Nach den Bauern streikten dieser Tage auch die Spediteure. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Mauterhöhung, Fachkräftemangel, Konkurrenz aus Osteuropa – der Druck auf die Transportbranche ist groß, treibt so manchen Spediteur zur Verzweiflung. Karl Mann und Ellen Freudenmann-Habel fragen sich, wie es mit ihren beiden Betrieben weitergehen soll.

„Während Corona waren wir systemrelevant, heute hackt man auf uns rum“, sagt Karl Mann, der sich derzeit maßlos über die Ampelregierung ärgert – so wie zahlreiche seiner Berufskollegen, die Ende vergangener Woche in Berlin demonstriert haben.

 

1979 hat Mann mit einem eigenen Betrieb angefangen, Fuß zu fassen. Heute sind der Firmenchef und weitere 15 Mitarbeiter auf den Straßen Europas unterwegs, um Güter für die Automobil- und Möbelindustrie sowie für Medizintechnikunternehmen von A nach B zu bringen.

Ellen Freudenmann-Habel, Geschäftsführerin der Freudenmann-Henssler Transporte GmbH & Co. KG, Altensteig, ist noch nicht so lange im Geschäft wie ihr Althengstetter Kollege.

Karl Mann (von links), Ellen Freudenmann-Habel und Hans-Martin Kern berichten von zahlreichen Problemen, mit denen Speditionen derzeit zu kämpfen haben. Foto: Selent-Witowski

Seit 2005 komplettiert sie das Familienunternehmen, das derzeit knapp mehr als 40 Mitarbeiter beschäftigt, und erledigt alle kaufmännischen Tätigkeiten des Transportunternehmens. Die 39-Jährige blickt aber ebenso sorgenvoll in die Zukunft wie Mann: „Unser Unternehmen besteht seit 100 Jahren. Ob wir noch das 125-jährige Bestehen werden feiern können, weiß ich nicht.“

Seit Corona „läuft nichts mehr normal, das Geschäft hat nicht mehr richtig angezogen“, sagen die beiden Firmenchefs. Man habe heftige Umsatzverluste hinnehmen müssen, „unsere Ressourcen sind ganz schön aufgebraucht“, so Mann. Eine ganze Reihe von Problemen bereiten den beiden Unternehmern nun schlaflose Nächte, wie sie berichten.

Mauterhöhung Am 1. Dezember 2023 hat für Transportunternehmen quasi eine neue Zeitrechnung begonnen. Seitdem gilt in Deutschland für Lastwagen eine CO₂-Maut, 200 Euro werden pro Tonne CO₂ fällig. „Seitdem müssen wir 83 Prozent mehr Maut bezahlen“, rechnet Mann vor.

Die deutsche Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft würden mit mehr als 7,6 Milliarden Euro jährlich zusätzlich belastet. „Das ist eine versteckte Steuererhöhung, die jetzt die Spediteure eintreiben müssen“, entrüstet sich der Althengstetter.

Den kompletten Betrag an die Kunden weiterzugeben, sei unmöglich, die Kosten blieben beim Unternehmen hängen. Kunden würden nicht selten zur günstigeren Konkurrenz aus dem Ausland wechseln.

Mangelhafte Infrastruktur Außerdem würden die zusätzlichen Einnahmen am Ende gar nicht in die Straßeninfrastruktur fließen, obwohl es den Fahrern allerorten an Parkplätzen und Toilettenanlagen fehle: „Nach 17 Uhr bekommt man hierzulande keinen Lkw-Stellplatz mehr“, ärgert sich Mann.

„Die Zusatzeinnahmen sollen in den Schienenverkehr fließen, nicht in die Straßeninfrastruktur, obwohl das dringend notwendig wäre, wenn man sich die vielen maroden Autobahnbrücken hierzulande anschaut“, beklagt die Altensteiger Unternehmerin. Deutschland sei abgehängt, was Infrastruktur angehe.

Konkurrenz aus Osteuropa „EU-weit gibt es ganz schön viele Ungerechtigkeiten“, sagt Mann und kommt zusammen mit seiner Berufskollegin auf die Liberalisierung der Transportmärkte zu sprechen.

Immer mehr ausländische Spediteure sind auf deutschen Straßen unterwegs, vor allem Unternehmen aus Polen, Bulgarien und Tschechien. Möglich macht das die Kabotagefreiheit, erklären Freudenmann-Habel und Mann.

Osteuropäische Speditionen kontrollieren

Unter Kabotage verstehen Logistiker das Recht, Transporte von A nach B übernehmen zu dürfen, wenn beide Orte und/oder das beauftragende Unternehmen nicht zum Heimatland gehören. Kabotage liegt zum Beispiel dann vor, wenn eine polnische Spedition neue Volkswagen von Wolfsburg nach Berlin bringt.

Das Bundesamt für Logistik und Mobilität, kurz BALM, solle vermehrt auch osteuropäische Speditionen bei Kontrollen unter die Lupe nehmen, so Mann. Das Amt überwacht den Güterkraft- und Personenverkehr auf Einhaltung der einschlägigen Rechtsvorschriften.

„Man legt uns nur noch Steine in den Weg“, sagt Mann.

Preissteigerungen Die Kosten für Werkstatt, Dieseltreibstoff, Versicherung und Fahrzeugbeschaffung seien extrem in die Höhe geklettert, berichtet Mann. Eine von ihm bestellte Sattelzugmaschine sei mit 95 000 Euro veranschlagt gewesen, „jetzt kostet sie mich 145 000 Euro“, berichtet der Althengstetter Spediteur.

Fachkräftemangel und Vorschriften Außerdem gebe es in Deutschland zu viele Vorgaben und Regelungen, wenn es um die Beschäftigung ausländischer Berufskraftfahrer gehe.

In Deutschland fehlen nach Branchenangaben derzeit etwa 100 000 Lkw-Fahrer. Viele Speditionen würden gerne Fahrer aus Drittstaaten wie der Ukraine einstellen. Doch anders als in anderen EU-Ländern stehen Vorschriften im Weg. Speditionen in Nachbarländern hätten es da einfacher. „Wenn ein polnischer Spediteur einen Fahrer aus Weißrussland beschäftigen will, sind die Formalitäten mit den Behörden manchmal in nur wenigen Tagen geklärt“, bemängelt Mann. Hierzulande könne das ganz schön dauern.

Keine Neueinstellungen

Zum einen würden Fahrer aus Polen, Litauen, Rumänien oder Usbekistan für weit weniger Stundenlohn arbeiten, „oft für nur zwei Euro die Stunde“, so Mann und Freudenmann-Habel. Da könnten deutsche Speditionen nicht mithalten.

Zum anderen hätten manche Berufskraftfahrer utopische Lohnvorstellungen, würden sich auf gut Glück anderweitig bewerben, um zu sehen, wo am meisten herauszuholen sei. Man stelle derzeit kein neues Personal ein, wenn jemand kündige oder altershalber aus der Firma ausscheide, berichtet die Unternehmerin aus Altensteig. Aus 50 Mitarbeitern seien so 43 geworden.

Antriebswende in der Logistik Gar nicht gut zu sprechen sind die beiden Spediteure auf die Ampelregierung, wenn es um die versprochene Förderung für elektrische Lastwagen geht, die gekürzt werden soll wegen der grundlegenden Überarbeitung des Klima- und Transformationsfonds und des Bundeshaushalts. Es sei mehr als zweifelhaft, ob es mit der Antriebswende in seiner Branche etwas werde, sagt Mann. Er habe sich überlegt, einen E-Lastwagen anzuschaffen und den dazugehörigen Ladepunkt auf seinem Firmengelände einzurichten. Die Stromzuleitung reiche dort jedoch nicht aus, um eine solche Station zu betreiben.

Rund 100 000 Euro Kosten

„Außer einer stärkeren Leitung bräuchte ich eine Trafostation. Der Ladepunkt selbst verursacht mit rund 5000 Euro noch die geringsten Kosten“, sagt Mann. „Alles in allem würde mich die Ladestation ohne Förderung rund 100 000 Euro kosten, obwohl die Stromtrasse direkt am Betriebsgebäude verläuft.“

Das Vorhaben komplett selbst zu finanzieren, würde stark steigende Frachtpreise bedeuten, wobei sich Mann ohnehin fragt, wo all der Strom für Elektrofahrzeuge herkommen soll. An Transformation in seiner Branche sei momentan jedenfalls nicht zu denken: „Die Firmen, vor allem alteingesessene, haben derzeit viel zu sehr zu kämpfen“.

Unsichere Zeiten Die beiden Speditionsunternehmer fragen sich in letzter Zeit immer öfter, ob ihr Geschäft noch Sinn macht und wie lange. „Woher sollen wir unter diesen Umständen noch die Motivation nehmen?“, fragt Mann, der ebenso wie Fuhrmann-Habel nach eigenen Angaben in eine sehr ungewisse Zukunft schaut. Kein gutes Zeichen sei jedenfalls, so die Unternehmerin, dass zwei von vier Speditionen im Industriegebiet Turmfeld in Altensteig inzwischen aufgekauft worden seien.