Amir Gudarzi zeigt das Leben hinter dem Verhau von Schlagworten und Themen aktueller Ereignisse und Debatten. Foto: Juergen Pletterbauer I Fotografie

Man könnte Amir Gudarzis Roman „Das Ende ist nah“ als Kommentar zu den Protesten im Iran und dem Schicksal Geflüchteter lesen. Doch er bezeugt nicht nur Zeitgeschichte, sondern auch die ungeheure Kraft, mit der sich Literatur ihr widersetzt.

Schon 2005 wird im Iran gegen das Regime demonstriert. Jeden Tag geht der achtzehnjährige A. auf die Versammlungen in Teheran, in der Hoffnung, dass der Herrschaft der Mullahs ihr baldiges Ende bevorstehen könnte. Doch wie gegen die Protestierenden heute, gehen die Schergen der Regierung auch damals mit ungezähmter Brutalität vor. Ohne ihm zu sagen, was er getan hat, wird er am Rand einer Demo verhaftet, gefoltert und nach zwei Wochen innerlich gebrochen entlassen.

 

In seinem Notizbuch vergleicht er den Iran mit dem Film ,Der Würgeengel‘ von Bunuel: „Eigentlich ist das iranische Regime wie dieser Film. Wir, oder die Generation vor uns, hat dieses Regime angeblich gewählt, und jetzt können wir es nicht mehr loswerden.“ Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, gerade ist zu erleben, wie eine weitere Revolte der Iranerinnen und Iraner von den Sicherheitskräften niedergeknüppelt wird.

Permanenter Transitzustand

Als es 2009 gegen die umstrittene Wiederwahl des fundamentalistischen Präsidenten Ahmadinedschad zu den bis dahin größten Massenprotesten seit der Islamischen Revolution kommt, gerät A., der als Absolvent einer Theaterhochschule sein Geld mittlerweile mit Propagandaserien fürs Fernsehen verdient, wegen eines religionskritischen Drehbuchs ins Visier der Geistlichkeit. Zeit das Land zu verlassen.

Der Iran ist die eine Seite der Leidensgeschichte, die der 1986 in Teheran geborene und seit 2009 im Exil lebende Autor Amir Gudarzi in seinem Romandebüt „Das Ende ist nah“ erzählt. Österreich ist die andere. So beklemmend er die hemmungslosen Gewaltresiduen des alltäglichen Lebens in einem Gottesstaat freilegt, so ungeschützt führt er vor Augen, was es bedeutet als Asylsuchender die behördlichen Schikanen eines Rechtsstaats zu durchlaufen, sich gegen Rivalitäten und Hierarchien in Erstaufnahmelagern zu behaupten, gegen provinziellen Rassismus und ein Leben im permanenten Transitzustand.

Gudarzi überblendet die Sittenbilder zweier antagonistischer Lebenssphären: Hier die menschenverachtende Bigotterie von Sittenwächtern, die sich damit vergnügen, ihre Opfer mit Coca-Cola-Flaschen zu penetrieren. Dort der volkstümliche Jähzorn von dicken Polizisten mit schmutzigen Brillengläsern, die feixend nützliche Tipps geben: „Nutzt eure Chance und lernt ordentlich Deutsch. Bis wir euch abschieben, habt ihr noch Zeit. Ihr werdet hier sicher nicht bleiben dürfen.“ Vom diktatorischen Regen gerät der Ich-Erzähler in die bürokratische Traufe. Dort verfolgt, hier unerwünscht.

Komik und abgrundtiefe Traurigkeit

Bisweilen setzt die Fremdheit eine eigene Komik frei: Als A. bei seiner Ankunft in Österreich ein Möbelhaus mit der großspurigen Aufschrift XXX Lutz sieht, muss er an die Behauptung der Mullahs denken, alle Europäer seien pervers und hätten keine Moral: XXX – so ein riesiges Gebäude für Pornos? Freilich fügt er gleich hinzu, dass in islamischen Ländern „Porno“ zu den häufigsten Suchbegriffen bei Google zählt. Überhaupt ist hier manches zu lernen über die offensive Analfixierung der homophoben Schergen des Regimes.

Das Gegenteil von Komik ist abgrundtiefe Traurigkeit. In der Flüchtlingsunterkunft irgendwo im niederösterreichischen Hinterland wie unter Quarantäne isoliert verfolgt er auf Youtube-Videos die Polizeigewalt im Iran, Demonstranten, die von Autos niedergewalzt werden. „Ich spüre mein Herz nicht mehr, stattdessen einen Stein.“

Schlechte Voraussetzungen für die Liebesbeziehung, die sich aus der Begegnung mit einer in Wien promovierenden Orientalistin entwickelt. Er verdankt ihr viel – was sie erhofft, kann er nicht geben: er will einen Platz zum Schlafen, intellektuellen Austausch, sie Zärtlichkeit. Ihre Sicht auf die Dinge zieht eine weitere Etage in den Bau des Romans ein. Mit jeder neuen Perspektive wächst er empor. In einem langen Brief urteilt sie A.s Liebesunfähigkeit nach psychoanalytischem Schnittmuster ab: eine ödipale Störung in der Beziehung zum Mutterland. Er fühlt sich wie eine Labormaus, ständig untersucht, beobachtet, festgeschrieben. Im obersten Stockwerk des kunstfertigen Erzählgebäudes ist aus der Migrationsgeschichte ein Seelendrama geworden.

Amir Gudarzi hat seine Chance im Sinne jenes fetten Kommissars genutzt und ordentlich Deutsch gelernt, um beschreiben zu können, was einem dort widerfährt, wo man sich Rettung versprach: als Ausländer, Asylant, prekär beschäftigter Pizzabote. Staunend hält er das Leben fest, das A. vorenthalten wird, und verschafft ihm eine Bleibe, in einem Roman, der viel zu gut ist, um nur durch die aktuelle Anbindung an Zeitgeschichte gerechtfertigt zu sein.

Literatur ist hier nicht Mittel, um noch so relevante Erfahrungen zu kommunizieren, sondern ein Lebensraum, der die auffängt, die aus allen Bezügen gefallen sind, und sie zuverlässiger schützt als jedes Asylsystem. Gerne würde man gleiches vom literarischen Leben behaupten. Aber wie wollte man dann erklären, dass dieses außerordentliche Buch keine Berücksichtigung unter den diesjährigen Nominierungen für den Deutschen Buchpreis gefunden hat.

Amir Gudarzi: Das Ende ist nah. Roman. DTV. 416 Seiten, 25 Euro.

Info

Autor
Amir Gudarzi, 1986 in Teheran geboren, ging auf die damals einzige Theaterschule im Iran und studierte danach szenisches Schreiben. Seit 2009 lebt er im Exil in Wien, wo er als vielfach ausgezeichneter (inzwischen) österreichischer Dramatiker und Autor arbeitet. „Das Ende ist nah“ ist sein erster Roman.

Auszeichnungen
2021 war Gudarzi Stipendiat im Literarischen Colloquium in Berlin und erhielt den Förderungspreis für Literatur der Stadt Wien, 2022 wurden ihm der Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker und Dramatikerinnen und der Christian-Dietrich-Grabbe-Preis verliehen, in der Spielzeit 2023/24 ist er Hausautor am Nationaltheater Mannheim.

Termin
Am 25. September stellt Gudarzi seinen Roman im Marbacher Literaturarchiv vor, am 30. Oktober im Literaturhaus Stuttgart.