Rund 400 Winterlingerinnen und Winterlinger kamen in die Festhalle, um sich die Kandidaten für die bevorstehende Bürgermeisterwahl anzuschauen. Foto: Sebastian Buck

Bei der Kandidatenvorstellung in der Festhalle in Winterlingen stellten sich die Bewerber für den Posten des Bürgermeisters vor.

Die Kandidatenvorstellung am Dienstagabend in Winterlingen startet mit einer Überraschung: Eigentlich sollten sich drei Kandidaten vorstellen, doch Michel Gudelj lässt sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen. Er wolle versuchen, noch zur Veranstaltung zu kommen, liest Bürgermeister Michael Maier aus einer E-Mail des 27-Jährigen vor. „Ich gehe davon aus, dass er nicht kommen wird“, sagt er angesichts seines Fehlens bei Veranstaltungsbeginn.

 

Damit bleiben an diesem Abend noch zwei Kandidaten, die ihren Namen für das frei werdende Bürgermeisteramt in den Ring geworfen haben: der 41-jährige Stephan Frickinger aus Leibertingen im Landkreis Sigmaringen und der 37-jährige Alexander Gerdt aus Winterlingen. Letzterer hat sich kurz vor Schluss noch überraschend dazu entschieden, zu kandidieren.

Der Saal ist gut gefüllt, von den 440 Stühlen sind nur noch wenige frei. Maier erklärt zu Beginn erst einmal die Spielregeln: Karten in Ampelfarben sollen den Kandidaten und später auch den Fragestellenden anzeigen, wie viel Redezeit sie noch haben. „Ich sitze am Mischpult und kann den Regler zudrehen“, scherzt Maier.

Stephan Frickinger ist aktuell noch Bürgermeister in Leibertingen. Foto: Sebastian Buck

Den Anfang macht Stephan Frickinger. Er blicke mit Vorfreude, aber auch mit großem Respekt auf das Amt des Winterlinger Bürgermeisters, leitet er ein. Als erfahrener Verwaltungsmensch kenne ich er sich aus im Bürokratie-Dschungel. Vor allem das städtebauliche Potenzial in Winterlingen begeistert den gelernten Architekten. Er bezeichnet sich als Teamplayer, Arbeitsmensch und Familienvater. „Ich fahre durch die gleichen Schlaglöcher, besuche das gleiche Naturbad wie Sie.“ An seiner Bürgerumfrage „Winterlingen 2030“ haben bis zum Vorstellungsabend schon 250 Personen teilgenommen.

Frickinger ist seit 2021 Bürgermeister in Leibertingen, seine Erfahrung lässt er immer wieder durchblitzen. Vor allem die finanziellen Erfolge: Er habe es in seiner Amtszeit in Leibertingen geschafft, mehr als 80 Prozent der Schulden abzubauen – ganz ohne Sanierungsstopps. So habe man etwa das Leibertinger Freibad saniert, wodurch ein Drittel der Energiekosten gespart werden kann. Das ließe sich auch in Winterlingen umsetzen. Außerdem möchte Frickinger KI-gestützte Straßenanalysen vornehmen, um nötige Sanierungen noch effizienter zu planen. „Das entlastet auch den Bauhof“, erklärt er. Was er im wirtschaftlichen Bereich geplant habe, möchte die Bürgerin Patricia Stauß wissen. „Die fetten Jahre der Steuerzahlungen sind vorbei“, sagt der 41-Jährige. Ohne interkommunale Zusammenarbeit gehe es nicht, er habe da schon gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit von Meßkirch und Leibertingen gemacht. Der Ansatz müsse sein, bestehenden Firmen beim Überleben zu helfen durch gezielte Förderung – und einen attraktiven Wohnort. Er wolle daher das Winterlinger Profil schärfen, leerstehenden Wohnraum wieder beziehbar machen und so Anreize für junge Leute schaffen.

Das Interesse ist groß

Warum er seine Stellung als Bürgermeister von Leibertingen verlassen wolle, möchte die Winterlingerin Conny Bass wissen. „Mit der Frage habe ich schon gerechnet“, sagt Frickinger schmunzelnd. In der Umgebung seien noch mehr Bürgermeisterstellen ausgeschrieben, unter anderem in Sigmaringen und Meßkirch, aber das sei ihm alles zu groß. Je kleiner die Gemeinde, desto mehr Entfaltungsmöglichkeiten habe man. „Winterlingen hat die perfekte Größe, die zu mir passt“, sagt Frickinger. Seine Familie ziehe nicht um, er wolle seine Kinder nicht erneut aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißen, aber: „Ich habe eine Wohnung in Weintelringe, vis-à-vis vom Rathaus. Wenn es drum geht, bin ich da.“

Alexander Gerdt wohnt in Winterlingen und bezeichnet es als sein Zuhause. Foto: Sebastian Buck

Als Nächstes betritt Alexander Gerdt die Bühne. „Ich bin aufgeregt“, gibt der Winterlinger gleich zu Beginn zu. Im Gegensatz zu seinem Kontrahenten hat er noch keine Erfahrung als Bürgermeister gesammelt. Es gehe nicht um das Amt oder die Person, sondern um die Zukunft Winterlingens: „Ich kandidiere, weil ich die Gemeinde Winterlingen liebe“, erklärt er und fragt: „Was wollen wir unseren Kindern hinterlassen?“, so der dreifache Vater. Sein Anspruch an sich selbst: nicht auf alles sofort eine Antwort haben zu müssen. Er wolle sich die Belange der Bürgerinnen und Bürger anhören und dann in Ruhe nach einer Antwort suchen, anstatt sofort darauf zu reagieren. Als Vater habe er gelernt, zu verhandeln und geduldig zu sein. Ihm sei bewusst, dass er nicht jeden glücklich machen könne. Er wolle gründlich arbeiten und seine Entscheidungen transparent mitteilen.

Gerdt arbeitet inzwischen im Staatsministerium und kümmert sich dort unter anderem um digitale Prozesse. Davor war er zwölf Jahre bei der Bundeswehr. Dort habe er gelernt, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Ebenso in seinem Ehrenamt als Fußballtrainer, das er seit Jahren bekleidet. Die Nähe zu Dorfbewohnern sei ihm wichtig, ob beim Einkaufen, auf einer Vereinsfeier oder am Sportplatz – er wolle nicht über, sondern mit den Bürgern entscheiden.

Themen, die ihm für Winterlingen besonders am Herzen liegen? Ein verbessertes Betreuungsangebot, bezahlbarer Wohnraum – vor allem für junge Menschen – und eine modernere Verwaltung. Und die Vereinsarbeit: „Vereine schaffen Gemeinschaft. Ohne Ehrenamt läuft in Winterlingen nichts“, betont er

Welche konkreten Ideen er für Winterlingen hat, möchte Matthias Amman aus dem Publikum wissen. „Ich möchte mehr Betreuungsangebote schaffen und es so Familien erleichtern“, sagt Gerdt. Geht es auch konkreter, hakt Amman nach? „Zum Beispiel, indem mehr Ferienbetreuung angeboten wird und die Preise für Betreuungsplätze gesenkt, langfristig vielleicht sogar staatlich bezahlt werden“, zählt der Bürgermeisterkandidat auf. Nicht jedes Thema stoße nur auf Befürworter, sagt Gerdt und erwähnt die Debatte rund um einen möglichen Windpark bei Winterlingen. Meinungsverschiedenheiten gehören dazu, dürfen aber nicht spalten, betont der ehemalige Soldat.

Nach rund einer Stunde endet die Vorstellungsrunde. Wer das Rennen am Ende macht, wird sich am Sonntag, 21. Juni, zeigen.