Endlose Aufgaben, ständige Erreichbarkeit: Da ist auch die Diagnose Burnout nicht weit. Foto: New Africa - stock.adobe.com

Immer mehr Menschen macht die Last ihrer Aufgaben schwer zu schaffen. Im Kreis Calw traf das in diesem Jahr gleich drei Bürgermeister. Eine bedenkliche Entwicklung, meint unser Autor.

Als ich in dieser Woche am Dienstagabend bereits im Feierabend war, auf dem Sofa saß und eigentlich nicht mehr an Arbeit oder Nachrichten dachte, erreichte mich unerwartet doch noch eine Meldung – und was für eine: Schömbergs Bürgermeister Matthias Leyn kündigte an, zum 31. März zurückzutreten. Ein Paukenschlag. Denn eigentlich würde seine zweite Amtszeit noch bis 2031 dauern.

 

Als Gründe führte Leyn unter anderem an, die notwendige Kraft, die ausreichende Energie und auch die für das Amt wichtige Begeisterungsfähigkeit seien ihm nach und nach verloren gegangen. Er könne so den notwendigen, vollen Einsatz, den dieses Amt brauche, so leider nicht mehr erbringen.

Die Entscheidung des Bürgermeisters verdient Respekt. Beunruhigend ist sie dennoch. Denn dass diese Nachricht nicht einfach im Strom der Neuigkeiten untergehen sollte, liegt schon darin begründet, dass Leyn kein Einzelfall ist.

Anfang des Sommers erlitt Neubulachs Bürgermeisterin Petra Schupp einen Herzinfarkt. „Negativer Stress mit nicht absehbarem Ende war einer der Auslöser“, erklärte sie Monate später im Gespräch mit unserer Redaktion. 

„Die Diagnose lautet Erschöpfungssyndrom“

Bereits im Frühjahr fiel Bad Liebenzells Bürgermeister Roberto Chiari aus. „Die Diagnose lautet Erschöpfungssyndrom“, erklärte er im Mai. Wenig später war krankheitsbedingt erneut Schluss; seit Mitte Juli vertritt ihn der ehemalige Bürgermeister von Haiterbach, Andreas Hölzlberger, als Amtsverwalter.

Es sind Fälle, die nachdenklich stimmen. Früher waren Menschen, die als Bürgermeister arbeiteten, hoch angesehene Leute, die Wertschätzung und Respekt ernteten. Heute scheinen sie vielen Bürgern nur noch als Prügelknaben zu dienen, die allein dafür da sein sollen, die eigenen persönlichen Interessen durchzusetzen. Tun sie das nicht, werden sie nicht selten mit Hass und Wut überzogen.

Was seit einigen Jahren geschieht, spottet jedoch jeder Beschreibung

Gewiss: Es ist gut, dass auch Amtsträger nicht unhinterfragt bleiben. Dass ihre Arbeit konstruktiv-kritisch begleitet wird. Dass sie nicht nach Gutsherrenart tun und lassen können, was sie wollen. 

Was seit einigen Jahren geschieht, spottet jedoch jeder Beschreibung. Bedrohungen, Beleidigungen, auch Gewalt gegen Amtsträger nimmt massiv zu. Hinzu kommen Phänomene, die auch andernorts in der Arbeitswelt keine Unbekannten sind. Etwa ständige Erreichbarkeit. Wachsende Ansprüche. Unterbesetzung und permanent neue Aufgaben – und all das in einer schwierigen Wirtschaftslage.

Überlastung am Arbeitsplatz kennen nicht nur Bürgermeister. Foto: Kaspars Grinvalds - stock.adobe.com

Manch einem mag das Mitleid mit Amtsträgern fremd sein. Als Vertretern des Staates, als einem von „denen da oben“, wie es gerne heißt. Doch auch Amtsträger sind Menschen. Und auch sie versuchen in den allermeisten Fällen nur, ihre Aufgabe so gut es geht zu erfüllen. 

Schaffen sie das nicht mehr, ist es ehrenhaft, wenn sie sich zurückziehen. Bedenklich ist jedoch, dass es überhaupt so weit kommen muss. Wer eigene Ansprüche an die erste Stelle setzt, sollte sich dessen bewusst sein. Sollte sich fragen, wie viel von wem verlangt werden kann und darf. Wer vielleicht Unterstützung braucht. Ganz generell.

Denn der nächste Burnout-Patient sitzt nicht unbedingt nur in einem Rathaus oder an der Spitze eines Top-Konzerns – sondern vielleicht auch unerkannt am morgendlichen Frühstückstisch zu Hause.