Von Genderdebatte bis Generationenkonflikt: Das HFU-Theaterensemble brachte aktuelle Streitthemen humorvoll und treffsicher auf die Bühne.
„Kalter weißer Mann“ ist ein Zweiakter von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob.
Unter der gelungenen Regie von Professor Jirka R. Dell’Oro-Friedl, Studiendekan Games and Immersive Media der Hochschule Furtwangen University (HFU), gelang dem „Referat Studentisches Theater“ des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) eine bemerkenswerte Aufführung an drei Tagen.
Hier wird die Premiere des Stücks beschrieben, das sich zwischen Komödie, Groteske und dramatischer Zuspitzung bewegte und nicht besser auf die derzeitige gesellschaftliche Situation zugeschnitten sein konnte. Die Akteure schlüpften gekonnt in ihre Rollen.
Die Handlung wird durch den Tod des Firmenpatriarchen Gernot Steinfels ausgelöst, der nur als Konterfei neben seiner Urne „auftritt“ und dessen Lebensgeschichte nicht nur rühmlich war.
Treffen bei der Trauerfeier
Zu seiner Trauerfeier versammeln sich einige Mitarbeiter, die auch die Zuschauer mitnehmen. Da ist der designierte, stimmgewaltige Nachfolger Bohne (gut besetzt mit Max Duczmal), der konservative, unbewusst rassistische und sexistische Äußerungen von sich gibt. Sein Gegenpart ist die zickige Marketing-Managerin Bergreiter (Antoni Trixi Mayer), die wegen der Trauerkranz-Schleife eine hitzige Genderdebatte herauf beschwört, Frauen unterdrückt und missachtet sieht und deutliche sprachliche Veränderungen entweder mit Mitarbeiter-„innen“-Anhängsel oder Gender-Stern verlangt.
Hier entstand die direkte Verbindung zur HFU, die das „inklusive Neutrum“, exemplarisch mit „das Studenti“ (Plural „die Studentis“), vertritt.
Zum Team gehört auch Rieke Schneider, eine firmenloyale, tränenreiche, etwas naive Sekretärin, die perfekt durch Tanja Eyßelein in Szene gesetzt wurde. Verschiedene Ansichten veranlassen sie immer wieder zur Meinungsänderung.
Kevin Packert (Tim Jonas Hegert) ist ein Handy-Fan und Social-Media-Spezialist, der eine deutungsfreie Beziehung zur „zweiten“ Chefin und seine eigene Sexualität bekennen muss.
Ein ernster Hintergrund
Kim (René Hill) als aktuell-revolutionärer und intellektuell-unbeugsamer „Praktikanti“ schleudert manches Bonmot den Beteiligten entgegen und deckt Verlogenheiten auf. Während alle auf Zwist gebürstet sind, hat Pfarrer Koch (Ralf Speer) eine schwierige Position, die er bis zum explosiven Reagieren vertritt, weder den Kreuzweg Christi erklären kann, mühevoll den zeitlichen Rahmen der Trauerfeier bewältigt und feststellen muss, dass die Leute bei Testament gleich ans Erben denken.
Die Gräben sind tief und menschliche Schwächen werden offenbar.
Keine endgültigen Lösungen
Damit findet die Komödie einen durch und durch ernsten Hintergrund, dessen Komplexität zwischen Moral, politischer Haltung, wirtschaftlichen Agieren, Bewältigung von Generationenproblemen, Sex und übertriebener Wachsamkeit „das Zuschaueri“ selbst im Alltag bewältigen muss, denn endgültige Lösungen gibt es nicht.
Ausreichend waren minimalistische Ausstattung, Maske und technische Ausstattung. Einen besonderen Akzent vermittelte ein achtköpfiger Chor, der stimmungsvolle Trauermusik mit dem Spiritual „Swing low, sweet chariot“ und dem „Requiem“ zum 2004-Tsunami transportierte.