Autor Ralf Bernd Herden legt nach eingehenden Nachforschungen in einem Buch die Rolle des ehemaligen Freudenstädter Landrats Helmut Weihenmaier während der NS-Schreckensherrschaft in Polen vor. Jetzt wurde das Werk vorgestellt.
Seine Betroffenheit war Landrat Klaus Michael Rückert in seiner Einführung zur Präsentation der Dokumentation „Helmut Weihenmaier – Vom NS-Kreishauptmann in Polen zum Landrat im Schwarzwald“ im Stadthaus in Freudenstadt anzumerken. Hatte der Landkreischef doch bei seinem Amtsantritt vor 14 Jahren nicht damit gerechnet, dass er einmal mit der dunklen Vergangenheit einer seiner Vorgänger konfrontiert würde.
Die besondere Tragik dabei ist, dass SA-Funktionär Weihenmaier (Landrat in Freudenstadt von 1960 bis 1971) in den Jahren 1939 bis 1944 in Zamosc sein Amt ausübte und damit für das Gebiet des heutigen Partnerlandkreises Tomaszowski in Südostpolen zuständig war. Somit, so Rückert, habe Weihenmaier „für furchtbare Taten Mitverantwortung getragen“.
Des Landrats Dank galt Ralf Bernd Herden, der in „großer Kompetenz und unermüdlichem Einsatz“ das Wirken aufgedeckt hat. Diese Dokumentation sei mehr als notwendig, um über die Vorgänge der Entnazifizierung hinaus Weihenmaiers Leben zu entfalten. Dank zollte der Landrat auch Alexis von Komorowski, dem Geschäftsführer des Landkreistags, der das Entstehen des Buchs begleitet hat.
Rückert: Nachwelt bleibt beschämt zurück
Der Landkreis verurteile die damals begangenen Gräueltaten aufs Schärfste, so Rückert, und Weihenmaiers Beitrag zu den Vorgängen lasse die Nachwelt „beschämt“ zurück. Umso wichtiger sei die Aussöhnung mit Polen und insbesondere die seit 2002 bestehende intensive Partnerschaft mit dem Landkreis Tomaszowski. Für diese Initiative sei er seinem Vorgänger, Landrat Peter Dombrowski, außerordentlich dankbar.
Peter Kritzinger vertrat den Kohlhammer-Verlag, der in enger Abstimmung Herdens Buch herausbrachte. In seiner Rede zeigte er sich mit Rückert einig darüber, dass die deutsch-polnische Freundschaft Ehrlichkeit aushalten müsse. Das Buch sei ein Beleg dafür, dass „wir uns vor der Verantwortung nicht drücken dürfen“.
Ralf Bernd Herden, Jurist und Lehrbeauftragter an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, darüber hinaus früherer Bürgermeister von Bad Rippoldsau-Schapbach und Kreisrat, skizzierte in seinem Vortrag das Zustandekommen seines Buches.
Einigkeit: Ergebnisse müssen öffentlich werden
Von „journalistischer Neugier und juristischem Gerechtigkeitsstreben“ war dabei die Rede. Leicht gefallen seien ihm die Nachforschungen nicht.
Etwa um das Jahr 2003 habe er erstmals „verdächtige Zusammenhänge“ entdeckt. Mit Landrat Dombrowski habe schnell Einigkeit darüber geherrscht, dass man die Geschichte ergründen wolle, zuerst nur intern. Man kam zu dem Schluss, dass die Ergebnisse offengelegt werden müssten. Auch mit dem Nachfolger Rückert habe vollkommenes Einvernehmen bestanden.
Herden will am Ball bleiben
Eine Erkenntnis aus dem aufwendigen Projekt lautet nach Herdens Überzeugung: „Wir müssen wachsam und selbstkritisch bleiben.“ Wenn es ihm gelungen sei, den drei Grundsätzen Menschlichkeit, Wahrheit und Rechtschaffenheit die ihnen gebührende Bedeutung zuzumessen, sei er dankbar. Seine Arbeit sei mit dem Buch nicht abgeschlossen. Er werde am Ball bleiben.
Der Landrat von Tomaszowski, Henryk Karwan, konnte zur Buchpräsentation nicht kommen, ließ aber durch Rückert seine Grüße und seine Verbundenheit mit dem Partnerlandkreis Freudenstadt ausrichten.
Abschließend lud Rückert die zahlreichen Gäste zu Getränken und Häppchen ein. Zwar sei der Inhalt von Herdens Buch kein Anlass zum ausgelassenen Feiern, aber er könne Anlass sein für den Austausch über das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.
Das Buch: Ralf Bernd Herden: „Helmut Weihenmaier – Vom NS-Kreishauptmann in Polen zum Landrat im Schwarzwald“, Kohlhammer-Verlag Stuttgart 2024, 240 Seiten, gebunden, 29 Euro.