Muss so etwas gelöscht werden? Darüber hat die Protagonistin von Hanna Bervoets’ Roman Hunderte Male am Tag zu entscheiden. Foto: imago images/photothek/Thomas Trutschel/photothek.de via www.imago-images.de

Wer reinigt das Netz von dem Schmutz und Unrat, den die sogenannten sozialen Medien Tag für Tag hineinspülen? In ihrem Roman „Dieser Beitrag wurde entfernt“ erzählt die niederländische Autorin Hanna Bervoets aus dem Leben einer Content-Moderatorin.

Alles hat seine Parallele im Netz. Und so wenig man näher beschreiben möchte, womit jene konfrontiert sind, die in den dunklen Schächten zu tun haben, in denen die Ausscheidungen der Gesellschaft zirkulieren, so wenig mag man sich vorstellen, was diejenigen mitansehen müssen, die die digitalen Kanäle von dem Unrat an Hass, Wahn und Gewalt zu säubern haben, der hier Tag für Tag hineingekippt wird. Eine von ihnen ist die junge Kayleigh, in deren Leben schon manches schiefging, weshalb sie einen Schuldenberg vor sich herschiebt. Und immerhin zahlt ihr neuer Arbeitgeber besser als das Callcenter, in dem sie sich zuvor von entnervten Kunden beschimpfen ließ.

 

Für ein großes einflussreiches Technologieunternehmen, das nicht genannt werden möchte, „evaluiert“ sie sogenannten „Content“. So businesssprachenparfümiert könnte man wohl auch die Tätigkeit eines Kanalarbeiters beschreiben, denn was die Community-Moderatorin Kayleigh aus dem unterirdischen Reich der Shitstorms fischt, ist zumindest ähnlich unappetitlich: Videos sich verletzender Teenager, Tierquäler-Clips, Kommentare wie „Hitler hätte seine Arbeit zu Ende bringen sollen“ unter einem Bild von einer Gruppe Migranten im Schlauchboot. Das ist der Content, der hier evaluiert wird, um ihn, sollte er gegen bestimmte Kriterien verstoßen, aus dem Verkehr zu ziehen.

Darf man Pädophilen den Tod wünschen?

Und genau da liegt die Schwierigkeit. Nach den Standards der Plattform ist zum Beispiel der Satz „Alle Moslems sind Terroristen“ verboten, da Muslime eine sogenannte geschützte Gruppe bilden. Anders als Terroristen, weshalb nichts gegen eine Aussage wie „Alle Terroristen sind Moslems“ spricht. So viel Absurdität will gelernt sein. „Das Foto eines Revolvers ist mit den Standards vereinbar, solange er nicht zum Kauf angeboten wird. Einem Pädophilen den Tod zu wünschen, ist erlaubt, einem Politiker nicht, ein Video von jemandem, der sich in einem Kindergarten in die Luft sprengt, muss gelöscht werden, aufgrund des Verbots terroristischer Propaganda, nicht etwa, weil es sich um Gewalt oder Kindesmisshandlung handelt.“ Ganz offensichtlich geht es hier nicht um ethische Maximen, sondern um den grotesken Versuch, elementare Fragen der menschlichen Würde einem Satz von Verfahrensregeln zu unterwerfen.

Aus den Inneneinsichten in ein Beschäftigungsfeld, das die schlimmsten Auswüchse digitaler Verrohung den Blicken entziehen will, hätte auch eine interessante Sozialreportage werden können. Dass das Buch der holländischen Autorin Hanna Bervoets „Dieser Beitrag wurde entfernt“ ein guter Roman geworden ist, verdankt sich einer Gestaltungskraft, die über die verdienstvolle Bearbeitung eines relevanten, hochaktuellen Stoffgebiets souverän hinausreicht.

Angleichung an das Schreckliche

Dazu zählt, dass die Protagonistin eben keine demonstrative Spielfigur ist, die durch eine prekäre Arbeitswelt geschoben würde, um Missstände aufzudecken. Die belastenden Bilder und Videos, die sie im Akkord zu sichten hat, scheinen sie weniger zu beschäftigen als die leidenschaftliche Affäre mit einer ihrer Kolleginnen. Und je mehr man in diesem Roman aus ihrem Arbeits- und Liebesalltag erfährt, desto eigentümlicher erscheint der enge Zusammenhang zwischen Lebensformen und deren Repräsentanz in den Beiträgen, die Kayleighs Prüfung obliegen.

Sie selbst ist Teil einer Welt, die ihrem digitalen Spiegelbild immer ähnlicher wird. Die Zielvorgaben, nach denen ihr Beschäftigungsverhältnis organisiert ist, sind so unmenschlich wie das, was von den Dreckschleudern sozialer Medien auf ihren Bildschirm spritzt. Wie umgekehrt ihr Begehren den Imperativen der Pornografie gehorcht, die ihr lange Zeit reale Partnerschaft ersetzt.

Noch bedrohlicher als die verschwörungswahnsinnigen Auswüchse, die obsessiven Selbstverstümmelungen und antisemitischen Tiraden ist die Normalität, die sie bedingt. Die Angleichung an das Schreckliche, die Verwandlung des Vertrauten in das Unheimliche sind Motive des Schauerromans. Zwanglos entwickeln sie sich hier aus der nüchternen Bestandsaufnahme der Lebensrealität einer jungen Frau. An Kayleighs Geliebter und ihren Kollegen geht die alltägliche digitale Horrorshow nicht spurlos vorbei. Irgendwann glauben sie an das, mit dem sie ständig konfrontiert sind, irgendwann lässt sich die Parallelwelt des Netzes von der eigentlichen nicht mehr unterscheiden.

Nun bedürfte es eines objektiven Bezugspunktes. Aber kann man einer Erzählerin trauen, deren letzter Satz lautet: „Was um Himmels willen mache ich hier?“ Alle Gewissheiten gelöscht. In diesem Vakuum entwickelt der Erfahrungsbericht aus den digitalen Sickergruben unserer Welt einen gefährlichen erzählerischen Sog. Halt stiften die angefügten wissenschaftlichen Quellen und Studien, mit denen Hanna Bervoets ihren Roman erdet. Aber vielleicht wird dadurch auch alles noch viel unheimlicher.

Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde entfernt. Roman. Hanser Berlin, 112 Seiten, 20 Euro.