Johannes Schaible, Bürgermeister von Oberreichenbach, richtet mit seiner Gemeinde den Blick nach vorne und arbeitet an der nachhaltigen Weiterentwicklung. Foto: Manuel Kamuf - Lightworkart

Die Erwartungen nehmen zu, die Handlungsmöglichkeiten schrumpfen, schätzt Johannes Schaible, Bürgermeister Oberreichenbachs. Er zieht Bilanz und gibt Ausblick auf 2026.

Seit dem Frühjahr 2024 ist Johannes Schaible Bürgermeister in Oberreichenbach. Im Interview zum Jahreswechsel spricht er von den Herausforderungen die nicht nur Oberreichenbach, sondern Kommunen im Allgemeinen betreffen.

 

Nichtsdestotrotz blickt er positiv auf das kommende Jahr, in dem unter anderem die Ortskernentwicklung vorangebracht werden soll.

War 2025 ein gutes Jahr für Ihre Gemeinde? Und warum oder warum nicht?

2025 war für Oberreichenbach ein gutes und wichtiges Jahr. Nicht, weil alles einfach gewesen ist, sondern weil wir als Gemeinde gezeigt haben, dass wir auch unter anspruchsvollen Bedingungen vorankommen können. Themen wie Verkehr, Jagd, Windkraft, die kommunale Wärmeplanung sowie die Weiterentwicklung unserer Verwaltung und Infrastruktur haben uns intensiv beschäftigt. Wir haben nicht nur reagiert, sondern gestaltet, Strukturen weiterentwickelt und Projekte mit Augenmaß vorangebracht. Das stärkt die Gemeinde nachhaltig.

Was war 2025 der wichtigste Meilenstein für Ihre Gemeinde?

Der wichtigste Meilenstein war aus meiner Sicht der Start unseres Zukunftsprozesses mit dem Gemeindeentwicklungskonzept Oberreichenbach 2040. Mit einer großen Bürgerbefragung über den Sommer hinweg haben wir den Blick klar nach vorne gerichtet und die Grundlage für die strategische Ausrichtung der Gemeinde in den kommenden Jahren gelegt. Zentrale Handlungsfelder wurden identifiziert und bereits erstmalig transparent mit der Bürgerschaft besprochen. Der Prozess wird bis in das neue Jahr fortgeführt und schafft damit Orientierung und eine verlässliche Basis für die weitere Entwicklung Oberreichenbachs für die kommenden Jahre.

Welches Projekt wird 2026 das wichtigste sein?

Ein zentrales Projekt 2026 ist der anvisierte Start der Sanierung des alten Rathauses in Oberkollbach. Die Kombination aus Kindergartenbetrieb und künftigem Wohnraum für „Junges Wohnen“ steht beispielhaft für eine nachhaltige Ortskernentwicklung. Auch wenn die Umsetzung Zeit braucht, ist der Beginn ein starkes Signal: Wir investieren gezielt in Lebensqualität und Zukunft vor Ort.

Was wird 2026 die größte Herausforderung für Ihre Gemeinde?

2026 wird für vor allem finanziell herausfordernd. Die Haushaltsberatungen zu Jahresbeginn werden daher eine zentrale Rolle spielen. Es wird darum gehen, sehr bewusst zu entscheiden, was leistbar ist und wo klare Prioritäten gesetzt werden müssen. Durch den Aufgabenzuwachs der vergangenen Jahre ist die Balance zwischen Anspruch und Machbarkeit spürbar aus den Fugen geraten, wir stoßen an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit. Mit dieser Realität offen umzugehen und dennoch verlässlich handlungsfähig zu bleiben, wird die zentrale Herausforderung des Jahres sein.

Ende Januar 2026 steht die erste Fahrt der Hesse-Bahn an. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Die Hesse-Bahn ist ein starkes Symbol für die Region. Sie steht für bessere Vernetzung, für nachhaltige Mobilität und für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und ländlichen Raum. Auch wenn Oberreichenbach keinen eigenen Halt hat, profitieren wir von der verbesserten Anbindung an die Metropolregion Stuttgart und der Aufwertung des gesamten Kreisgebiets.

Der Job des Bürgermeisters scheint immer härter zu werden. Was macht Ihnen am meisten zu schaffen? Und was müsste sich ändern?

Meinem Verständnis nach ist der Bürgermeister der oberste Zukunftsmanager seiner Gemeinde. Er soll gestalten, ermöglichen und Entwicklungen voranbringen. Diese Rolle lebt von Problemlösungskompetenz, Umsetzungskraft und Pragmatismus. Diese Fähigkeiten stoßen jedoch zunehmend an strukturelle Grenzen, weil kommunale Gestaltungsspielräume kontinuierlich wegbrechen. Probleme werden erkannt, können aber nicht mehr gelöst oder anschließend umgesetzt werden, weil finanzielle Mittel fehlen, Förderlogiken an der Realität vorbeigehen oder Genehmigungsverfahren Jahre, teilweise sogar Jahrzehnte dauern. Selbst pragmatische Lösungen scheitern oft daran, dass jedes Vorhaben neue Bedenkenträger zutage fördert und jede Entscheidung rechtlich bis ins Letzte abgesichert werden muss. Unter diesen Bedingungen wird der Job des Bürgermeisters deutlich härter, weil die Erwartungen an kommunales Handeln zunehmen, während die tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten immer weiter schrumpfen. Wer gestalten soll, muss aber auch gestalten dürfen. Kommunen brauchen wieder mehr Entscheidungsfreiheit, schlankere und schnellere Verfahren sowie vor allem mehr Vertrauen. Weniger Bürokratie durch mehr Eigenverantwortung des Einzelnen und ein größeres Zutrauen der großen Politik in die kommunale Selbstverwaltung sind dafür entscheidend.

Egal ob Windräder, Baugebiete oder Mobilfunkmast - immer öfter bildet sich organisierter Widerstand gegen größere Projekte in der Nachbarschaft. Halten Sie das für legitim? Oder greift hier eher das SanktFlorian-Prinzip, das im englischsprachigen Raum auch als „not in my backyard“ (“nicht in meinem Hinterhof“) bekannt ist?

Bürgerbeteiligung und kritische Begleitung sind wichtig und stärken unsere Demokratie. Gleichzeitig braucht Fortschritt auch die Bereitschaft, Veränderungen mitzutragen. Zukunftsfähige Lösungen entstehen dann, wenn Gemeinwohl und Verantwortung im Mittelpunkt stehen und nicht nur die unmittelbare Betroffenheit.

Die Finanzlage der Kommunen ist schlecht, überall muss gespart werden. Zurückstecken will natürlich niemand. Ist die Erwartungshaltung der Bürger in dieser Situation realistisch?

Die Erwartungen der Bürgerschaft sind nachvollziehbar und verständlich, denn Kommunen sind die erste Anlaufstelle für viele Anliegen. Gleichzeitig müssen wir gemeinsam realistisch bleiben. Nicht alles ist sofort leistbar. Wenn Erwartungen, Prioritäten und finanzielle Möglichkeiten offen benannt werden, entsteht ein ehrlicher Dialog. Genau darin liegt auch eine Chance für mehr gegenseitiges Verständnis.

2026 wird der Landtag gewählt. Welchen Wunsch haben Sie an die neue Landesregierung?

Ich wünsche mir eine Landesregierung, die Zuversicht vermittelt und wieder stärker auf Ordnung, Verlässlichkeit und wirtschaftliche Vernunft setzt. Eine Politik, die Leistung anerkennt, Bürokratie abbaut und den Kommunen Vertrauen sowie echte Handlungsspielräume zurückgibt. Starke Kommunen sind die Grundlage eines starken Landes.

Ihr schönster Moment 2025?

Der schönste Moment 2025 war für mich nicht ein einzelnes Ereignis, sondern viele besondere Augenblicke. Etwa bei Veranstaltungen wie Oberreichenbach Open, bei denen alle Ortsteile zusammenkommen und spürbar wird, wie lebendig unsere Gemeinde ist. Solche Veranstaltungen zeigen, was Gemeinschaft ausmacht. Und ganz privat natürlich der Tag im Mai, an dem meine Frau und ich geheiratet haben.