Der Schriftsteller Uwe Timm hat den Umgang mit Pelzen gelernt. Sein Erinnerungsbuch „Alle meine Geister“ zeigt, was Literatur und Handwerk gemein haben.
Handwerk hat goldenen Boden, hieß es einmal. Und doch wird für viele traditionelle Berufe die Luft immer dünner. Die Zeiten ändern sich. Und mit diesen Binsen könnte man schon beinahe einen ganzen Korb flechten. Wobei die Korbflechterei sicher auch zu den eher gefährdeten Fertigkeiten zählt. Ganz sicher aber gilt das für das Handwerk des Kürschners. Wer trägt heute noch Pelz, auf die Gefahr, ihn von aufgebrachten Tierschützern moralisch über die Ohren gezogen zu bekommen. Der Sinn für die Schönheit, den seidigen Glanz, die bergende Weichheit ist von der Sensibilität für das Leid der Kreatur abgelöst worden, wer wollte etwas dagegen sagen.
Der Schriftsteller Uwe Timm ganz sicher nicht. In seinem neuen Buch „Alle meine Geister“ erzählt er von seinen Lehrjahren in einem Hamburger Kürschnerbetrieb. Und so sehr man in dieser Vergangenheitsbeschwörung eine Ehrenrettung für das Handwerk als solches sehen kann, lässt Timm an der Unumkehrbarkeit jener Entwicklung, die zum Untergang des väterlichen Pelzgeschäfts geführt hat, keinen Zweifel.
Klassischer Bildungsroman
„Wie andere Berufe, der Setzer, der Metteur, verschwindet der Beruf des Kürschners, geradeso wie der des Industriearbeiters, nachdem die erste große Automatisierungswelle die Produktion erreichte.“ Nur dass dafür nicht eine neue Technologie verantwortlich ist, sondern das Mitempfinden. Wie gut, dass der junge Lehrling neben den Kenntnissen des Berechnens, Zuschneidens und Verarbeitens von Fellteilen während seiner Ausbildung auch lernt, was es mit jener anderen Kunst auf sich hat, die in früheren Zeiten einmal auf Tierhäuten tradiert wurde: der Literatur. Uwe Timms Lehrjahre fügen sich zu einem Bildungsroman im klassischen Sinn. Der Schriftsteller, der aus ihnen hervorgegangen ist, hat mit dem Schreiben ein Handwerk erworben, das ihn in Stand setzt, das Vergangene, Verlorene in sein Recht zu setzen.
„Alle meine Geister“ ist die Vergegenwärtigung einer Kulturtechnik, die im mittelalterlichen Florenz wegen ihres kostbaren Materials zu den sieben Höheren Künsten zählte. Das Buch würdigt eine untergehende Arbeitswelt und die hier wirkenden Charaktere, Spezialisten, ja Künstler auf ihrem Gebiet. Doch zugleich dokumentiert es auch eine Schule des Lesens, die der junge Lehrling im Rückzugswinkel des Sortierzimmers zwischen Persianerstücken und anderen felligen Kostbarkeiten heimlich besucht.
Schutzmantel aus Büchern
Den Grund haben „Grimms Märchen“, „Tausendundeine Nacht“, Stevensons „Schatzinsel“ gelegt. Nun kommen Hemingway und Salinger hinzu. Einer der Meister macht ihn mit der „Göttlichen Komödie“ und „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ bekannt. Dann das Dostojewski-Erlebnis, „Der Idiot“, ein Gegenraum zum Gewohnten. Die Begegnung mit Gottfried Benns Gedicht „Teils-Teils“ klingt im Namen einer Literaturzeitschrift wieder, die Uwe Timm Jahre später zusammen mit dem befreundeten Benno Ohnesorg herausgeben wird.
Faulkner, Thomas Mann, Kafka, Camus, Bachmann – der Gewerbe-Retrospektive ist ein Kanon eingearbeitet, so kunstvoll, als gelte es die postulierte Verwandtschaft von Literatur und Handwerk am Material des Textes unter Beweis zu stellen. Umbauen, Ausbessern, Ausstreichen, Überschreiben, Verschieben, diese aus der Ausbildung zutiefst vertrauten Arbeitsweisen begegnen ihm beim Besuch einer Tolstoi-Ausstellung in München wieder. Und in einer mit dem Ganzen sauber vernähten Passage aus einem Essay Walter Benjamins ist der Satz zu lesen: „Die Erzählung, wie sie im Kreis des Handwerks – des bäuerlichen, des maritimen und dann des städtischen – lange gedeiht, ist selbst eine gleichsam handwerkliche Form der Mitteilung.“
Die Atmosphäre, gegen die sich der junge Kürschner in einen Schutzmantel aus Büchern hüllt, sind die Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre, eine Zeit, wie Timm schreibt, der Heuchelei, des selbstgefälligen Wirtschaftswunders, des Verschweigens von Untaten, der fraglosen Autorität von Eliten, der erstarrten Konventionen, Tanztees, Schlager und Heimatfilme – „dem einzig genuin deutschen Filmgenre. Die Literatur wird zur Befreiung.
Was folgt, wird der in der Werkstatt zum Erzähler Gereifte in seinem Roman „Heißer Sommer“ über den Aufbruch der 68er-Generation schildern, mit dem ihm 1974 in seinem neuen Beruf der Durchbruch gelang. Die Türen des Hamburger Geschäfts „Pelze-Timm“ hatten sich da schon lange geschlossen. Man könnte nun diesen Rückblick auf die Anfänge vielleicht als etwas altmeisterlich und gediegen empfinden. Mit Blick auf den Lebensbereich, der hier in dämmerndes Licht gerückt wird, ist das unbedingt ein Qualitätsurteil.
Uwe Timm: Alle meine Geister. Kiepenheuer&Witsch. 288 Seiten, 25 Euro.