Die amerikanische Autorin Mimi Schwartz kommt zu einer Lesung in die Ehemalige Synagoge in Rexingen. Thema ist ihr neues Buch über Rexingen: „Good Neighbors, Bad Times“.
Wenn ihr Vater Artur Löwengart im New York der 1950er-Jahre von Rexingen erzählte, was er oft tat, hörte seine halbwüchsige Tochter Mimi meist nur und leicht genervt, wie gut sich dort alle benommen hätten, wie man sich mit der größten Selbstverständlichkeit gegenseitig in jeder Lebenslage geholfen habe, wie das Leben im bäuerlichen Umfeld schön und einfach gewesen sei, jedenfalls in seiner Jugend, lange vor der NS-Zeit. Über Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Dorfbevölkerung erfuhr sie nichts und fragte auch nicht danach.
Jahrzehnte später sah Mimi Schwartz, inzwischen Schriftstellerin und Professorin für kreatives Schreiben, anlässlich eines Besuches in Shavei Zion die gerettete Tora-Rolle aus Rexingen. Plötzlich erwachte in ihr ein lebhaftes Interesse an diesem Dorf, in dem ihr Vater geboren und aufgewachsen war. Hatte es dort tatsächlich in den schlechten Zeiten während der NS-Diktatur gute Nachbarn gegeben? Einen Dorfpolizisten, der die Tora-Rolle aus dem Feuer gezogen, bei sich zu Hause versteckt und dann heimlich einem Auswanderer nach Shavei Zion mitgegeben hatte? Wie erinnerten sich die christlichen Dorfbewohner an die NS-Diktatur und an die Jahre danach und wie dachten sie heute darüber?
In Amerika durchforstete sie den Nachlass ihres Vaters: Briefe, Dokumente, Berichte, Adresslisten und Fotos. Sie beschloss, sich auf die Suche zu machen nach Menschen in den USA, in Deutschland und in Israel, die diese Zeit noch erlebt hatten und bereit waren, darüber zu sprechen.
Recherche in New York
In New York traf sie die mittlerweile alten Damen, zu denen sie als Kind mit ihren Eltern zum „Kaffeeklatsch“ eingeladen worden war, für sie damals eine langweilige Angelegenheit. Sie hielt für sich fest: „Heute treffe ich die Menschen, die mich früher in die Wange kniffen und sagten: ‚Lieber Gott, du bist aber groß geworden’ – als wenn das nicht hätte so sein sollen. Die meisten waren wahrscheinlich jünger als ich jetzt, aber als Kind kamen mir die Leute an diesen ‚Nachmittagen’, wie diese Zusammenkünfte auf Deutsch genannt wurden, alt und gruselig vor, und außerdem sprachen sie auch noch pausenlos Deutsch. So oft es nur ging, versteckte ich mich trotz der elterlichen Ermahnung: ‚Lächle und sei nett! Sie haben ein schweres Leben hinter sich!’“
Ihre Gastgeberinnen freuten sich, dass das „Mimile“ nach so vielen Jahren den Kontakt zu ihnen aufgenommen hatte und hatten ihr sehr viel zu erzählen – übereinstimmende und sich widersprechende Erinnerungen, Überraschendes, Heiteres und Trauriges.
Besuche in Rexingen
In den folgenden Jahren besuchte Mimi Schwartz mehrmals Rexingen und Horb. Auch hier sprach sie mit vielen Menschen, die sie allesamt freundlich aufnahmen und von früher erzählten. Wie es war mit den jüdischen Nachbarn, wie es war, unter der Nazi-Herrschaft zu leben und wie sie heute darauf blicken. Mimi Schwartz besuchte den jüdischen Friedhof, die ehemalige Synagoge und das Ortsarchiv. Für ihre Interviews in Rexingen engagierte sie einen jungen Geschichtsstudenten aus Heidelberg als Übersetzer.
Die Buchpremiere
Das BuchDas Buch „Good Neighbors, Bad Times“ erschien schließlich 2008 in den USA. In den Folgejahren kam Mimi Schwartz in Kontakt mit Max Sayer in Australien, der in Rexingen aufgewachsen war. Er berichtete ihr, wie er dort als Kind und Hitlerjunge die NS- und Nachkriegszeit erlebt hatte. 2021 erschien eine neue, mit seinen ergänzenden Kommentaren versehene Ausgabe. Diese erweiterte Fassung wurde von der Tübinger Übersetzerin Cornelia Stoll ins Deutsche übertragen und ist im Mai bei Hentrich und Hentrich, dem Leipziger Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte, erschienen. 330 Seiten, 26 Abbildungen, 24,90 Euro. ISBN: 978-3-95565-714-7
Veranstaltung
Bei der Buchpremiere in Rexingen ist die Autorin anwesend. Die Veranstaltung findet am Sonntag, 29. Juni, um 17 Uhr in der Ehemaligen Synagoge statt. Nach der Lesung einzelner Passagen aus dem Buch stellt sich Mimi Schwartz den Fragen des Berliner Kulturwissenschaftlers und Historikers Joachim Schlör aus Berlin, der das Nachwort verfasst hat.