Ryyan Alshebl flüchtete 2015 aus Syrien nach Deutschland, absolvierte in Althengstett eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten und will nun Bürgermeister in Ostelsheim werden. Foto: studioline Photostudios GmbH

Ryyan Alshebl will Bürgermeister in Ostelsheim werden. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt der 29-Jährige, wofür er steht und was er in der Gäukommune erreichen will.

Ostelsheim/Althengstett - Der junge Syrer flüchtet 2015 nach Deutschland und fängt ein neues Leben in Althengstett an. Aufgrund seiner Vorbildung und den immer besser werdenden Deutschkenntnissen wird er im Rathaus der Gäugemeinde zunächst als Praktikant und später als Lehrling zum Verwaltungsfachangestellten aufgenommen. Besonders gefragt ist Alshebl, der inzwischen im Amt für Bildung, Betreuung und Bürgerengagement tätig ist, bei seinen Kollegen vor allem wegen seiner umfangreichen IT-Kenntnisse.

 

Das Ziel: mittel- und langfristig in die Politik

"Ich habe meine Heimat verloren und weiß nicht, wie es mit mir weitergeht", hat der junge Mann leicht resigniert in einem Gespräch mit unserer Redaktion im August 2018 gemeint. Diese Zweifel und Ängste sind längst verflogen, Alshebl hat Fuß gefasst und ein Ziel: "Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich weiß, wo ich hin will. Ich möchte mittel- und langfristig in die Politik", sagt er unserer Redaktion. Da lag es nahe, sich um den Posten des Ostelsheimer Bürgermeisters zu bewerben. Am 2. April April wird dort ein neuer Rathauschef gewählt, weil Jürgen Fuchs nach zwei Amtsperioden nicht erneut antritt. Die Bewerbungsfrist hat am Freitag begonnen und dauert bis 6. März. Alshebl ist seit 2017 Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen, "in Ostelsheim trete ich aber als parteiloser Kandidat an".

Den Klimaschutz sieht der 29-Jährige als eines der wichtigsten Zukunftsthemen, vor allem im kleinen, kommunalen Rahmen, auch wenn dabei globales und abstraktes Denken wichtig sei. Er gehöre der Generation an, die den Weg zur Transformation Richtung Klimaneutralität beschreite, "und diese Transformation möchte ich mitgestalten", äußert sich der Bewerber.

"Ich kann Menschen zusammenbringen"

Sehr am Herzen liege ihm der soziale Zusammenhalt. "Eine faire, nachhaltige und generationengerechte soziale Kommunalpolitik" nennt er eines seiner Hauptziele für das angestrebte Amt in Ostelsheim. "Ich kann Menschen zusammenbringen." Zum einen kenne er die Struktur einer Verwaltung sehr gut, zum anderen habe er früh lernen müssen, Verantwortung zu übernehmen. "Ich habe eine hohe Sensibilität für Fragen, die die Gesellschaft betreffen", ist Alshebl sicher. Er möchte sich als Verwaltungschef für ein flexibles Betreuungsangebot sowohl für Kita als auch für Schule zu fairen Gebühren einsetzen. Ostelsheim solle außerdem zu einem der attraktivsten Orte in der Region für pädagogische Fachkräfte werden. Junge Paare, die ihre Sprösslinge in der Gäukommune großziehen, sollen nach seinen Vorstellungen einen Zugang zu einem kostenlosen Beratung -und Betreuungsangebot erhalten, das die Kommune zur Verfügung stellen wird. Außerdem schwebt dem Bewerber ein Gutscheinsystem zu diversen Elternkursen vor.

Tagespflege und Betreutes Wohnen sind Topthemen

"Im Jahr 2032 wird jeder vierte Ostelsheimer über 65 sein", weiß Alshebl. Deshalb müsse ein zentrales Ziel jeglicher gemeindebaulichen Entwicklung sein, die Weichen dafür zu stellen, eine respektable Betreuungsinfrastruktur für Senioren vor Ort zu gewährleisten. "Daher sind Tagespflege und Betreutes Wohnen ganz klar Topthemen auf meiner Agenda." Man müsse dafür sorgen, dass Senioren auch dann in der gewohnten Umgebung bleiben können, wenn keine Familienangehörigen in Ostelsheim wohnen. Für eine warmherzige und engagierte Betreuung sollten nach seinen Vorstellungen ehrenamtlich tätige kommunale Seniorenbeauftragte eingesetzt werden.

Eine echte Ortsmitte soll her

Alshebl möchte Ostelsheim lebendiger machen und eine echte Ortsmitte schaffen. Er spricht von einer "Ortsmitte-Kultur". Zu bestehenden Festen wie zum Beispiel dem Höhenfeuer kann er sich einen Weihnachtsmarkt, ein Ortsfest oder ganz neue Formate vorstellen wie ein Musik-Festival mit Blaskapellen. Um den Ortskern baulich zu erhalten und aufzuwerten, könnten Mittel beispielsweise über das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum generiert werden.

Für eine Ehrenamtspauschale

Alshebl, der sich in Althengstett als Leiter der rund 330 Mitglieder starken Abteilung Breitensport beim Sportverein engagiert, liegt das Ehrenamt am Herzen: "Das ist ein unschätzbares Gut unseres Gemeinwesens". Um dessen Bedeutung zu würdigen, will er ehrenamtlich Tätigen in Ostelsheim eine privilegierte Stellung einräumen – durch einen erleichterten Zugang zu den Einrichtungen der Kommune. "Für eine angemessene Ehrenamtspauschale werde ich mich einsetzen", so der Bewerber.

"Ostelsheim besitzt ein unglaubliches Gestaltungspotenzial"

Dadurch, dass Ostelsheim nur wenige Kilometer von Alshebls Wohnort Althengstett liegt, hat er den Ort, in dem Anfang April ein neuer Rathauschef gewählt wird, gut kennenlernen können. "Ich habe schnell festgestellt, dass Ostelsheim ein unglaubliches Gestaltungspotenzial bietet", sagt der 29-Jährige. "Ich setze auf Erneuerung und kreative Ideen und bin da hartnäckig." In seinen Augen ist es immens wichtig, die Bevölkerung bei Entscheidungen einzubinden. Ein kreatives Miteinander könne nicht kraft Verwaltungsakt verordnet werden. "Es ist vielmehr das Resultat einer gemeinsamen Kraftanstrengung vieler Mitstreiter", heißt es in Alshebls Wahlprogramm.

"Das ist nicht nur ein Job von 7 bis 16 Uhr"

Er sieht sich als Verfechter von mehr Bürgerbeteiligung. In der Kommunalpolitik gehöre Klartext gesprochen. Zukunftsfragen möchte er deshalb gemeinsam mit den Ostelsheimern diskutieren. Die heutige Technik ermögliche es, mit vertretbarem Aufwand Bürger bei strategischen Themen zu befragen. Alle Betroffenen an Entscheidungen teilhaben zu lassen, sei sein Ziel. "Ich komme aus der Verwaltung, ich bin aber kein Bürokrat. Ich weiß um die Aufgaben und Pflichten eines Bürgermeisters und dass das kein Job von 7 bis 16 Uhr ist", betont der Kandidat. Er sei sich außerdem bewusst, dass ihn ein Teil der Bevölkerung schon aufgrund seiner Biografie nicht wählen werde: "Nicht jeden Tag bewirbt sich ein Geflüchteter".

Erst das Gestalten, dann das Verwalten

Die Ostelsheimer würden ihren Ort am besten kennen, "ich kann nur Ziele formulieren", betont Alshebl. Ihm gehe es grundsätzlich ums Gestalten und dann ums Verwalten. Letzteres sieht er nur als eine der zahlreichen Aufgaben eines Bürgermeisters. Um ihn selbst besser kennenlernen zu können, möchte Alshebl in den kommenden Wochen zu Bürgergesprächen einladen. Außerdem hat er die Homepage www.ryyan-alshebl.de eingerichtet, auf der sein Wahlprogramm und demnächst die Gesprächstermine zu finden sind.