Volles Haus in der Gemeindehalle garantierte am Mittwochabend das Thema Windkraft.
Die Gemeinde hatte zu einer weiteren Informationsveranstaltung zum konträr diskutierten Thema Windenergieanlagen (WEA) im Lochwald vor dem Bürgerentscheid am 13. April eingeladen.
Moderiert von Stephanie Heng-Ruschek, stellte nach der Begrüßung durch Bürgermeister Ryyan Alshebl der Projektleiter des „Windpark Ostelsheim“, Tim Holzapfel von den Stadtwerken Tübingen (SWT) das Projekt noch einmal ausführlich vor. Anschließend thematisierte Andrea Bührig vom Landratsamt Calw ebenso detailreich das umfangreiche Genehmigungsverfahren für den Bau der drei WEAs.
15 Minuten Redezeit
Jeweils 15 Minuten Redezeit erhielten Redner der beiden Initiativen, die um Ja- oder Nein-Stimmen beim Bürgerentscheid werben und sich damit für beziehungsweise gegen das Projekt Windpark Ostelsheim engagieren. Für den Verein „Freie Landschaft Ostelsheim“ (FLO) führte Wolfgang Klotz die Gegenargumente aus. Was für den Windpark spricht, thematisierten Martin Hose, Marie Kanzleiter und Linus Gebhardt für den Verein „Pro Windkraft“ (IPW).
Windmessung läuft noch
„Ein Ja zum Windpark beim Bürgerentscheid ist noch nicht das Ja zum Bau der WEAs“, machte Alshebl deutlich. Das hänge noch von der über ein ganzes Jahr laufenden Windmessung ab, die seit September 2024 und noch bis September dieses Jahres läuft. „Ein Nein allerdings bedeutet, dass wir aus dem Gestattungsvertrag mit den SWT aussteigen und die bisher aufgelaufenen Kosten erstatten müssen“, so der Schultes. „Der Bürgerentscheid ist für die Gemeinde bindend und der Gemeinderat darf in den folgenden drei Jahren keine diesbezügliche Entscheidung mehr treffen. Wir werden dann in meiner Amtszeit das Thema nicht weiterverfolgen.“ Bei einem ablehnenden Bürgervotum wären an die SWT bis zu 270 000 Euro Kostenerstattung zu leisten, sagte der Rathauschef.
Flächenverbrauch und Nabenhöhe
Holzapfel zeigte eine Visualisierung des Windparks, ging auf den Flächenverbrauch, die Zuwegung sowie dauerhaft und nur temporär bebaute Flächen um eine WEA ein. Er erläuterte den Anlagentyp E-175 mit einer Nabenhöhe von 175 Metern (Gesamthöhe circa 262 Meter) und zeigte Worst Case-Simulationen zur Schallausbreitung und zum Schattenwurf der drei WEAs. Der Zeitplan der SWT sieht den Baubeginn für 2027 und die Inbetriebnahme des Windparks im Jahr 2028 vor. „Unser Ziel ist es, einen möglichst ertragreichen, wirtschaftlichen und konzentrierten Windpark mit geringstmöglichem Eingriff in Natur und breiter Bürgerbeteiligung umzusetzen.“
Andrea Bührig, Abteilungsleitung Umwelt- und Arbeitsschutz am Landratsamt Calw (LRA), gab einen zeitlichen Abriss übers Genehmigungsverfahren, listete die nötigen Gutachten zum Arten-, Natur- und Emissionsschutz auf und die zu hörenden Träger öffentlicher Belange. Wenn alles vorliegt, müsse die Entscheidung zur Genehmigung innerhalb von drei Monaten gefällt werden.
Vorwurf der Angstmache
Für FLO hat Wolfgang Klotz Stillosigkeit in der Auseinandersetzung zwischen den Pro- und Kontra-Parteien moniert. Er thematisierte gesundheitliche Gefahren durch Infraschall am Beispiel der Gemeinde Baiereck und lies den Brummton der dortigen WEAs hören, die den Bürgern den Schlaf raubt. Die Ostelsheimer Topographie sei vergleichbar und die Angaben der SWT beruhten auf Simulationen, gemessen werden könne die Schallemission aber erst, wenn die WEAs gebaut wären, warnte Klotz, dann sei es zu spät. In einem Flyer sei von IPW suggeriert worden, dass bei einem Nein im Bürgerentscheid sich Privatleute zusammenschließen und ihre Grundstücke für WEAs zur Verfügung stellen würden. Das stimme nicht. FLO habe mit Privatleuten gesprochen, das sei Angstmache, so Klotz. Niemand könne garantieren, dass der Schuss nicht nach hinten losgehe. FLO sieht die Gefahr sinkender Immobilienpreise und ist der Meinung, dass es sich auch für den Steuerzahler nicht lohnt.
Blick über den Ort hinaus
Die Sprecher Hose, Kanzleiter und Gebhardt von IPW stellten die Ostelsheimer WEAs in den ganz großen Zusammenhang. Es seien zwar nur drei WEAs in einem einzelnen Dorf, aber „die Energiewende gelingt nur, wenn wir anpacken“, so Kanzleiter. Im Hagelunwetter 2024 hätte Ostelsheim mehr Bäume verloren als für den Windpark gerodet werden müssten. Die 300 000 Euro Pachteinnahmen pro Jahr stärkten die Gemeinde, ist Gebhardt sicher. Der Gemeinderat, „den wir kollektiv gewählt haben“, habe die Verträge mit SWT intensiv geprüft, so Gebhardt. Auch aus wissenschaftlicher Sicht überwiegen die Vorteile die Nachteile deutlich. Konkrete wissenschaftliche Studien hätten belegt, dass WEAs keine gesundheitsschädlichen Auswirkungen hätten, Baiereck sei ein Einzelfall.
Fragen aus dem Publikum
Die Veranstaltung wurde gestreamt. Außer den Besuchern in der Gemeindehalle wurden weit mehr als 100 auch zuhause am Rechner gezählt. Die direkt und über ein Online-Tool gestellten Fragen drehten sich vielfach um die Schallemissionen. Holzäpfel und sein Kollege Keck von den SWT bestätigten, dass sich die Angaben bisher auf Berechnungen und Simulationen stützen. Auch werde der Schall im laufenden Betrieb der WEAs nicht gemessen.
Erst wenn es Beschwerden gibt, „kann eine Referenzmessung von unserer Behörde gefordert werden“, sagte die LRA-Vertreterin Bührig. Die SWT-Vertreter bekundeten: „42 Anlagen, die wir bundesweit in Betrieb haben, bestätigen, dass die Grenzwerte eingehalten werden“.
Ein Besucher im Saal wollte wissen, wie viele der in Ostelsheim geplanten WEA-Typen E-175 bereits in Deutschland in Betrieb sind. Noch keine, so Holzapfel, aber hier in der süddeutschen Topographie brauche es höhere Modelle als im norddeutschen Flachland. Weitere Fragen drehten sich um die Höhe der Pachteinnahmen, die der Bürgermeister „aus rechtlichen Gründen“ als „gut sechsstellig“ im Jahr bezifferte, und zur Bürgerbeteiligung. Alle Fragen werden laut der Moderatorin im Veranstaltungsprotokoll aufgearbeitet und auf den Webseiten von SWT und Gemeinde veröffentlicht.
Das sagen Räte und Rathauschef
Zum Ende der Veranstaltung gab Gemeinderat Klaus Richter eine Stellungnahme mit dem Rückhalt des gesamten Ratsgremiums ab und bedankte sich, „dass so viele da sind, das zeigt, dass euch euer Wohnort und seine Entwicklung wichtig ist“. Der Gemeinderat habe sich „nach reiflicher Überlegung mit ganz großer Mehrheit“ für den Windpark entschieden und sich bewusst eine Rücktrittsmöglichkeit offengelassen. „Wir wünschen uns eine hohe Wahlbeteiligung und ein möglichst eindeutiges Ergebnis. Das werden wir respektieren und umsetzen“, versicherte Richter. „Die Heftigkeit hat uns überrascht, eine Spaltung sollte nicht das Ergebnis der Windraddiskussion sein. Der Schlüssel liegt im Umgangston“, lautete seine Bitte.
Kein flammendes Plädoyer
„Es liegt nicht mehr in unserer Hand“, sagte der Schultes – und enttäuschte damit vielleicht diejenigen, die ein „flammendes Plädoyer für den Windpark“ von ihm erwartet hatten. „Bringen Sie Ihre Stimme ein. Bei etwa 2000 Wahlberechtigten bewirkt jede Stimme viel“, warb er und gestand seine Befürchtungen, „dass die Veranstaltung in eine Richtung geht, die wir nicht mehr beherrschen. Doch wir haben es hinbekommen, trotz der großen Emotionen“. Alshebl blickte über den 13. April hinaus, „der 14. April sollte der Tag sein, wo wir alles dann gemeinsam aufbereiten“.