Peter Buwalda schreibt hochentzündliche Romane. Foto: imago/Richard Wareham

In seinem vielstimmigen Roman „Otmars Söhne“ verknüpft der niederländische Autor Peter Buwalda einen verschollenen Sonatensatz Beethovens mit gesellschaftlichen und sexuellen Machtverhältnissen.

Stuttgart - Allegro con Brio ed appassionato – diese Vortragsbezeichnung trifft ganz gut den Erzählton dieses auftrumpfenden Romans in 111 Kapiteln. Und wer jetzt gleich an Beethoven denkt, liegt genau richtig. Denn dessen letzte und seit Thomas Manns „Doktor Faustus“ zur einschlägigen Künstlerromanliteratur zählende Klaviersonate Opus 111 spielt darin eine entscheidende Rolle. Allerdings einmal nicht jene sich in schwindelnden Höhen auflösenden Variationen der Arietta, sondern ein bisher verschollener dritter Satz. Und wenn man aus diesem Rückschlüsse für Peter Buwaldas Roman „Otmars Söhne“ ziehen wollte, müsste man ihn zweifellos für ein kontrapunktisches Meisterwerk halten, das auf kunstvolle Weise sehr heterogene Motive miteinander verknüpft.

 

Ludwig soll ein Junge heißen, dessen Erzeuger sich aus dem Staub gemacht hat, und der nun im musikalischen Haus seines Stiefvaters Otmar unter Wunderkindern aufwächst, einem neurotisch-hochbegabten Halbbruder, der vor einer großen Pianistenkarriere steht, und dessen Schwester, einer Geigerin. Den bewundernswerten Begabungen seiner Halbgeschwister hat Ludwig vor allem ein Talent, sich unwohl zu fühlen, entgegenzusetzen – und eine sexuelle Höchsterregbarkeit, die sein Verhältnis zu Frauen problematisch gestaltet. So zum Beispiel das zu der attraktiven Isabelle, mit der er als Student eine Weile in einer Wohngemeinschaft lebt, verschämt seine im Wortsinn überschießenden Gefühle vor ihr verbergend.

Sadistische Machtspiele

Die aus Thailand stammende Isabelle wiederum ist die Adoptivtochter einer angesehenen niederländischen Familie. Eine pikante Angelegenheit im Umfeld der Familie entzweit sie mit ihrem reaktionären Großvater, einem bekannten Kinderbuchautor, Politiker und leidenschaftlichen de-Sade-Leser. Was Isabelle später einmal als Investigativ-Reporterin an korrupten Eliten exekutieren wird, erprobt sie zunächst an der einschüchternden Autoritätsfigur ihres Großvaters. Und ihre Grenzüberschreitungen im Dienst der Wahrheitsfindung kommen auf ihre Weise den sadistischen Machtspielen älterer Herren unheimlich nahe.

Damit gelangt man auf die eigentliche, von Rückblenden und kunstvollen Verschachtelungen immer wieder aufgeschobene Erzählebene. Denn einer dieser älteren Herren, Hans Tromp, spielt sowohl in Ludwigs wie Isabelles leben eine nicht unbedeutende Rolle. Er leitet auf der russischen Insel Sachalin einen Zweig des Shell-Konzerns und ist auf dem Sprung an die Spitze des niederländischen Unternehmens. Mit Isabelle verbindet ihn eine heftige enthüllungsjournalistische Affäre aus der Zeit, in der er fürShell in Nigeria an der verbrecherischen Ausbeutung von Mensch und Natur beteiligt war.

Hart an der Wirklichkeit recherchiert

Noch weiter zurück reicht Tromps Verbindung zu Ludwig. Denn es könnte sich bei ihm um den Mann handeln, der Mutter und Sohn einst in prekären Verhältnissen verlassen hat. Und so laufen sich die beiden ehemaligen WG-Bewohner Ludwig und Isabelle in der sibirischen Kälte über den tief verschneiten Weg, weil sie beide mit dem Ölmagnaten eine Rechnung offen haben.

Das sind die Motive, aus denen die vielstimmige Komposition dieses Romans besteht: gebrochene Familienbande, gesellschaftliche und sexuelle Machtverhältnisse und die Destruktion aller Fantasmen „natürlicher“ Zugehörigkeiten. Denn die menschliche Natur zeigt sich hier nicht unbedingt als etwas, auf das man stolz sein müsste. Eine ähnliche Mixtur hat Peter Buwalda vor dem Hintergrund des realen Falls der Explosion einer niederländischen Feuerwerksfabrik in seinem Debüt „Bonita Avenue“ schon einmal effektvoll in die Luft gejagt. Manche der Trümmer von damals finden sich auch in seinem hart an der Realität recherchierten neuen Roman wieder.

Öl, Blut und Sperma

War es damals die Reaktivität des Sprengstoffs, die die Ereignisse organisierte, ist es diesmal, was man im Licht der musikalischen Gesamtanlage motivische Arbeit nennen könnte. Denkbar virtuos entwickeln sich aus einem Erzählstrang eine Vielzahl weiterer, die auseinanderlaufen, um sich in fliegenden Perspektivwechseln und Spiegelungen wieder zu verbinden, einschließlich eines drastischen Variationssatzes auf die populäre Erotik von „Fifty Shades of Grey“.

Doch damit endet die Parallele zur Musik auch schon. Denn Buwalda zeigt eine Welt, die sich harmonikalen Begriffen nicht fügt, durch deren Adern eine unersättliche Gier Öl, Blut und Sperma pumpt. Die Familie ist der Umschlagplatz für Verrat, Kränkungen und Neurosen aller Art. Bevor Ludwigs genialer Halbbruder als Pianist die Podien der Welt erobert, hat ihn seine Identifikation mit Beethoven in die Psychiatrie geführt. Was ist von seiner Entdeckung des verschollenen Sonatensatzes zu halten? Original oder Fälschung? Isabelle, der Ludwig das Geheimnis anvertraut, wittert darin den nächsten Scoop.

Original oder Fälschung?

Der virile Gestus des Erzählens hat ein identitätspolitisches Gegenthema. Es wird in Isabelles thailändischer Herkunft angeschlagen. Und in Anlehnung an jene mittelalterliche Amour fou, die in eine Kastration mündet, wird qua Geschlechtsumwandlung aus ihrem bestem Freund Abaelard ihre beste Freundin Heloise. Überhaupt zeigt sich das polyfone Gebilde dieses Romans aufnahmefähig für aktuelle Debatten wie die politischen Entwicklungen am rechten Rand der Niederlande. Figuren der Zeitgeschichte haben ihren Auftritt, einmal läuft auch Buwaldas Kollege Maarten t’Hart hat als musikalischer Berater durch das Bild.

„Otmars Söhne“ ist der erste Band einer Trilogie mit dem Titel „Opus 111“. Die von Buwalda praktizierte Kunst des Aufschubs steht in krassem Gegensatz zu Ludwigs sexuellem Problem. Bis zum Höhepunkt dauert es noch zwei weitere Bände. Erst dann wird man sagen können, wie es mit Original oder Fälschung weitergeht – ob man von einem effektvollen Bravourstück überrumpelt oder von einem Meisterwerk in Bann geschlagen wurde.

Info

Peter Buwalda wurde 1971 in Brüssel geboren, arbeitete für eine Musikzeitschrift, bevor er seinen ersten Roman schrieb und freier Schriftsteller wurde. Sein Debüt „Bonita Avenue“, 2013 auf Deutsch erschienen, wurde mehrfach ausgezeichnet und führte über zwei Jahre lang die holländischen Bestsellerlisten an. Die Explosion der Feuerwerksfabrik in Enschede im Mai 2000 bildet darin den Hintergrund eines bürgerlichen Weltenbrands. Peter Buwalda lebt in Amsterdam.

Peter Buwalda: Otmars Söhne. Roman. Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens. Rowohlt Verlag. 624 Seiten, 24 Euro.