Er wusste zu begeistern: Tänzer, Zuschauer, Politiker. Als privater Mensch litt er oft unter Ängsten. Seine Choreografien fesseln bis heute. Zum 50. Todestag des legendären John Cranko präsentiert das Stuttgarter Ballett ein Buch, das mehr erklärt als je zuvor.
Manche Dinge kann man getrost erwarten. Zum Beispiel dies: kein Jubiläums- oder Gedenkjahr ohne Jubiläums- oder Gedenkschrift. Was allerdings an diesem Wochenende das Stuttgarter Ballett zum 50. Todestag seines Begründers John Cranko präsentiert, geht weit über das Erwartbare hinaus: Der im Berliner Henschel-Verlag erscheinende Band „John Cranko – Tanzvisionär“ ist alles andere als eine Festschrift-Pflichtübung, sondern Rückblick, Bilanz und Ausblick zugleich, und noch dazu beim Durchblättern der reinste Augenschmaus. Kurzum: Er ist eine Wucht.
Eine Wucht übrigens schon im rein physikalischen Sinn: Fast zwei Kilo zeigt die Küchenwaage, wenn man das fest gebundene Buch darauf prüft; bestes Papier, schönster Satz, großzügiges Layout. Aber erst der Inhalt! Im Kern bieten die 288 großformatigen Seiten Erinnerungen von Weggefährten John Crankos, geboren 1927 in Südafrika, 1961 berufen zum Ballettdirektor am Stuttgarter Staatstheater, 1973 mit 45 Jahren auf dem Rückflug von einem Gastspiel in den USA verstorben.
Vom Tanzstädtle Stuttgart zur Ballettmetropole von Weltruf
Nun könnte man glauben, die Weggefährten Crankos wie Marcia Haydée, Birgit Keil, Egon Madsen oder Ray Barra hätten auch sonst schon des Öfteren das Publikum an ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Doch in diesem Band findet sich viel mehr als jenes „John war ein ganz besonderer Mensch“ oder „John hatte ein unglaubliches Gespür für Tänzer“, was man vielleicht von anderen Gelegenheiten her noch im Ohr hat. Es finden sich sorgfältig aufbereitete, lange Gesprächsaufzeichnungen, die über Jahre hinweg erarbeitet wurden von den Tanzfachfrauen Julia Lutzeyer, Angela Reinhardt und Petra Olschowski; Letztere ist bekanntlich in der Zwischenzeit zur Ministerin des Landes avanciert.
In der Summe ergeben die 18 Aufzeichnungen (Erinnerungstext Nr. 19 hat Hamburgs Ballettchef John Neumeier selbst verfasst) darum ein starkes Bild vom berühmten und manchmal auch ein wenig mythenumkränzten „Erfolgssystem Cranko“, das aus dem Tanzstädtle Stuttgart in den 1960er Jahren innerhalb weniger Jahre eine Ballettmetropole von Weltruf machte. Sodass die Mitautorin Angela Reinhardt das Vielerlei dieses Systems in einem Essay präzise zusammenfassen kann: Es besteht zum Beispiel aus einem unerschöpflichen Aufbau- und Gestaltungswillen. Aus dem Wunsch, die Kompanie immer als Ganzes und in jedem Einzelnen zu denken, vor allem aber in der Fähigkeit, sie tatsächlich auch so zu sehen. Aus der Lust, mit klarem Konzept in ein neues künstlerisches Projekt, in eine neue Choreografie zu gehen, sich dann aber auch von jeder guten Idee eines Tänzers bei den Proben vorbehaltlos begeistern zu lassen.
Mitbewohner beschreiben die Privatperson
Es ist die Überzeugung, dass mindestens so wichtig wie die technischen Fähigkeiten eines jungen Tänzers die Bildung und Förderung seiner Persönlichkeit sind. Es ist die Gewissheit, dass eine Kompanie weniger lernt von eingekauften Stars, die ihnen hier und da mal vor die Nase gesetzt werden, sondern viel mehr aus der Arbeit und Erfahrung miteinander. Und es ist die Größe des Chefs, dass bei allem Streben nach künstlerischer Verwirklichung nur eine Pluralität vieler Stile den Horizont offen hält. Ach, es gibt teuer zu bezahlende Unternehmensberater, die in Krisenzeiten darbenden Firmen all diese Leitsätze in schrecklichster Ratgeber-Sprache als Erfolgsrezept für eine lichte Zukunft verkaufen. Cranko hat’s einfach gemacht.
Bewegend wird der Band über den „Tanzvisionär“ aber dann, wenn neben dem Künstler und Chef auch der private, deshalb auch der homosexuelle John Cranko erkennbar wird. Dieter Graefe war der Privatsekretär des Choreografen, sein engster Mitarbeiter; Reid Anderson einer seiner Tänzer. Graefe und Anderson lebten einige Zeit als Paar zusammen mit Cranko in einem der Kavaliershäuschen auf der Solitude. Niemand anders als sie hat den Künstler vermutlich privater erlebt; sie beschreiben (ihr überaus erfrischender Text ist erst im Juni vergangenen Jahres entstanden) einen Menschen, der in seinen guten Phasen vor Ideen, Offenheit, Kreativität, Charme und Charisma nur so strotzte, in schlechten aber geplagt und getrieben wurde von Selbstzweifeln, Versagensängsten, Einsamkeit, Depression.
Schreckliches Kindheitserlebnis
Und noch bewegender ist das Kapitel von und über Dirk Ottenbacher, dem offenbar einzigen Mann, mit dem Cranko Ende der 1960er Jahre eine längere, also feste Beziehung hatte. Angela Reinhardt konnte Ottenbacher 2014 im Ausland ausfindig machen und befragen; von ihm lesen und erfahren wir etwa, warum Cranko als erfolgreicher Künstler nie wieder in seine (damals rassistische) südafrikanische Heimat zurückkehrte: Als Kind musste er in den Ferien in Rhodesien zusehen, wie ein schwarzer Arbeiter von einem weißen Farmer ausgepeitscht wurde und wohl sogar zu Tode kam. „Das hat ihn sein ganzes Leben lang belastet.“
Nein, eine unabhängige, eine neutrale, eine gar kulturwissenschaftliche Einordnung oder Bewertung der Tanzära John Crankos ist all das nicht. Dafür mangelt es allen Beteiligten an Distanz. Aber es ist auf seine Art neben aller Cranko-Würdigung auch eine Erklärung für den bis heute anhaltenden künstlerischen Erfolg des Stuttgarter Balletts und dessen feste Verankerung in der Gunst; nein: der Liebe des Publikums. Es geht in der Kompanie bis heute um die Konzentration auf die Tänzerpersönlichkeiten, um die Pluralität der Stile und bei aller Pflege des Erbes die Offenheit für das Junge, das Neue. Rückblick, Bilanz, Ausblick: Treffer.
John Cranko – Tanzvisionär. Henschel-Verlag, Berlin. 288 Seiten, 49 Euro. Buchpräsentation am Sonntag, 22. 10., um 13.30 Uhr im Stuttgarter Opernhaus . Der Eintritt ist frei; es gibt Rest-Platzkarten.