Bonnie Garmus‘ Roman „Eine Frage der Chemie“ ist eine unterhaltsame Lektion in Sachen weiblicher Emanzipation. Die Autorin verlegt die Themen der Me-too-Debatte in die noch viel frauenfeindlichere Zeit vor 60 Jahren und landet damit einen Überraschungsbestseller.
Unterhaltsam zu sein gilt in literarischen Kreisen nicht gerade als Auszeichnung für einen Roman. Über wen dieses Urteil gefällt wird, der darf sich fühlen wie jemand, der nach vier Stunden Anstehen vor dem Berliner Techno-Club „Berghain“ vom Türsteher zu hören bekommt, sein Outfit sei ja „ganz nett“ – und dann umgehend fortgeschickt wird. Wer ins „Berghain“ will, sollte ganz in Schwarz und immer ein bisschen düster daherkommen. Wer in der deutschen literarischen Szene ernstgenommen werden will, auch.
Die Mehrheit der Leserinnen und Leser mag es hingegen unterhaltsam. Das hat – zugegebenermaßen – nicht selten schreckliche Folgen. Auf der Bestsellerliste drängen sich Titel mit der infantilen Lustigkeit von Hüpfburgen. Diese Bücher sind so unterhaltsam wie ein Abend am Ballermann. Man kann sie im Grunde nur im Suff ertragen.
Die Figuren wachsen ans Herz
Und dann sind da diese raren Perlen. Bücher, die mit einer bewundernswerten Leichtigkeit daherkommen. Die man, einmal aufgeschlagen, nicht mehr aus der Hand legen möchte, weil einem die Figuren ans Herz wachsen. Die es schaffen, ein gesellschaftlich relevantes Thema ernst zu nehmen, indem sie es nicht bitterernst nehmen. Die nordfriesische Journalistin Dörte Hansen hatte das vor sieben Jahren, argwöhnisch beäugt von vielen Literaturkritikern, mit ihrem Debüt-Roman „Altes Land“ geschafft. Dieser Sommer hat wieder so ein Buch: „Eine Frage der Chemie“ der amerikanischen Schriftstellerin Bonnie Garmus. Die Autorin hat bislang noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Geboren in Kalifornien, lebte sie laut Verlagsangaben lange in Seattle und siedelte kürzlich nach London über. Sie ist Freiwasserschwimmerin, rudert und besitzt einen Hund mit dem Namen „99“. Ein paar dieser persönlichen Vorlieben hat sie ihrer Romanheldin, der couragierten Elizabeth Zott, mitgegeben.
Zott kommt Anfang der 1950er Jahre als Chemikerin an das Forschungsinstitut Hastings. Sie ist eine hochtalentierte Wissenschaftlerin – aber zu dieser Zeit gelten Frauen als zu wenig intelligent, um in der Wissenschaft etwas zu erreichen. Und Männer hatten damals nicht die geringste Scheu, es ihnen ins Gesicht zu sagen. Besonders jene, die selbst absolute Nieten sind, wie der Leiter der Abteilung Chemie am Hastings, Dr. Donatti. Sollte doch einmal eine Frau Widerworte geben, wird sie ohne jedes Schuldbewusstsein sexuell belästigt, sogar vergewaltigt. So geschah es Elizabeth mit ihrem Doktorvater, so auch der Personalreferentin Miss Frask. Letztere verarbeitet ihr Trauma, indem sie sich den Männern gegenüber unterwürfig gibt und zunächst sogar als gehässige Widersacherin Zotts auftritt.
Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung von den Kollegen
Elizabeth hingegen will sich durchsetzen gegen ihre ebenso unfähigen wie einfallslosen Kollegen, die sie heimlich um Rat fragen, wenn sie in ihrer mittelmäßigen Forschung nicht mehr weiterwissen. Eines Tages gerät sie mit dem Star-Chemiker des Instituts aneinander, Calvin Evans. Der wird für den Nobelpreis gehandelt, tritt aber in Gesellschaft eher ungelenk auf. Dennoch ist er, nach einem peinlichen Vorfall in der Oper, der erste Mann, der Elizabeth als Wissenschaftlerin ernst nimmt. Die beiden werden ein Chemiker-Traumpaar – bis ein Unfall Calvin aus dem Leben reißt.
Elizabeth ist schwanger und noch nicht einmal Witwe, weil sie sich geweigert hatte, Calvin zu heiraten. Ein Unding Ende der 1950er Jahre – und Grund genug, sie am Hastings rauszuschmeißen. Wenige Jahre später ist die ledige Mutter pleite. Die einzige Rettung: In einer Nachmittagsshow als attraktive Fernsehköchin aufzutreten. Elizabeth sagt zu. Aber sie macht aus der Koch-Show zum Entsetzen der Männer eine Chemielehrstunde und ein Statement weiblichen Selbstbewusstseins.
Vergewaltigung, männliche Arroganz, die Tristesse des amerikanischen Hausfrauen-Daseins – das klingt nicht gerade unterhaltsam. Und doch ist dieser Roman witziger, amüsanter, ironischer als jede zusammengestoppelte Geschichte über eine Ex-Kanzlerin als Miss Marpel in der Uckermark. Bonnie Garmus verlegt die Themen der Mee-too-Debatte der Gegenwart in die noch viel frauenfeindlichere Zeit vor 60 Jahren. Unversehens wird der Unsinn dieser Diskriminierung sichtbar und offensichtlich, wie schwach die Argumente von damals waren, die heute noch in der Gender-Debatte in einigen Köpfen fortwirken.
Natürlich: Dieses Buch ist auf Effekt durchkomponiert von den Charakteren bis zum etwas zu kitschigen Plot. Garmus hat dafür einen dreimonatigen Kurs in „Creative Writing“ der renommierten Literaturagentur Curtis Brown besucht.
Aber noch so viele Schreibkurse helfen nichts, wenn die Autorin nicht ihren ganz eigenen Ton findet und einen Stoff, an dem erkennbar nicht nur sie Spaß hat, sondern Millionen von Leser:innen weltweit.
Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie.
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Piper, 462 Seiten, 22 Euro.
Hintergrund
Bestseller
Seit 18 Wochen nun steht „Eine Frage der Chemie“ auf der Bestsellerliste des „Spiegel“ in der Kategorie Hardcover Belletristik auf Platz eins. Ein Geschenk für den gebeutelten Buchhandel. Laut dem Fachblatt „Buchreport“ hat der US-Verlag Doubleday der Penguin Random House-Gruppe Garmus‘ Literaturagentur Curtis Brown zwei Millionen Dollar gezahlt. Die Startauflage bei Piper in Deutschland betrug 70 000 Exemplare.
Creative Writing
Schreibkurse für Romanautoren sind im englischen Sprachraum üblich. Darin vermitteln Experten den Schreibenden das literarische Handwerk: von der Charakterzeichnung über die Entwicklung einer Story bis zum Plot. Hierzulande werden die hiesigen Ausbildungsstätten in Hildesheim und Leipzig von der Literaturkritik kritisch gesehen.