Seit Jahrzehnten ist die evangelische Buchhandlung Rudert hinter der Stadtkirche ein Anlaufpunkt für Kunden aus der Region. Nun schließt das Geschäft im März.
„Leicht fällt es uns nicht“, sagt Ulrich Müller über den Schritt, das Geschäft nach fast 100-jähriger Geschichte aufzugeben. „Aber wir sehen leider die Notwendigkeit“, fügt der 54-Jährige hinzu. Getroffen wurde die Entscheidung nicht über Nacht.
Seit mittlerweile rund 30 Jahren ist Ulrich Müller, zuletzt mit der Unterstützung seiner Frau Claudia, in der christlichen Buchhandlung in der Schickhardtstraße, direkt hinter der evangelischen Stadtkirche tätig. Bis ins Alter von 80 Jahren arbeitete Inhaberin Margarete Müller-Rudert in ihrer Buchhandlung noch täglich mit. Der Ausstieg erfolgte, nachdem die Gesundheit dies notwendig machte. Die 83-Jährige kennt die Firmengeschichte noch bis zu den Anfängen.
Ganz klein angefangen
Am 15. Februar 1929 wurde das Geschäft von Helene Rudert, Mutter von Margarete Müller-Rudert, gegründet. Eine Bekannte der Gründerin betrieb einen Samenladen, in dem neben Pflanzensamen auch Traktate über den christlichen Glauben unter die Menschen gebracht wurden. Diesen übernahm Helene Rudert. Bedingung der Inhaberin des Samenladens war, dass auch künftig der „gute Samen“ des Wortes Gottes verbreitet wird. Somit war die Richtung vorgegeben. Dieses Anliegen gilt bis heute.
Der erste Standort des damals noch kleinen Buchladens befand sich in der Alfredstraße 2, beim Musikhaus Rudert. Auf einer Verkaufsfläche von 18 Quadratmetern wurden Spruchkarten mit Bibelversen sowie christliche Hefte und Bücher zum Verkauf angeboten. Diese Artikel findet man bis heute im Sortiment, das sich über die Jahre deutlich erweitert hat. Die erste Mitarbeiterin wurde 1939 eingestellt.
Bücher gegen Altpapier
Eine besondere Situation ergab sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Papier und Bücher waren knapp. Neue Bücher wurden zum Teil im Tausch gegen Altpapier geliefert. Und dabei musste man sparsam sein. „Jeder Schnipsel wurde gesammelt“, erinnert sich Müller-Rudert. Sogar der weiße Rand der Zeitungen wurde abgetrennt und als Notizzettel verwendet. 1955 stieg Christa Beck-Rudert, Schwester von Müller-Rudert, in das elterliche Geschäft mit ein. Ein Jahr nach dem Umbau und der Erweiterung 1970 übernahm Müller-Rudert mit ihrem Mann Paul-Gerhard Müller die Buchhandlung.
1981 erfolgte der Umzug in die heutigen Räume in der Schickhardtstraße 9/11. Die Verkaufs- und Lagerfläche wuchs auf 250 Quadratmeter. Markenzeichen am neuen Standort ist das Feuerwehrauto, das vor allem ein Anziehungspunkt für die Kinder ist. Während die Eltern stöbern, können sich die Kleinen im Feuerwehrauto beschäftigen.
Auch die insgesamt fünf Kinder des Ehepaars Müller kennen dieses von klein auf. „Wir sind praktisch hier aufgewachsen“, so die älteste Tochter Madeleine über das Familienunternehmen, in welchem auch schon die beiden anderen Kinder von Margarete Müller-Rudert, Esther und Mirjam, mitgearbeitet haben.
Ein Wendepunkt
Einen traurigen Wendepunkt in der Geschichte der Buchhandlung markierte der unerwartete Tod des Ehemannes der Firmeninhaberin im Jahr 1996. Ulrich Müller, der zu diesem Zeitpunkt bereits gelernter Bankkaufmann war, stand vor der Entscheidung, ob er die Firmengeschichte fortführen will.
Zu diesem Zeitpunkt sei er noch ledig und bei Hewlett Packard (HP) in der Kundenbetreuung beschäftigt gewesen. Die Unternehmensleitung habe sich bei der Kündigung allerdings sehr kooperativ gezeigt. Dass aus dieser ungeplanten Übergangslösung nun mittlerweile nahezu 30 Jahre geworden sind, hätte Ulrich Müller selbst nicht gedacht.
Dankbar blicke man auf die zahlreichen Mitarbeiter zurück, die es im Laufe der Jahrzehnte gegeben habe. Während Anfang der 2000er-Jahre noch bis zu sieben (Teilzeit-)Mitarbeiter gleichzeitig in der Firma tätig waren, führen die Müllers die Buchhandlung heute alleine. Zwar seien die Umsätze dank der treuen Kunden weiterhin erfreulich gut, doch die immer höher werdenden Fixkosten durch teure Verträge und die zunehmende Bürokratie machten ein wirtschaftliches Arbeiten oder das Anstellen von Mitarbeitern kaum noch möglich, bedauert Müller. Nach 97 Jahren endet der Geschäftsbetrieb. Ab 2. März findet der Räumungsverkauf statt.
Neuer Lebensabschnitt
Für Ulrich Müller und seine Familie steht ein neuer Lebensabschnitt an – eine berufliche Neuorientierung im sozialen Bereich. Er werde künftig als Hausleitung im Heimbereich tätig sein. Dafür wird auch ein Umzug notwendig sein. Ein Teil der Kinder wird an den neuen Tätigkeitsort mitgehen.
„Trotz aller Wehmut überwiegt eine große Dankbarkeit, dass wir über so viele Jahrzehnte mit unserer Buchhandlung am Reich Gottes mitbauen durften und Segensspuren legen konnten. In Erinnerung wird die gegenseitige Wertschätzung bleiben, sowie die vielen Gespräche und Begegnungen“, ist sich die Familien sicher.
Auch Erwin Teufel war schon da
Ein Blick zurück
Neben dem Ladengeschäft, zu dessen Sortiment neben christlicher Literatur und Bibelausgaben auch hochwertige Einbände, Tonträger, Liederbücher, eine große Auswahl an Grußkarten sowie Kinderbücher gehören, gab es im Laufe der Jahre auch besondere Veranstaltungen und Aktionen. Dazu gehörte das 80-jährige Betriebsjubiläum, das mit einer großen Jubiläumsveranstaltung im Kurhaus mit dem früheren Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Erwin Teufel (CDU), gefeiert wurde. Zu diesem Anlass wurde ein Bildband über Freudenstadt mit seinen Stadtteilen herausgegeben. Über die Jahre hinweg gab es verschiedene Lesungen mit Autoren aus dem christlichen Bereich. Neben verschiedenen Kinderkonzerten veranstaltete die Buchhandlung Rudert im Jahr 1988 in Zusammenarbeit mit dem CVJM ein Konzert der damals beliebten christlichen Band „Damaris Joy“ in der Turn- und Festhalle Freudenstadt. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem CVJM erschien das Advents- und Weihnachtsliederbuch „Mitten im Dunkel“. Der Erlös fließt an einen Förderverein, der Projekte in Osteuropa unterstützt.