Martina Hefters Roman „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ ist ein Text über Tattoos, den Planet Melancholia, über ältere Frauen, Nigeria und betrügerische Internet-Chats. Ein absoluter Glücksfall – und nun auch Roman des Jahres.
Hey guten Morgen, wie geht es Dir? – Oh, wer grüßt denn da so frisch? Möglicherweise jemand, der in Wirklichkeit tausende Kilometer entfernt in einem Internetcafé sitzt und sich unter falschen Identitäten in das Leben einsamer Frauen wanzt und der es mit vielen Smileys auf das Geld der von verlockenden Profilbildern Betörten abgesehen hat.
Aber wir sind hier nicht bei „Aktenzeichen XY ungelöst“, sondern in einem Roman Martina Hefters, der jenen forschen Morgengruß im Titel trägt. Seine nicht mehr ganz junge Protagonistin vertreibt sich im Chat mit sogenannten Love-Scammern ihre schlaflosen Nächte und ist weit davon entfernt, den Schmeicheleien braun gebrannter Typen vor Segeljachten auf den Leim zu gehen.
Dazu hat sie zu viele einschlägige Dokumentationen gesehen. Trotzdem erfüllt sie jedes Mal eine „glitzernde, hüpfende Neugier“, wenn wieder eine neue Nachricht aufleuchtet. Die Dialoge klingen dann so: „Ich arbeite in einer Konstruktionsfirma, ARCO, aber ich bin auch Finanzberater, und was machst du? - Ich füttere meine Falken, ich besitze drei, jeder 20 000 Dollar wert. Sie heißen Leo, Bubbo und Lucas.“ Die potenziellen Betrüger werden zu Spielbällen von Junos Einbildungskraft.
Juno? Ja, so heißen die Leute in dieser Leipziger Mietwohnung. Nebenan liegt ihr Mann Jupiter in seinem Pflegebett, er ist Schriftsteller und an Multipler Sklerose erkrankt. Alles spielt sich hier zwischen Himmel und Erde ab, zwischen Fantasie und Alltag, Euphorie und Depression. Es ist keine ganz leichte Zeit, das Älterwerden, Schlafstörungen, Krankheitsschübe. Doch Juno hält sich mit Körperspannung aufrecht. Sie ist Performance-Künstlerin, seit kurzem treibt sie wieder Ballett, eine eigene Form, den Raum zwischen Himmel und Erde auszufüllen.
Manchmal kommen sich Himmel und Erde auch bedrohlich nah, wie in Lars von Triers Film „Melancholia“, in dem ein aus der Bahn geratener Planet auf die Erde zurast. Einem ihrer nächtlichen Chat-Gespielen erzählt Juno davon. Schon bald tritt hinter dem Bild eines jener weißen, grauhaarigen Typen mit Basecap und Drei-Tage-Bart ein auch nicht mehr ganz junger Mann hervor, der in einer mittelgroßen Stadt in Nigeria lebt. Auch sein Name ist nicht von schlechten Eltern: Benu, ein Wesen aus der altägyptischen Mythologie, eine Art Vorgänger des Phönix; ein Totengott.
Zu Gast im Insektenhotel
Sie tauschen sich über ihr Leben aus, und auch wenn in der Schwebe bleibt, welchen Anteil Wahrheit und Lüge daran haben, entwickelt sich eine Geschichte von eigener Aufrichtigkeit. Irgendwann erzählt Juno, dass sie etwas schreibt: „Einen Text über Tattoos, den Planet Melancholia, über ältere Frauen, Love-Scammer, Nigeria.“ Man hält ihn wohl in den Händen. Und wie er sich mit heiterer Anmut von den ernsten Problemkomplexen abstößt, die seine Grundlage bilden, ist ein absoluter Glücksfall.
Vielleicht liegt es an den Sternen, für die sich Juno, die den Namen einer Raumsonde trägt, immer schon interessiert hat. Sie bilden Konstellationen, in denen weit Auseinanderliegendes in einer Figur zusammentritt – gerade hat Juno noch über den Mythos nachgedacht, der dem Sternbild Orion zugrunde liegt, dann muss sie noch einmal los, Klopapier kaufen. Vielleicht liegt es an den Tattoos, die sie sich trotz der Befürchtung stechen lässt, sie könnten auf ihrer alternden Haut verfließen und die die Erzählung emblematisch untertiteln. Vielleicht liegt es daran, dass die Autorin Maß am eigenen Leben genommen hat.
Oder es liegt an der Wildbiene, die für einige Zeit in das Insektenhotel einzieht, das Juno und Jupiter in ihrer Leipziger Wohnung eröffnet haben: „Alles auf der Erde bestand aus Ausbeutungssystemen, es gab nichts, was einfach so, ohne einen Ausgleich getan wurde, ohne einen Zweck, der am Ende Geld abwarf.“ Aber die Wildbiene ist anders. „Wildbienen produzierten im Gegensatz zu Honigbienen nichts, sie lebten nur, um die Eier in Schlupflöcher zu legen und Nahrungsvorräte für die Larven anzulegen. Das war’s.“ Eine krasse Form der Bedürfnislosigkeit, die Juno rührt.
Vielleicht ist dieses Buch aber eben auch gar kein Roman, sondern eine zum Text verzauberte Performance, die mit der Wirklichkeit ihren eigenen Umgang pflegt. Die Alltagsprosa einer prekären Künstlerexistenz, Abhängigkeiten verschiedenster Art; zwischen Liebe und Caritas, zwischen globalem Süden und den nördlichen Sphären, wo Jupiter und Juno wohnen; die Frage, ob man im Alter noch glitzernde Jacken tragen darf, fortschreitende Lähmung in einer nicht-barrierefreien Umwelt – die ganze Schwerkraft von Daseinsverhältnissen hebt dieser Text in der astralen Leichtigkeit einer Hebefigur auf, wie sie Juno im Ballettsaal mit ihren auch nicht mehr ganz jungen Mittänzerinnen einstudiert.
Und so wirkt die Vanitas-Studie, die das Buch neben vielem anderen auch ist, so glitzernd und hüpfend wie jener Titel-Gruß: „Hey guten Morgen, wie geht es Dir?“ Nach der Lektüre kann man nicht anders, als mit einem zutiefst ehrlichen „Sehr gut!“ zu antworten.
Martina Hefter: Hey guten Morgen, wie geht es Dir? Klett-Cotta. 224 S., 22 Euro.
Info
Autorin
Martina Hefter wurde 1965 in Pfronten im Allgäu geboren. Sie lebt als Autorin und Performerin in Leipzig. Ihre Texte bewegen sich zwischen Gedicht, szenischen Schreibformen und Roman. Viele ihrer Texte setzt sie in Zusammenarbeit mit anderen Künstlerinnen und Künstlern szenisch um. Sie veröffentlichte drei Romane und fünf Gedichtbände. Zuletzt erschien 2021 „In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen“. Sie ist mit dem an Multipler Sklerose erkrankten Schriftsteller Jan Kuhlbrodt verheiratet.