In Peter Blickles pietistischem Sittenbild führen alle Wege in den Betsaal. Foto: imago/Klaus Martin Höfer/imago stock&people

Peter Blickle erforscht in seinem Roman „Andershimmel“ die pietistische Gefühlskultur – bis an die Schmerzgrenze.

Stuttgart - Ein Anruf nach dreißig Jahren, und schon ist man schon wieder mitten drin. Als junger Mann hat Johannes sein Dorf, eine pietistische Brüdergemeinde irgendwo in Oberschwaben, verlassen, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Doch seine Prägungen wird man nicht so leicht los, auch nach dreißig Jahren nicht. Das Telefon klingelt ihn zurück in eine Welt, die durchdrungen ist von der Großschreibung: alles führt auf Ihn zurück, alles geschieht in Ihm und durch Ihn, Er fordert unbedingten Gehorsam. Wenn man eine Tracht Prügel bezieht, was oft vorkommt, ist das ein Ausfluss Seiner Liebe, denn Schmerzen sind Prüfungen. Und weil Er nicht alles selbst machen kann, wacht ein Ältestenrat mit spitzem Mund über die Geschicke des Dorfes, einer durch und durch männlichen Zeugung: „Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde.“

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