Antje Rávik Strubels „Blaue Frau“ verbindet das Trauma einer jungen Frau mit den Lebenslügen Europas. Die Jury des Deutschen Buchpreises hat das überzeugt.
Stuttgart - Diese Frau will Gerechtigkeit, aber sie kennt keinen Anwalt, sie spricht die Landessprache nicht, sie hat kein Geld. Die ersten Seiten des Romans, für den Antje Rávik Strubel jetzt mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden ist, skizzieren fast klinisch das Porträt einer jungen Frau im Griff ihrer posttraumatischen Belastungsstörung. Alles – die Geräusche, die Gegenstände in der kärglichen finnischen Plattenbauwohnung, ihr eigener Körper, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart – hat seinen Zusammenhalt verloren. Nicht einmal ihr Name scheint ihr noch zu gehören. Adina ruft ihre Mutter sie. Sala nennt sie ihr Geliebter. Nina hieß sie für die Männer, die ihr Gewalt angetan haben. Der Schutzname, den sie sich selbst gibt, ist „Kleiner Mohikaner“.
Adina Schejbal aus dem tschechischen Riesengebirge haben Strubel-Leser in ihrem Episodenroman „Unter Schnee“ (2002) kennen gelernt. Doch was hat sie in diese unwirtliche Behausung in Helsinki gebracht? Wie sie, der „letzte Teenager“ im Skitouristendorf, zunächst in die Arme einer Berliner Fotografin geriet, in ein entstehendes Kulturzentrum in der Uckermark und – nach ihrer Flucht durch den halben Kontinent – hinter den Tresen einer finnischen Hotelbar, verbindet sich mit vielen Rätseln, Unschärfen, falschen Erinnerungen, Schlaglichtern auf den durchlebten Schrecken. Sie füllen die verbleibenden 400 Seiten des Romans „Blaue Frau“, der das schmerzhafte Geschick dieser eigenwillig-verletzlichen Figur verknüpft mit brennenden Fragen unserer Zeit.
Karriere-intellektueller Vergewaltiger
Eine dieser Fragen verkörpert sich in Adinas Geliebtem Leonides, einem EU-Abgeordneten und Politikwissenschaftler aus Estland mit Gastprofessur in Helsinki. Sein Thema ist der untergründig weiterschwelende Ost-West-Konflikt innerhalb Europas, den die Länder des alten Westens so erfolgreich ignorieren. Dass der sich auch im Allerpersönlichsten äußert, nämlich in der vernichtenden Gewalt, die Adina, seine Sala, erlitten hat, erfährt er erst, nachdem sie sich von ihm getrennt hat. Ein uckermärkischer Subventionserschleicher mit dem sprechenden Namen Ravzan hat sie einem einflussreichen Kulturfunktionär aus dem Schwäbischen zugeführt, der seinen Russland-Fetisch beim Vergewaltigen junger Osteuropäerinnen straflos ausagiert. Leonides, der Karriere-Intellektuelle im Cordanzug, fasst dies in die bemerkenswert plakativen Worte: „Haben mich die süßen Lügen der Selbsttäuschung davon abgehalten zu erkennen, wie sehr die Geopolitik des Westens auf einer Versklavung der Körper beruht? Nichtwestlicher Körper?“
Das bestimmende Rätsel des Buchs ist die titelgebende „Blaue Frau“. Taucht sie zunächst als eine Art Geist der Erzählung auf, als Gestalt, die der Erzählerin ihre eigenen Zweifel und Beweggründe zu reflektieren scheint, verschwimmt sie gegen Ende mit der Hauptfigur Adina. In diesen Passagen legt die Erzählerin – gut metafiktional – offen, unter welchen Bedingungen der Roman entstanden ist, darunter die Aufenthalte der Autorin als Writer in Residence in Helsinki. In Finnland, der „Schnittstelle zwischen Ost und West“, sei ihr aufgegangen, dass in den Ostblockländern „die jahrzehntelang im organisierten Vergessen eingefrorenen Erinnerungen an den Krieg erst nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes auf(tauten)“.
Schmerzpunkte der Gegenwart
Selbstredend kann der moderne Roman, der große Allesfresser, auch essayistische Brocken verdauen. Was hier allerdings auftritt an klugen, schönen Finninnen, durchgeknallten Berlinerinnen, zwangsprostituierten Polinnen, weltfremden Intellektuellen und gewissenlosen Finstermännern, streift das Klischee nicht nur. Wie zur Entschädigung werden immer wieder berückende Schilderungen ungefährer Landschaften serviert, innerer wie äußerer.
Der Roman „Blaue Frau“ spiegelt zwei Schmerzpunkte der Gegenwart ineinander, männliche Gewalt gegen Frauen und die fatale erinnerungspolitische Ungleichzeitigkeit innerhalb Europas – der Jury des Deutschen Buchpreises hat das ausgereicht, um die formalen Mängel nicht zu schwer zu gewichten. Die Frage bleibt, ob Antje Rávik Strubel der Geschichte ihrer Hauptfigur nicht zu viel aufgebürdet hat. Adina, das Mädchen, das sich und seine fluide Sexualität als „kleiner Mohikaner“, als letztes, einziges seiner Art gerade erst entdeckt, droht hinter all den politischen und philosophischen Diskussionen, den literarischen Erwägungen zu verschwinden, anstatt sichtbar zu werden.
Antje Rávik Strubel: „Blaue Frau“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 430 Seiten, 24 Euro.