Von der Wucht eines antiken Epos: Maaza Mengiste erzählt in ihrem Roman „Der Schattenkönig“ vom Widerstand mutiger Äthiopierinnen gegen die brutale Gewalt der einstigen italienischen Kolonialmacht.
Stuttgart - Alles hängt an der Erinnerung. Vor einigen Jahren hat die italienische Autorin Francesca Melandri in ihrem Roman „Alle, außer mir“ ein Kapitel der verdrängten Kolonialgeschichte ihres Landes aufgeblättert. In den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts fielen die Soldaten des faschistischen Diktators Benito Mussolini in Äthiopien ein, um in einem erbarmungslosen Eroberungskrieg das Römische Imperium wiederzuerrichten. Hunderttausende Äthiopier fielen Kriegsverbrechen zum Opfer, starben einen furchtbaren Tod bei Giftgasangriffen oder wurden in Konzentrationslagern ermordet. Melandri rechnet mit der kollektiven Amnesie eines Landes ab, in dem gerade wieder eine neofaschistische Partei die Schlächter von einst als Kriegshelden feiert – und gleichwohl beste Chancen hat, in die nächste Regierung einzuziehen.
Aus einer ganz anderen Perspektive rückt die aus Äthiopien stammende und in New York lebende Autorin Maaza Mengiste die damaligen Ereignisse in den Blick. Statt rücken könnte man zutreffender wuchten sagen. Denn ihr Roman „Der Schattenkönig“ ist erfüllt von einer überwältigenden epischen Kraft, wie man sie sonst eher mit den Ereignissen des Trojanischen Krieges in Verbindung bringen würde.
Haus der Erinnerung
Wo bei Melandri die politischen Mechanismen der Verdrängung im Mittelpunkt stehen, sind es bei der 1971 in Addis Abeba geborenen Mengiste die Toten selbst. Aus den Trümmern der Geschichte, aus autochthonen Traditionen, Bildbeschreibungen, antiken Pathosformeln baut dieser Roman ihnen ein großartiges Haus der Erinnerung, in dem der heroische Kampf gegen eine übermächtige moderne italienische Armee vor dem Vergessen bewahrt wird.
Und doch erzählt der „Schattenkönig“ keine Heldengeschichte. Denn diejenigen, die hier die Fäden ziehen, sind Frauen. „Singt, Töchter, von einer Frau und Tausenden, von jenen Scharen, die dem Wind gleich eilten, um ein Land von giftigen Bestien zu befreien.“ Chorische Passagen wie diese heben die Geschichte in mythische Höhen. Doch sie beginnt ganz unten. Es ist die Geschichte der jungen Waise Hirut, die im Haus eines Offiziers des äthiopischen Kaisers Haile Selassi dient, Demütigungen erfährt und Rivalitäten zu ertragen hat, bis der Krieg mit allen Gräueln hereinbricht.
Weibliche Widerstandsbewegung
Nach der Vertreibung des Kaisers ins britische Exil entdeckt sie die Ähnlichkeit zwischen dem Herrscher und einem Bauernsohn aus der Gegend. Als Double und Talisman wird der „Schattenkönig“ ins Feld geschickt, um die Moral der äthiopischen Partisanen im Kampf gegen die italienischen Besatzer zu stärken.
Hirut ist die Wächterin an seiner Seite, Teil einer weiblichen Widerstandsbewegung. „Die Geschichte des Krieges ist immer eine männliche Geschichte gewesen“, schreibt Mengiste im Epilog, „aber das stimmte nicht für Äthiopien, und es hat noch nie gestimmt, in keinem Krieg.“
Es sind Frauen, die aus ihrer Bestimmung als Schwestern, Mütter ausbrechen, die Schießpulver mischen und zu den Waffen greifen, Köchinnen, Huren, Ehefrauen. Mit dem Satz auf den Lippen „Wir sind mehr als das“ nehmen sie, jede an ihrem Ort, den Kampf auf.
Die Toten stehen auf
Wie Reliefs an antiken Sarkophagen meißelt Maaza Mengiste die Schrecken des Kriegs in den Bau ihres Romans. Szenen, in denen sich mit Pfeilen und Messern bewaffnete Äthiopier den italienischen Panzern entgegenwerfen. Als Hirut in die Gewalt eines sadistischen italienischen Generals gerät, wird dessen Fotograf ihr Gegenspieler. Er hat den Auftrag, die Hinrichtungen und Erniedrigungen ins Bild zu bannen.
Eine erschütternde Fotoserie dieses Archivars des Todes hält den letzen Moment Sterbender fest – eine Anklage für die Ewigkeit. Wegen seiner jüdischen Herkunft steht der Fotograf bald selbst mit dem Rücken zur Wand. Tragisch verschränken sich hier Positionen des jüngsten Historikerstreits über die Frage, wie sich die Zivilisationsbrüche der Kolonialherrschaft zur Singularität der Shoah verhalten.
Doch der Dokumentation des großen Mordens setzt der Roman die magische Macht der Dichtung entgegen, die Toten wieder zum Leben zu erwecken. Und unter die Geister der Vorfahren mischt sich mythisches Personal, die Amazonenkönigin Penthesilea, die äthiopische Königstochter Aida, der antike Dichter Simonides, auf den die Urszene der Gedächtniskunst zurückgeht. Der erste Gedächtnisraum war ein Gräberfeld, in dem Bild und Raum zusammenwirken, um die Toten zu identifizieren.
Literarische Gedächtniskunst
Erzählt wird von Invasion, Widerstand und Rückkehr. Doch das triadische Prinzip des Mythos, die ewige Zyklizität des Lebens, kommt nicht zum Stillstand. Die Familie der Autorin verließ die Heimat, als Anfang der Siebzigerjahre Kaiser Haile Selassi erneut vom Thron vertrieben wurde, diesmal nicht von italienischen Kolonialherren, sondern von wütenden Studenten. Die Erschütterungen dieser Revolution bilden den Rahmen.
Maaza Mengistes literarische Gedächtniskunst gründet auf Katastrophen. In der eigenwilligen Schönheit ihres Romans erobert sie sich die Geschichte zurück – in jeder Hinsicht eine Geschichte starker Frauen.