Heinz Strunk reist in seinem neuen Roman „Ein Sommer in Niendorf“ auf den Spuren Thomas Manns an die Ostsee und paart Kanon und Kaschemme. Was dabei herauskommt, ist ein monströses kleines Meisterwerk.
Verfall ist spätestens seit Thomas Mann auf noble Weise literaturfähig geworden. Schlechte Zähne, Grübeleien und ein allzu offenes Ohr für die Musik sind die Einfallspforten, durch die das Gift der Dekadenz in den bürgerlichen Organismus gelangt, um alle Aufbau-, Bildungs-, Fortschrittserzählungen restlos zu zersetzen. In paradoxer Umkehrung zu ihrer eigentlichen Bedeutung hat es sich diese zivilisierte Form des Verfalls allerdings längst auf dem Sonnendeck der Hochkultur bequem gemacht. Im Licht des Kanons liegen dort die Werke ausgestreckt und stellen ihre Verfeinerungsmale selbstzufrieden zur Schau.
Wenn man wissen möchte, was Heinz Strunk in seinem Ostseeroman mit dem beschaulichen Titel „Ein Sommer in Niendorf“ eigentlich treibt, ist vor diesem Hintergrund die einfachste Erklärung die, dass er dem Verfall etwas von seiner beunruhigend vernichtenden Kraft zurückerstatten will. Nicht etwa, indem er die ursprüngliche Fallhöhe wiederherstellt, sondern indem er in unvorstellbare Tiefen dringt.
Buddenbrooks in der Buddelbude
Zu Beginn trägt der Unternehmerspross Roth noch einen Maßanzug, als Einziger an der Lübecker Bucht, wo ansonsten Myriaden radelnder Rentner behelmt ausschwärmen, um ihren endlosen Lebensabend mit Fischbrötchen oder Ausflügen ins Buddenbrook-Haus der nahen Hansestadt zu füllen. Den bösen Blick hat er von dem Erzähler Heinz Strunk geerbt, das Talent nicht. Geschockt überfliegt er das blutleere Geschreibsel, um dessentwillen er sich hierher zurückgezogen hat. Ein Buch über seine Familie will er schreiben, „eine Geschichte von Glücksfällen, Irrtümern, schicksalhaften Verstrickungen“. Lübeck ist nah und der Ort, an dem schon einmal die Gruppe 47 getagt und Paul Celan denkwürdig gedemütigt hat.
Doch so recht geht es nicht vom Fleck. Dafür rückt Roth der dubiose Verwalter des Appartements, das er für die Zeit seines Schreib-Sabbaticals gemietet hat, auf den Pelz. Ein Mann namens Breda, von dämonischer Allgegenwart, Strandkorbumwender und Betreiber eines Likördepots, den eine ungute Aura von Flachmann, Porno und schlechten Gerüchen umgibt. Roth ahnt: „Besser, man geht dem aus dem Weg, der Typ zieht runter.“ Aber je weniger es mit dem Schreiben klappt, desto präsenter wird Breda und sein Schnapsladen.
Kontakte mit der Außenwelt – eine nicht mehr ganz „freshe“ Affäre, der Besuch bei seiner inzwischen mit Jesus verheirateten Ex-Frau und die Stippvisite der unvorstellbar verkorksten gemeinsamen Tochter – enden im Desaster. Und schon ist Breda beim Du. Immer mehr gerät Roth auf die Umlaufbahn des Planeten Alkohol. Buddelbude statt Buddenbrooks. Und was als literarische Sommerfrische begann, endet in schimmligen Absturzhöllen von Dante’scher Bodenlosigkeit – untermalt von einem diabolischen Medley aus Thomas-Mann-Motiven. Als der Spiritus Rector des Verderbens, Breda, irgendwann den Geist aufgibt, trägt Roth keinen Maßanzug mehr, sondern schlüpft in dessen Rolle und übernimmt die adipöse Freundin gleich mit.
Wie in einer Petrischale züchtet Strunk Bakterienkulturen einer gesellschaftlichen Unterwelt, die alles Restschöne und -lichte unbarmherzig aufzehren. Auch darin liegt die Gefahr, Verfallsnoten ins Kulinarische zu wenden. Doch führten frühere musikalisch-literarische Unternehmungen des Autors hart an der Abbruchkante wohlfeiler Brachialkomik entlang, reißt hier der tiefe Fall der Hauptfigur alles mit sich. Aus der irren, hässlichen Parallelwelt, die hinter bildungstouristischen Premiumkulissen hervorgezerrt wird, führt kein Weg zurück.
Dieser Sommer in Niendorf ist auch eine wilde Satire auf die gefällige Zurichtung kulturellen Treibguts, die manche von Strunks Kollegen in der Florian-Illies-Nachfolge zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Wo sie sich im feinen Kolorieren historischer Horizonte sanieren, pinselt er in lakonischen Strichen die wüste Geschichte von einem, der auszog, ein Buch zu schreiben, und dabei jämmerlich scheitert. Wo Ich war, wird Breda werden. Das ist die radikalste Umkehrung der entwicklungspsychologischen Hoffnung, die einmal an den Bildungsroman geknüpft war. Strunk schreibt Verfallsromane.
Auf dem Nachhauseweg von einer Szene abgrundtiefster Demütigung muss sich Roth übergeben: „Er würgt, bis ihm die Tränen in die Augen steigen. Vollkommen erschöpft kniet er über das Erbrochene gebeugt. Aus der Entfernung könnt man meinen, dass er betet.“ Auf der Ebene des Erzählten, bleibt das Wunder, das Roth retten könnte, aus. Es vollzieht sich an dem Roman selbst. Das Aushalten von Negativität wird belohnt, höher als ihre Beschönigung. So mutwillig sich in Strunks intertextuellem Spiel Kanon und Kaschemme paaren, muss man, was diese besoffene Auster vor unsere Füße spuckt, für eine Perle halten.
Heinz Strunk: Ein Sommer in Niendorf. Roman. Rowohlt. 240 Seiten, 22 Euro.