Immer zur Leidenschaft bereit wie Jean Paul Belmondo und Anna Karina in Jean-Luc Godards Film „Pierrot le fou“. Foto: imago/Cinema Publishers Collection

Mit „Wild nach einem wilden Traum“ vollendet Julia Schoch ihre gefeierte Trilogie „Biografie einer Frau“. Am 20. März stellt sie den Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.

Zweimal hat die Schriftstellerin Julia Schoch schon angesetzt, in zwei gefeierten Romanen aus dem Leben einer Schriftstellerin namens Julia Schoch zu erzählen. Im ersten, „Das Vorkommnis“, geht es um die überraschende und grundlegend verunsichernde Begegnung mit einer bis dahin unbekannten Halbschwester, im zweiten, „Das Liebespaar des Jahrhunderts“, um die Sterblichkeit einer unsterblichen Leidenschaft. Und nun? „Ich setze noch einmal an, an einem anderen Punkt“ – so beginnt „Wild nach einem wilden Traum“, der Abschluss ihrer Trilogie „Biografie einer Frau“.

 
Julia Schoch Foto: Jürgen Bauer

Der Punkt, an dem sie ansetzt, ist die Amour fou zu einem Kollegen, der hier nur der Katalane genannt wird, während des Aufenthalts in einer Künstlerkolonie, zwei Stunden von New York entfernt. Bei der alle Konventionen abbeizenden Sprachpraxis dieser Autorin verbietet es sich mehr noch als ohnehin, Schindluder mit Begriffen zu treiben.

Aber Amour fou ist wohl in Ordnung, schon allein, weil die, deren Gefühle hier im Mittelpunkt stehen, zuhause ein Plakat von Jean-Paul Belmondo als „Pierrot le fou“ an der Wand hängen hat, der sich nach dem Tod seiner Geliebten mit Dynamitstangen am Kopf in die Luft sprengt. Darum geht es: „Ich war immer zur Leidenschaft bereit. Wer will schon eine Liebe, die nicht die Ordnung der Dinge umstürzt?“ Aber was passiert bei einer Amour fou eigentlich?

Der, der sie eines Abend auf sein Zimmer winkt, hat eigentlich nicht viel zu bieten: „Er gefiel mir nicht. Er war weder schön noch elegant, noch hatte er etwas Athletisches an sich.“ Die Selbstsicherheit, mit der er über sein Schreiben spricht, stößt sie eher ab. Und das Englisch, in dem sie sich verständigen, lässt nur die vereinfachten Versionen von Gedanken zu. Trotzdem. Und genau das versucht dieser Text zu erkunden. Hätte man damit geklärt, wovon er handelt?

Geheimnisse der Lust

Als sie bei dem Vorstellungsabend in der Künstlerkolonie gefragt wird, woran sie schreibe, bleibt sie im Vagen: an einem Roman, der „love and history“ miteinander verbinde – „wie auch hätte ich am ersten Abend, noch ganz zu Beginn, von etwas sprechen können, von dem ich selbst noch gar nichts wusste?“ Damit kommt man der eigentümlichen Lust, Julia Schoch zu lesen, schon näher. Es ist der Reiz, an etwas teilzuhaben, dessen Ergebnis erst im Prozess des Schreibens entsteht.

Wie die Geschichte des Soldaten, an der sie in den USA arbeitet, wenn sie sich nicht gerade mit dem Katalanen besinnungslos im Bett verknäult. Auch diese Geschichte dreht sich um eine verrückte Liaison, die in ein Waldstück nahe der Kaserne, in der Julia Schochs Vater als Offizier der Nationalen Volksarmee Dienst tat, zurückführt. Hier, im Zwielicht von Gefahr und Abenteuer, trifft sich die Zwölfjährige regelmäßig mit einem Soldaten zum intimen Austausch: „Er und ich sitzen da, die Zeit vergeht, und was passiert eigentlich.“ Nichts was die Szenerie nahelegen würde, kein Übergriff geht aus den geheimen Treffen hervor, allenfalls ein Kuss, der ein platonische Beziehung besiegelt und den Plan, Schriftstellerin zu werden. „Ich bin sicher du schaffst es“, sagte der Soldat: „Man muss wild danach sein. Wild nach einem wilden Traum.“

Zwielicht von Gefahr und Abenteuer

Entgegen dem, was dieser zum Titel gewordene Satz anzukündigen scheint, sind es unauffällige Geschichten, die aus dem Wald der Erinnerung hervortreten. Gespräche, unerwartete Korrespondenzen von Geschichte und Liebe. Utopische Zukunftshoffnung wird von Vergangenheit überschrieben, was der Körper verspricht, löst die Reflexion ein. Man kann darin die reifste Gestalt sehen, die dieses Schreiben annimmt, eine staunenswerte Kunst, mit leichter Hand alles in den Text hinein zu winken, wie assoziativ und lose verbunden auch immer.

Doch das eigene Leben dem Eigensinn des Schreibens auszuliefern, hat seine Tücken. Immer wieder droht, was sich in der offenen Form der Denkbewegung verfängt, zur schönen Sentenz zu erstarren, zu Sätzen wie Sinnsprüchen: „Wir bewohnen unsere Vergangenheit, wie man Träume bewohnt.“ Streckenweise gleicht die Mitschrift der wilden Traumarbeit der buchstäblichen Verschachtelung, in der die Autorin Erinnerungsstücke sammelt: das bei der Geburt ihren Kindern umgelegte Namensarmband, deren erste Söckchen, eine Liste mit den Schmerzarten der Liebe oder eben das in Amerika verfasste Manuskript mit der Geschichte des Soldaten. Die hochempfindliche Wahrnehmung, die hier zum Ereignis wird, hat einen hohen Preis. Schonungslose Selbstpreisgabe verändert das Leben, um das sie kreist. Wie König Midas alles zu Gold wird, was er berührt, auch das, von dem er sich nährt, wird hier alles zum Text: „In der Liebe gibt es keine halbe Anwesenheit. Ich habe mich bei lebendigem Leib in Schrift verwandelt“, schreibt Julia Schoch.

Die Liebe zu dem Katalanen kommt im Augenblick der Trennung in der Freiheitseuphorie einer einsamen Fährfahrt von Manhattan nach Staten Island zu ihrem Höhepunkt. Seltsamerweise gerät man beim Nachdenken über diesen Roman zu ganz ähnlichen Befunden wie die Autorin, die über den Schein dieses Glücks räsoniert: „Es sind trügerische Erinnerungen, ich weiß. Dennoch liebe ich sie.“

Julia Schoch: Wild nach einem wilden Traum. dtv. 176 Seiten, 23 Euro.

Info

Autorin
Julia Schoch wurde 1974 in Bad Saarow geboren, und ist in der DDR-Garnisonsstadt Eggesin in Mecklenburg aufgewachsen. Für ihre Romane und Erzählungen hat sie zahlreiche Preise erhalten, unter anderem 2022 die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung und den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen.

Trilogie
„Wild nach einem wilden Traum“ ist der dritte Band der Trilogie „Biografie einer Frau“. Im ersten Band „Das Vorkommnis“ wird die Erzählerin durch das unvermittelte Auftauchen einer Halbschwester aus der gewohnten Bahn ihres Lebens gerissen. Der zweite Band „Das Liebespaar des Jahrhunderts“ Band handelt davon, was der Liebe unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft widerfährt.

Termin
Am 20. März ist Julia Schoch im Literaturhaus Stuttgart zu Gast.