Bis heute kommt die Suche nach den Opfern des Spanischen Bürgerkriegs nur zäh voran. Foto: dpa/Eloy Alonso

Ein aktueller Essay beschreibt das anhaltende Schweigen über die Schrecken des Bürgerkrieges 1936 bis 1939 – und die fatalen Folgen.

Leiden die Deutschen an zu viel Erinnerungskultur? Inzwischen klagen ja nicht nur die Rechten, sondern auch manche Linken darüber, die deutsche Gesellschaft habe sich heillos verstrickt in ihrem Bemühen, die Schrecken des NS-Terrors, des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust im kollektiven Gedächtnis fest zu verankern. Ja, sie sei geradezu neurotisch fixiert auf ein „Nie wieder“ und deshalb moralisch voreingenommen und blind, wenn es beispielsweise um ihre Haltung in den Nahost-Konflikten gehe.

 

Erinnert sich Deutschland zu sehr an seine Vergangenheit? Wer hierzulande mit zu vielen Gedenkfeiern oder Stolpersteinen hadert, dem sei die Lektüre eines schmalen, aber überaus inspirierenden Bandes von Thomas Stölting empfohlen. Der Berliner Geisteswissenschaftler und Publizist schreibt in seinem Lang-Essay „Franco muss vergessen werden“ über ein Land, in dem es seit rund 50 Jahren zur offiziellen politischen Beschlusslage gehört, die Vergangenheit unter allen Umständen ruhen zu lassen: Spanien.

Behörden untersagen Suche

Eine wirkliche Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkrieges von 1936 und 1939 zwischen Faschisten und Republikanern und der nachfolgenden Terrorherrschaft des Diktators Francisco Franco bis zu dessen Tod 1975 sind im Land des Geschehens quasi unmöglich, weil Parlamentsbeschlüsse dies bis heute weitgehend behindern. Selbst über die Zahl der Opfer auf beiden Seiten kann bis heute nur spekuliert werden – Schätzungen von Historikern gehen inzwischen weit in die Hunderttausende –, weil die Suche selbst von den Enkeln und Urenkeln nach den versteckten Gräbern ihrer einst verschleppten Vorfahren von Behörden behindert oder untersagt werden.

Viele Details, die Stölting beschreibt, muten für den deutschen Leser bizarr an, kennen wir doch Spanien inzwischen als moderne, offene und zumindest in den großen Städten überaus bunte Gesellschaft. Dieser Modernisierungsprozess kam so recht in Fahrt, als 1982, nur sieben Jahre nach Francos Tod, die spanischen Sozialisten unter Felipe González erstmals die Regierung bilden konnten. Doch just diese enorm schnelle Öffnung der Gesellschaft war aus Sicht der Traditionalisten nur möglich, weil man sich politisch auf ein Schweigegelübde geeinigt und dies sogar gesetzlich verankert hatte: Keine Aufarbeitung der Geschichte, niemand wird zur Verantwortung gezogen, der heroische Ruf der Vergangenheit bleibt unangetastet – dies soll der unbedingt zu leistende Preis für den katapulthaften Sprung in die Moderne gewesen sein, so die offizielle Erzählung.

Stölting erkennt an, dass der gesellschaftliche Schub gelungen ist. Aber er bestreitet, dass man die Kosten dafür vernachlässigen kann. Der politische Druck, den durch General Franco ausgelösten Terror unbedingt vergessen zu sollen, führe dazu, dass er eben doch gegenwärtig bleibe – als offene Wunde in der spanischen Kultur, als offene Wunden in zahllosen Familiengeschichten. „Wie kann eine demokratische Gesellschaft mit diesem Erbe umgehen? Und was bedeutet es, wenn die Demokratie das Schweigen selbst zum Grundkonsens erhebt?“, fragt der Autor.

Diese Fragen beantwortet Stölting nicht mit einem klassischen Geschichtswerk, sondern in der Form eines Essays, wobei er zwischen extremen Nah- wie Fernsichten gekonnt wechselt. Die verstörenden Ereignisse auf der kleinen Kanarischen Insel La Palma, die im Sommer 1936 eine Woche länger als ihre Nachbarn vom Zugriff der faschistischen Militärs verschont blieb, gewährt Einblick in die tiefen Gräben, die damals in die Gesellschaft gerissen wurden und in schrecklichen Gewaltexzessen mündeten.

Erbe bleibt allgegenwärtig

Daneben stehen Kapitel, welche die gesellschaftlichen Kräfte und Interessen hinter dem Bürgerkrieg beschreiben, die Interessen alter Eliten, der Grundbesitzer und des Landadels, vor allem auch der katholischen Kirche – ihnen gegenüber die Republikaner als wilder Mix aus Kleinbauern, mittelständischen Unternehmern, überzeugten Demokraten, aber auch Anarchisten und Stalin-fixierten Kommunisten. All diese Kräfte zu gewichten, zu bewerten, ihre jeweilige Rolle und Verantwortung zu benennen – auch diese historische Debatte und Einordnung hat in Spanien großen Nachholbedarf. Und dieses Verschweigen, das zeigt Stölting eindrucksvoll, belegt eben gerade nicht, dass „Franco vergessen“ wird. Sondern sein schreckliches Erbe bleibt allgegenwärtig, subkutan ohnehin, aber auch offen im Streit des Landes zwischen Linken und neuen Rechten, zwischen Zentralisten und Separatisten.

Um eine Gewaltherrschaft im produktiven Sinn „vergessen“ zu können, so Stöltings dialektische Volte, muss man sie sich vergegenwärtigen. Das Verschweigen verarbeitet nichts, hält den Schmerz am Leben; das Erzählen dagegen bereitet Schmerzen, aber ermöglicht Heilung – all das gilt für die private Therapie, aber auch für die große gesellschaftliche Debatte.

Und so kommt der Autor nach rund hundert Seiten zu einer Würdigung desjenigen Politikers, der in Deutschland maßgeblich den Erinnerungsprozess in Gang gebracht hat: der frühere Bundespräsident und Christdemokrat Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985, den er im Deutschen Bundestag überzeugend zum „Tag der Befreiung“ erklärte. Selten wird die Notwendigkeit einer Erinnerungskultur als Grundlage moderner Demokratie so überzeugend hergeleitet wie in diesem Buch.

Thomas Stölting: Franco muss vergessen werden. Der Spanische Bürgerkrieg und das Erinnern. Mandelbaum-Verlag, Wien. 112 Seiten, 18 Euro.