Dem Opfer wurde mit Faustschlägen die Nase gebrochen. Foto: vchalup –­stock.adobe.com

War es ein Streit um WLAN-Kosten? Oder ging es eher um die Ehre? Fakt ist: In einer Wohnung in Dunningen kassierte ein 37-Jähriger üble Faustschläge und musste deswegen ins Krankenhaus. Die drei Beteiligten trafen sich jetzt vor Gericht.

Dunningen/Rottweil - Es gibt gewöhnliche Gerichtsverhandlungen, und es gibt ungewöhnliche. Wenn zwei Anwälte in schwarzer Robe und das Opfer mitten im Gerichtssaal eine Schlägerei nachspielen, dürfte das zur ungewöhnlichen Sorte gehören. Die Angeklagten, heute 29 und 32 Jahre alt, beobachteten das Schauspiel regungslos.

Gemeinsame Misshandlung

Vorwurf der Staatsanwaltschaft: gefährliche Körperverletzung. Sie sollen das heute 37-jährige Opfer, mit dem sie gemeinsam in einer Wohnung lebten, gemeinschaftlich körperlich misshandelt haben. Der eine soll das Opfer festgehalten, der andere mit den Fäusten mehrfach wuchtig zugeschlagen haben.

Der 37-Jährige erlitt einen Nasenbeinbruch und Prellungen und kam nach dem Notruf mit dem Rettungswagen in die Klinik.

Herauszufinden, was sich in der Wohnung tatsächlich abgespielt hat, erwies sich als schwierig. Dazu trugen zum einen sprachliche Schwierigkeiten und die Notwendigkeit von zwei Dolmetschern bei, zum anderen stand Aussage gegen Aussage.

Der andere hat angefangen

Die Angeklagten beteuerten in ihren Einlassungen, die von den Anwälten verlesen wurden, der 37-Jährige habe mit dem Streit angefangen. Er sei plötzlich in sein Zimmer gekommen und habe seine Mutter beleidigt, meinte der 32-Jährige. Am Tag davor hätte es außerdem Streit um die WLAN-Kosten gegeben, an denen sich der 37-Jährige nicht beteiligen wollte. "Er hat mich an die Schläfe geschlagen, dann habe ich zurückgeschlagen." Der zweite Angeklagte erklärte, er sei nur dazwischengegangen, als er das Geschrei hörte. Es sei zu einem Gerangel gekommen Nasenbeinbruch? Blut? Davon wollten beide nichts bemerkt haben.

Termine verschwitzt

Dass die Männer jetzt vor der Amtsgericht standen, ist übrigens ihrer Schusseligkeit zu verdanken. Die Verhandlung hatte nämlich 2020 schon einmal stattgefunden, das Verfahren war dann in Absprache eingestellt worden mit der Auflage, dass ein Täter-Opfer-Ausgleich stattfinden soll. Doch zu diesem Termin sind die beiden nicht erschienen. Der eine ging ganz normal zur Arbeit, der andere, der ohne Job ist, war zuhause. Deshalb ging es nun nochmals ans Eingemachte. Mit schlechtem Ausgang für die beiden.

Das Opfer berichtete mit Dolmetscherhilfe ausführlich, wenn auch etwas durcheinander, wie es ihm erging. Er sei an dem Tag in der Stadt gewesen, dabei habe er bei der Agentur für Arbeit einen Bekannten getroffen – ein Nachbar der Truppe, mit dem es wohl immer wieder Stress gab. Im Gespräch ging es um die Frage, wer gegenüber wem gelästert hat, ob der Nachbar ein schlechter Mensch sei oder die anderen und warum er eigentlich nicht bei ihnen übernachten dürfte. Und dann gab es noch eine ominöse Sprachnachricht, die besagter Nachbar an die Angeklagten geschickt hatte.

Im Flur überrascht

Was darin gesprochen wurde, so die Vermutung, dürfte den Angeklagten nicht gepasst haben, denn als er an dem Abend nach Hause kam, so berichtet das Opfer, sei er plötzlich von dem 32-Jährigen im Flur gestellt worden. Es gab Streit, der andere sei von hinten dazu gekommen und habe ihn festgehalten. Und dann seien auch schon Fäuste gegen seinen Kopf gekracht.

Anwälte stellen Szene nach

Wo die Treffer landeten? Aus welcher Richtung sie kamen? Wie das überhaupt möglich ist? Die Anwälte bohrten so lange nach, bis das leicht verzweifelte Opfer schließlich vorschlug, man könne es auch "nachspielen". Die Erkenntnis: Wenn man sich duckt, können Schläge auch von oben treffen.

Ein Polizeibeamter, der damals aus dem Schramberger Revier mit Kollegen angerückt war, berichtete, dass der blutende Geschädigte vor Ort sehr emotional gewesen sei. Die beiden Angeklagten eher ruhig. Verletzungen hätte man bei den Angeklagten nicht erkennen können.

Beide Anwälte plädierten auf Freispruch. Es könne nicht nachgewiesen werden, was genau geschehen ist. Das Opfer übertreibe womöglich auch, um an Schadensersatz zu kommen. Für die Staatsanwältin war klar, dass die Aussage des Opfer schlüssig ist. Schläge habe nur er kassiert. Auch Blutspuren in der Wohnung weisen darauf hin.

Haftstrafe auf Bewährung

Das Urteil der Richterin deckte sich schließlich weitgehend mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft: sechs Monate Haft, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung für beide. Der 32-Jährige muss zudem 900 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung zahlen, der 29-Jährige 90 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Beide nahmen das Urteil mit gesenktem Kopf entgegen.

Sie und das Opfer haben übrigens nach der Tat noch lange zusammen in der Wohnung gelebt – ohne ein Wort zu wechseln.