Burhan Mutlugöz kennt die Lesevorlieben der Nagolder Jugend bestens. Foto: Beyer

Die Buchhandlung Zaiser hat das Prädikat "Ausgezeichneter Lesepartner für Kinder- und Jugendliteratur in Baden-Württemberg 2021" erhalten.

Nagold - Vergeben wird die Ehrung jährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dem Land Baden-Württemberg. Anlass genug für ein Gespräch mit Burhan Mutlugöz, Buchhändler bei Zaiser.

Herr Mutlugöz, wie erklären Sie sich diese Auszeichnung? Wie setzt sich Zaiser für die Leseförderung ein?

Den Preis haben wir vor allem unseren Kolleginnen zu verdanken, die regelmäßig Kinder und Jugendbücher lesen, um sie weiterempfehlen zu können. Auch haben wir Testleser zwischen 10 und 14 Jahren, denen wir konstant Bücher zur Verfügung stellen, und die uns dann sagen, was sie davon halten.

Doch wie erreichen Sie überhaupt die Kinder und Jugendlichen?

Wir arbeiten eng mit Schulen und Büchereien zusammen. So organisieren wir Autorenlesungen oder stellen Neuerscheinungen vor. Auch beteiligen wir uns am Welttag des Buches. In diesem Jahr haben wir 500 Bücher verschenkt.

Und was würden Sie Eltern empfehlen? Wie kann man Kinder zum Lesen bringen?

Vorlesen ist wichtig. Doch das ist nicht alles. Der Kinderbuchautor Willi Fährmann hat mir mal gesagt, man muss den Kinder viel erzählen, zum Beispiel aus dem Alltag. Mir wurde als Kind nicht viel vorgelesen, aber meine Eltern haben mir zahlreiche Geschichten über die Zeit erzählt, als sie als Einwanderer nach Deutschland gekommen sind.

Und das alleine genügt dann?

Nein, man muss die Kinder auch an die Bücher heranführen. Man muss sich Zeit nehmen, um mit ihnen in eine Buchhandlung oder eine Bücherei zu gehen.

Was sollten denn Eltern unbedingt bei der Lese­erziehung vermeiden?

Ich habe das immer wieder erlebt: Sobald schlechte Noten im Zeugnis stehen, verbieten Eltern ihren Kindern die Videospiele und schicken sie auf ihr Zimmer zum Lesen. Das ist schlecht. Denn dann wird das Lesen als Strafe wahrgenommen.

Damit das Lesen keine Strafe ist, muss ja auch die Lektüre gefallen. Was liegt denn derzeit bei der Jugend im Trend?

Das hängt vom Alter ab. Bei den Zehn- bis Zwölfjährigen hält der Fantasy-Boom an. Buchreihen wie "Schule der magischen Tiere" oder "Woodwalker" werden viel gelesen.

Werden die Klassiker wie Pippi Langstrumpf eigentlich gar nicht mehr gelesen?

Doch. Gekauft werden sie aber meist als Geschenkbücher oder zum Vorlesen.

Welche Rolle spielen denn Comics?

Der Hype um die Mangas ist groß. Die stellen mittlerweile Asterix oder Lucky Luke in den Schatten.

Eignen sich Mangas denn zur Leseerziehung?

Auf jeden Fall. Ich habe schon oft beobachtet, dass Kinder mit Manga-Klassikern wie Naruto oder Dragonballs anfangen und dann später zu Harry Potter oder Herr der Ringe übergehen.

Hmmm. Fantasy und Mangas... Da scheint sich ja seit meiner Kindheit nicht viel getan zu haben. Gibt es auch ganz neue Trends?

Ja, die ganzen Influencerbücher.

Oje. Bücher, die von Influencern geschrieben wurden? Sollte man seine Kinder so etwas lesen lassen?

Ich bin definitiv dafür, dass man die Kinder das lesen lässt, was sie lesen wollen. Manche kommen zu uns in den Laden allein wegen dieser Bücher. Für diese Kinder ist das manchmal das erste Mal, dass sie überhaupt ein Buch in die Hand nehmen.

Und dann bestimmt auch das letzte Mal!

Ach, das ist so eine Generationensache. In meiner Jugend galt TKKG noch als Schund. Kinder haben eben andere Interessen als die Erwachsenen.

Jetzt haben wir noch gar nicht über die Jugendlichen, die jungen Erwachsenen gesprochen.

Ja, da wird es dann richtig auffällig, dass die jungen Damen mehr lesen als die jungen Herren. Bei den Jungs verläuft sich das dann langsam, die interessieren sich meist mehr für Computerspiele. Daher dominieren in dieser Altersgruppe romantische Liebesgeschichten.

Spielen die Jungs in dem Alterssegment also keine Rolle mehr?

Das nicht. Dadurch, dass die Jungs weniger lesen, entscheiden sie sich meist bewusst für bestimmte Klassiker, wie die Bücher von George Orwell.

Werden denn auch Sachbücher gelesen?

Ja, vor allem psychologische oder wirtschaftliche Ratgeber. Aber es gibt auch welche, die greifen zur Philosophie.

Oh, Philosophie! Haben sie da Beispiele?

Oftmals ist das Nietzsche oder Machiavelli, aber auch fernöstliche Sachen wie "Die Kunst des Krieges" von Sunzi oder der Hagakure, der Ehrenkodex der Samurai. Manche sehen da wohl auch Möglichkeiten, das im Bereich der Wirtschaft anzuwenden.

Das lässt ja Schlimmes befürchten!

Kann schon sein, dass da manche eine kleine Sinnkrise haben (lacht). Aber in dem Alter probiert man eben vieles aus.

Herr Mutlugöz, vielen Dank für das interessante Gespräch.

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