Das erste Meisterkonzert des Kulturamts im neuen Jahr begann zwar leise, dann aber folgten Paukenschlag und Donnerklang.
Zwei Tage davor noch in Berlin, nun auf Konzerttournee bis ins südliche Villingen, gleich wieder gen Norden zurück: Das Bundesjugendorchester war erneut mit großartigem Programm in den Franziskaner nach Villingen angereist.
Die 14- bis 19-jährigen jungen rund 80 Ausnahmemusiker, allesamt auf dem Wege zu Meistern ihres Instruments, haben kürzlich wieder intensiv im Winterprojekt das Konzertprogramm erarbeitet. Nun dürfen sie die Früchte in mehreren Konzerten bundesweit ernten.
Das führende deutsche Orchester für jugendliche klassische Musiker hat die Berliner Philharmoniker als Paten. Es reist auch zu den weltweiten Konzertsälen, wurde und wird seit Jahrzehnten von internationalen Topdirigenten angeleitet.
Musiker aus Region
Anu Tali, die überaus renommierte estnische Dirigentin, hielt in diesem Konzert den Taktstock. Sie führte die jungen spielfreudigen Musiker auf ihrem Höhenweg durch ein anspruchsvolles Programm. Aktuell gehört mit Kontrabassist Markus Blenkle ein junger Musiker sogar aus unserer Region, aus Bräunlingen, zum Orchester.
Jean Sibelius’ Sinfonische Fantasie op. 40 spiegelt eine ungeheure Farbenpracht nördlicher Prägung. Leise beginnt das Solo-Cello mit Fagott und Klarinette in dunkler Stimmung, die große Streicherrunde übernimmt mit wirklich vollem Klang. Exaktes Spiel der Violinen, aufgeregte Stimmung wird entfaltet, Pauke, Pizzicati und erregte Streicher, pulsierende Bläser. Immer wieder rollen Donner, tobt ein Unwetter. Der Konzertsaal kommt an seine akustischen Grenzen. Kein Wunder: Das Orchester ist mit riesiger Streicher- und voller Bläser- sowie Schlagwerkbesetzung auf der Bühne. Maestra Tali führt mit präziser, kontinuierlicher harmonischer und eher sparsamer Bewegung – und formt so das Märchen des finnischen Nationalepos zu seinem Glanz.
Technische Brillanz
Das Violinkonzert e-moll op. 64 von Felix Mendelssohn-Bartholdy gehört zu den meistgespielten und beliebtesten Werken seiner Art. In sechs Jahren bis 1844 entstanden und 1845 uraufgeführt hat es sofort begeisterte Hörerschaft gefunden – ein Klassiker schlechthin. Der junge amerikanisch-niederländische Solist Stephen Waarts gilt als neu aufgegangener Stern am Himmel der Violinsolisten. Das Publikum erfuhr ein anderes als sonst eher zart romantisches Klangbild, hier in Partnerschaft mit dem jugendlich sehr dynamischen Orchester war offenbar Kraft, Klangstärke und viel Tonpräsenz gefordert, was Stephen Waarts mit technischer Brillanz im ersten Satz beantwortete.
Klangvolles Empfinden des Solisten im zweiten Satz mit auch wieder sehr präsentem Orchester. Viel Spielfreude beim auswendigen Vortrag, Leichtigkeit bei vertrackten Läufen, feine Partnerschaft mit den Bläsern bis zum fulminanten Schluss: also eine sehr kraftvolle Interpretation!
Eine Nadel hätte man fallen hören können bei Waarts Zugabe, denn der Satz Siciliana aus Bachs Violinsolosonate war dermaßen fein und delikat vorgetragen, dass das faszinierte Publikum einfach nur andächtig lauschte. Die Ouvertüre „Athalia“ zu Mendelssohns Schauspielmusik bot feierlichen Beginn und entwickelte fröhlichen Elan. Anu Tali führte deutlich konzentriert, sie entfaltete einen entfesselt hörbar stolzen Klang im engagierten Orchester.
Dirigentin tanzt
Igor Strawinskys Suite „Der Feuervogel“ ist eine mächtige und schwierige Aufgabe für alle Register des Orchesters. Erneut zeigte es eine tolle Bandbreite von ruhiger Konzentration bis zu feurigen Eruptionen, von gedämpft weichen Streichern und schönen Soli der Bläser bis zu entfesseltem Schlag-Rhythmus-Schlag, dabei fröhlichen Gesichtern der Musiker bei diesem Ritt auf der musikalisch höchst scharfen Rasierklinge. Da tanzte sogar die Dirigentin bei diesem unglaublichen Lärm wie zu einem Höllenritt!
Die Zugabe aus Maurice Ravels „Ma mere l’oye“ gab nochmals satten vollen Klang mit Soli von Violine und Viola. Dankbarer langer Applaus beendete ein eindrückliches Programm.