„Als sei einer Vulva ein winziger Kopf gewachsen“ – so wird die Meeresschnecke Elysia Marginata beschrieben. Foto: IMAGO/Depositphotos/Copyright: xVojcex via imago-ima

In dem Romandebüt des Stuttgarter Autors Jan Snela „Ja, Schnecke, ja“ geht es nicht nur um seltsame Weichtiere, vögelnde Mäuse und deutsch-japanische Liebeswirren, sondern um das große Schöpfungsabenteuer der Sprache.

Was ist das? Ein Roman, ein Spokenwordepos auf vierhundert Seiten oder etwas ganz anderes? Auf jeden Fall ist das Langstreckendebüt des Stuttgarter Autors Jan Snela mit dem eher nach kurzen Distanzen klingenden Titel „Ja, Schnecke, ja“ die überraschendste, mutigste und, wenn man sich erst einmal auf den Ton eingelassen hat, kurzweiligste Literaturbeglückung dieses Jahres.

 
Jan Snela

Und bevor man dieses Vorschussschwärmen nun im Einzelnen belegt, sei noch eine kleine retardierende Eloge der Literaturförderung vorausgeschickt: auf den Stuttgarter Verlag Klett-Cotta, der seiner jungen Entdeckung nach dem vielversprechend eigenwilligen Erzählband „Milchgesicht“ vor neun Jahren die Zeit eingeräumt hat, zur großen Form aufzulaufen; zum zweiten auf das Grenzgängerstipendium der Bosch-Stiftung, das Jan Snela einen Japanaufenthalt ermöglicht hat. Ohne diesen wäre es wohl nicht zu den vielfältigen kulturellen, biologischen, poetischen und erotischen Grenzüberschreitungen gekommen, um nur die wenigsten zu nennen, die hier im Vehikel einer Sprache durchquert werden, die man sich so empfindlich wie den Fühler einer Elysia Marginata vorstellen muss.

Rettung durch Trennung

Mit dieser Meeresschneckenart nämlich hat es die Biologin Amanda zu tun, die deren Fähigkeit erforscht, sich wenn es darauf ankommt von ihrem Körper zu trennen. Ähnlich wie Eidechsen in Gefahr ihren Schwanz abwerfen. Und weil Japan auf dem Gebiet sich selbstentleibender Weichtiere offensichtlich die Nase vorn zu haben scheint, hat die junge Doktorandin ein Stipendium in der Stadt Nara angenommen. Was nur die halbe Wahrheit ist. Denn man kann ihren Aufenthalt durchaus auch in der Art ihres Forschungsgegenstandes interpretieren: Rettung durch Trennung.

In der Stuttgarter Wohnung ist ein etwas schwammiger Teil ihrer Beziehung namens Hannes zurückgeblieben. In seinen Trennungsschmerz scheint der Mond, untermalt von der Paarungsgeschäftigkeit der Mäuse Isidor und Isadora, ebenfalls Zurückgelassene. Auch diese beiden animalischen Wesen umreißen in ihrem Treiben eine Problemkonstellation. Amanda verfolgt mit großem Interesse die hermaphroditische Reproduktionsfähigkeit der Schlundsackschnecken, Hannes dagegen sehnt sich entschieden nach der klassischen Weise familiärer Fortpflanzung.

In der Heimat des Vagen

Während die Flüchtige die Lebensumstände in ihrer Umgebung erkundet, schreibt der Verlassene Kurznachrichten, das Land der Japaner gewissermaßen mit der Seele suchend, beziehungsweise mit einem Stapel landeskundlicher Literatur. Und während Amanda sich in einer Frauenuni vor den beengenden Vorstellungen ihres Freundes in Sicherheit bringt, ertüchtigt sich Hannes trotzig mit toxischen Männlichkeitstutorials auf Youtube. In der räumlichen Ferne, die beide trennt, ist Platz für alle Widersprüche, die gerade unter den Nägeln brennen: Wie kommt man zum Beispiel nach Japan, wenn man sich weigert, in eine zerbröselnde Welt Kinder zu setzen, weil jeder Kondensstreifen am Himmel an „einen Abgrund aus Zukunftsängsten, Menschheitsabscheu, apokalyptischer Reiterei“ erinnert?

Den kernfamilialen Träumen steht ein Land gegenüber, in dem nichts so ist, wie es ist. Japan als Heimat des Vagen und des Übergangs. Der Präsident von Amandas Uni ist Experte auf dem Gebiet der Fuzzy-Logik, die mit dem Ungefähren rechnet. Auf ihren Wegen durch ein Reich der Zeichen begegnen ihr elektrische Hunde, flanierende Hirsche, die es in Nara wirklich gibt, und gehörnte Professoren. Sie sucht einen Kintsugi-Meister auf, der Bruchstücke zu etwas Schönerem als dem Unversehrten fügt. Und irgendwann fallen der Schwangerschaftsverweigerin die Kugelejakulationen des beliebten Glücksspiels Pachinko in den Schoß.

Das Erwachen der Zahnbürsten

Dabei hat man einen weiteren Protagonisten noch gar nicht erwähnt, den Haiku-Dichter Issa, mit dessen Lebensgeschichte sich Hannes in einem Buch namens „Ja, Schnecke, ja“ über die Einsamkeit hinwegtröstet, und dessen Wiedergänger in Gestalt eines Essensboten die Dinge von ihrem „Heißen“ befreit. Und weil sich in einer handlungsorientierten Zusammenfassung vermutlich kein Begriff davon geben lässt, was das heißen soll, wird es höchste Zeit endlich auf die eigentliche Hauptfigur zu sprechen zu kommen, und das ist – die Sprache.

Sie ist der Lebensnerv, in deren lustvollem und gleichwohl bewundernswert zielgerichtetem Wuchern sich alles verbindet. In Reimen und Rhythmen beginnen die Wörter zu tanzen. Es herrscht ein heiterer Animismus, der schon im Badezimmer beginnt, in dem sich „die Zahnbürsten recken, nach sich selbst strecken“, die Kloschüssel gähnt sich wach und „Fliesen fließen im Flow ihres Ruhens“.

Jan Snela bringt die japanische Form des Haibun, in dem sich Prosa und Lyrik mischen, mit Roman und Slampoetry zusammen. Das Ergebnis ist mindestens so fruchtbar wie das, was Isidor und Isadora in ihrem Mäusekäfig veranstalten. Und zugleich in all seiner Verspieltheit der überzeugendste Einspruch gegen die falschen Fixierungen, die die Beziehung zwischen Amanda und Hannes zu einem Fall für Kintsugi gemacht haben.

Die einzelnen Kapitel untergliedern sich in kurze Abschnitte, die jeweils in ein Haiku-artiges Kurzresümee auslaufen, etwa: „Meeresschnecke!/ Mit welchen Kunststücken / wartest du auf.“ Ähnlich müsste man das Staunen über dieses Schneckenbuch abschließen, dessen vor Witz und Aberwitz sprühende Kopfgeburten unwillkürlich in Bann schlagen, während sich hinterrücks ein zart versehrtes Liebesepos aus unseren Tagen reproduziert.

Jan Snela: Ja, Schnecke, ja. Roman. Klett-Cotta. 416 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
Jan Snela, wurde 1980 in München geboren, er studierte Komparatistik, Slawistik und Rhetorik in München und Tübingen. 2010 gewann er den Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin. Es folgten mehrere Stipendien, unter anderem im Künstlerdorf Schöppingen (2013) und im Literarischen Colloquium Berlin. Sein Prosadebüt „Milchgesicht. Ein Bestiarium der Liebe“ (Klett-Cotta Verlag) wurde 2017 mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet. Jan Snela lebt in Stuttgart und Tübingen.

Termin
Die Buchpremiere findet am 27. Februar im Literaturhaus Stuttgart statt.