblich so wichtige Aufgabe der Fehleranalyse ins Aufgabenheft diktiert bekommen hat.

Mag sein, dass er als Blitzableiter diente für ein diffuses Unwohlsein und das Gefühl, am Vortag mit der Entscheidung für ergebnisoffene Gespräche mit der Union womöglich doch auf die Autobahn in Richtung große Koalition gezwungen worden zu sein. Mag auch sein, dass einige Frauen deutlich machen wollten, was sie von zwei Männern in den zwei wichtigsten Parteiämtern halten. Und dann sind da auch noch die Friedensbewegten, die Klingbeil krumm nehmen, als Mitglied des Verteidigungsausschusses auch Mitglied des Förderkreises Deutsches Heer gewesen zu sein. Aber all das allein kann nur schwer erklären, weshalb die Partei vor dieser dezenten Anmutung eines modernen Politikertyps so zurückschreckt. Einem Mann, der bei der Bundestagswahl immerhin das Kunststück schaffte, in seinem erzkonservativen Wahlkreis in der Lüneburger Heide erstmals und gegen den Bundestrend mit 41,2 Prozent der Stimmen das Direktmandat zu holen.

Sorge um die Außenwirkung der Partei

Vielleicht hat er den Delegierten schlicht zu unvermittelt den Spiegel vorgehalten. Eine einfache Erzählung aus dem Wahlkampf beschreibt das Grundproblem aus seiner Sicht. Eine Frau mittleren Alters habe versprochen, ihn wählen zu wollen. Ob sie allerdings mit der Zweitstimme auch die SPD wähle, wisse sich noch nicht. Was sie da höre, klinge ja alles ganz gut, aber es falle ihr schwer, der Partei zu vertrauen. Warum, habe Klingbeil gefragt. Und hätte man hier den Parteitag unterbrochen und die Delegierten die Antwort raten lassen, es hätte mit großer Gewissheit ein Chor von mehr als 90 Prozent der Anwesenden gerufen: „Agenda 2010.“ Die Antwort der Frau aber war: „Ich frage mich, ob ihr wirklich noch die Kraft habt, das alles durchzusetzen.“ Die Außenwirkung der Partei, das Selbstbezogene und das ständige Kreiseln: Das sind die Punkte, an denen Klingbeil ansetzen will. Er wolle eine „Partei, die aufrecht und selbstbewusst ist“ und er sei sich sicher: „Es gibt Millionen von Menschen, die auf eine zukunftsgewandte und optimistische Partei warten.“

Klingbeil kennt die digitalen Wahlkampfwerkzeuge

Klingbeil ist Seeheimer, die in der Fraktion als konservativ gelten, und er war vor vielen Jahren Mitarbeiter im Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder. Aber er ist unkonventionell genug, um in allen Flügeln der SPD und auch in anderen Parteien bestens vernetzt zu sein. Das Machogehabe Schröders ist ihm wesensfremd, nicht aber dessen Macht- und Gestaltungsanspruch. Klingbeil will, was vielleicht nicht jedem Genossen wesensnah ist, gewinnen. Und er hat dazu die Werkzeuge der digitalen Welt im Wahlkampf genutzt wie kaum ein anderer Genosse. Das will er jetzt der Partei beibringen, will die Wahlkreise, in denen Direktkandidaten vergleichsweise gut abschnitten, mit jenen vergleichen, wo ein Absturz verzeichnet wurde. Er will also SPD-Wahlkämpfer einer Art Pisa-Vergleichstest unterziehen, und auch dies wird nicht allen gefallen.

Klingbeil fordert digitale Beteiligungsmöglichkeiten, will die Partei so vernetzen, dass auch jene teilhaben können, die nicht einmal die Woche im „Dorfkrug“ zur Ortsvereinssitzung erscheinen, junge Väter und Mütter, Alleinerziehende. „Ich kann mit meinem Smartphone fast mein ganzes Leben organisieren, mich aber nicht in die SPD einbringen“, sagt er. Nicht jeder in der Partei scheint die Dringlichkeit dieser Fragen ähnlich einzuschätzen wie er.

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