Die betrügerischen E-Mails sind offenkundig auch in anderen Städten im Umlauf. (Symbolfoto) Foto: frank peters – stock.adobe.com

E-Mail mit Rechnung für Anzeige geht an Gewerbetreibende. Täuschend echte Aufmachung.

Mit einer ziemlich ausgekochten Masche versuchen Betrüger derzeit, Calwer Gewerbetreibende aufs Kreuz zu legen. Sie verlangen Geld für eine Anzeige in einer Bürgerinfobroschüre der Stadt Calw. Doch die wird es nie geben.

Calw - Ein "freundlicher Anruf" geht dieser Tage bei Eckart Bauer, Seniorchef der gleichnamigen Spedition in Calw, ein. Die "RWE Marketing DOO" möchte die Zusammenarbeit in Sachen Anzeigen mit der Spedition gerne fortsetzen. In der bald erscheinenden Infobroschüre der Stadt könnte Bauer wieder eine Anzeige schalten. Natürlich gegen Gebühr.

Im Kleingedruckten eine Adresse in Serbien

Bauer wird skeptisch. "Ich bin ein gebranntes Kind", sagt er. Früher sei er einmal auf eine Betrugsmasche hereingefallen – "da bekommt man ein Gespür dafür". Er fordert den Anrufer auf, ihm eine E-Mail zu schicken. Die trifft auch wenig später ein: "Vielen Dank für das Gespräch vom heutigen Tage. Wunschgemäss senden wir Ihnen unser Formular im Anhang zu, mit der Bitte um Bearbeitung und Rücksendung. [...] Für weitere Fragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung. Ihr Team von RWE Marketing." Im Anhang: Ein Anzeigenauftrag samt Abbildung der gekauften Anzeige, Kostenaufstellung (gesamt rund 1100 Euro), Auftragsbedingungen und Platz für eine Unterschrift. Im Kleingedruckten: eine Adresse in Serbien.

Für Bauer ist der Fall klar: Hier sind Betrüger am Werk. Keine Adresse in Deutschland, keine Telefonnummer – und abgesehen davon habe er auch vormals keine Kooperation mit der dubiosen Agentur gehabt. Der Seniorchef behält die Mail, denkt aber gar nicht daran, sie zu beantworten oder gar irgendetwas zu unterschreiben. Vielmehr leitet er die Mail von der "RWE Marketing DOO" an die Stadtverwaltung sowie die Gewerbevereinsspitze weiter. "Da wir vermuten, dass die Masche nicht nur bei uns versucht wird, wäre es ratsam, dass die Stadt versucht, polizeilich gegen diese Machenschaft vorzugehen und andere Unternehmen zu warnen", schreibt er dazu.

Die Gewerbevereinsvorsitzenden, Jürgen Ott und Nicolai Stotz, setzen sogleich ein Schreiben an die Mitglieder auf. Darin weisen sie auf den Fall Bauers hin: "Eine Rücksprache mit der Stadtverwaltung hat ergeben, dass eine solche Broschüre von der Stadt nie beauftragt wurde." Die Vorsitzenden warnen: "Offensichtlich sind hier aktuell Personen aktiv, die in scheinbar betrügerischer Absicht Gewerbetreibende in Calw kontaktieren und unter Vorgabe falscher Sachverhalte versuchen, Vertragsabschlüsse über Werbemaßnahmen zu bekommen. Bitte seien Sie bei solchen Kontaktaufnahmen vorsichtig. Treffen Sie keine Zusagen und lassen Sie sich nicht bedrängen."

Andere Städte berichten Ähnliches

Zugleich heißt es in dem Schreiben, dass ein weiterer Gewerbetreibender aus Calw eine ähnliche E-Mail erhalten hatte. Diese sähen verblüffend echt aus, staunt Ott. Sogar das echte Logo der Spedition Bauer haben die mutmaßlichen Betrüger in diesem Fall herauskopiert, um die Täuschung perfekt zu machen. Nicht einmal gravierende Rechtschreibfehler, die sonst in unseriösen Nachrichten häufig vorkommen und den Empfänger sogleich stutzig machen, gibt es. Bauer findet vor allem trügerisch, dass die Täter sich durch die angebliche Zusammenarbeit mit der Stadt einen offiziellen Anstrich geben. Indem sie behaupten, es gebe bereits ein bestehendes Vertragsverhältnis erschleichen sie sich Vertrauen.

Rechtliche Schritte hat die Stadt Calw jedoch bisher nicht eingeleitet, meint Carina Reck, Persönliche Referentin des Oberbürgermeisters, auf Anfrage unserer Zeitung. "Von städtischer Seite wurden diese E-Mails nicht der Polizei gemeldet, da wir lediglich einen Hinweis eines Betroffenen erhalten haben", begründet sie. Und weiter: "Ob jemand bereits Opfer dieser Betrugsmasche geworden ist, wissen wir nicht."

Polizei hat immer wieder mit Betrugsmails zu tun

Calw scheint jedoch nicht die erste Anlaufstelle für die Betrüger zu sein. Unter anderem die Gemeinden Neckartenzlingen und Ingersheim sowie die Städte Wernau und Holzgerlingen warnen auf ihren jeweiligen Internetseiten vor der betrügerischen Masche. Alle verweisen auf dieselbe Firma: die "RWE Marketing DOO" mit Sitz in Neu Belgrad, Serbien, die Anzeigen für eine neue Bürgerbroschüre verkaufen will.

Dem Polizeipräsidium Pforzheim sagt dieser konkrete Fall bisher nichts, meint Pressesprecher Dirk Wagner. Allgemein aber habe man immer wieder mit solchen Betrugsmails zu tun – in den verschiedensten Variationen. Üblicherweise seien solche Nachrichten nicht an einen bestimmten Personenkreis gerichtet, sondern an die breite Masse. So ist aus Sicht der Verfasser wohl auch die Wahrscheinlichkeit höher, dass Leute auf den Trick hereinfallen, mutmaßt Wagner. Doch hin und wieder gebe es auch – wie jetzt in Calw – den Fall, dass Betrugsmails passgenau auf ein bestimmtes Klientel zugeschnitten werden. Wagner erinnert sich da an einen Fall in Pforzheim vor mehreren Jahren, bei dem die Bürger eine gefälschte Abwasserrechnung mit dem Briefkopf der Stadt erhalten haben. "Es gibt nichts, was es nicht gibt", so sein Fazit.

Er rät Empfängern von Mails von Unternehmen, diese grundsätzlich kritisch zu hinterfragen. Per E-Mail eine Leistung gegen Zahlung anzubieten, sei eine Sache, die kaum ein seriöses Unternehmen täte. Ebensowenig wie eine Bank jemals Pins oder andere sensible Daten per Mail abfragen würde, bekräftigt Wagner. "Das riecht dann schon stark nach Betrugsversuch." Der Sprecher des Polizeipräsidiums Pforzheim rät in so einem Fall dazu, die Nachricht zu löschen oder gegebenenfalls der Polizei zu melden.

Die Bürgerbroschüre, die die "RWE Marketing DOO" als ihren Auftrag nennt, existiert nicht. Die Stadtverwaltung hat jedoch dem "Mediaprint Infoverlag" den Auftrag erteilt, den "Ratgeber für den Trauerfall" zu aktualisieren. "Diesem Verlag liegt ein Legitimationsschreiben der Stadtverwaltung vor, um die Werbe-Anfragen im Handeln der Stadtverwaltung zu rechtfertigen", schreibt Reck. In diesem Falle handele es sich also nicht um einen Betrugsversuch.

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