Deutsche Gefangene werden nach England gebracht (1944) Foto:  

Der Historiker Hans Harter schaute sich in Schiltach archivierte Briefe aus Krieg und Gefangenschaft näher an.

Wo immer sich alte Schriftstücke finden, sprechen sie aus fernen Zeiten und von Ereignissen, die für die Schreiber wichtig waren. So auch in Schiltach familiär bewahrte Briefe und Karten eines jungen Mannes namens Siegfried: Die mit der Aufschrift „Feldpost“ stammen aus dem Krieg, andere mit dem Stempel „Prisoner of War“ aus seiner Gefangenschaft in England.

 

Geboren wurde er 1926 in Merseburg. Als seine Mutter sich anderweitig verheiratete, wuchs er bei seinen Großeltern in Halle (Saale) auf, die ihn liebevoll „unser Junge“ nannten. Dort erhielt er in der „Latina, Gymnasium der Franckeschen Stiftungen“ die beste Schulbildung. Doch mussten 1943 alle Oberstufenschüler die Schule verlassen, drei Jahre vor dem Abitur, und wurden zum „Reichsarbeitsdienst“ eingezogen, für sechs Monate, wie es hieß.

So fand sich auch Siegfried als „Arbeitsmann“ in Ostpreußen wieder, „in einer grässlichen Öde“. Vergütung: „Eine Reichsmark pro Tag.“ Im März 1944 schrieb er aus Schippenbeil, 70 Kilometer von Königsberg, wo er an einem Flugplatz eingesetzt war: „Früh um 6 Uhr ist Wecken, und dann geht es ununterbrochen bis 21 Uhr zum Zapfenstreich. Die Arbeit ist ziemlich schwer.“

„Wir sind auf der Stube 18 Mann und haben keine Spinde, sondern winzige Regale.“ So kam es, dass ihm geschickte Zigaretten anderntags „hoffnungslos weg waren“. Sein Wunsch: „Schickt mir bitte Zigarettenpapier!“ „Gestern hatten wir einen viehischen Ausmarsch mit Tornister, Stahlhelm, Gewehr, Gasmaske“, doch hoffte er auf die Entlassung im April: „Bis dahin werden sie uns nicht mehr kleinkriegen.“

Er hatte sich getäuscht: Nach den sechs Monaten kam sofort die Einberufung zur Wehrmacht, was Kriegsdienst bedeutete. Brieflich schilderte er Weihnachten 1944 in einem Bunker: „Wir sangen Lieder, der Kompaniechef hielt eine Rede, zum Essen gab es Gänsebraten: Gut, dass ich’s vorher wusste, ich hätte sonst gedacht, es wäre alter Hammel.“

Viele Geschenke zu Weihnachten

Es gab viele Geschenke, wohl, um sie bei Laune zu halten, was auch glückte: „50 Zigaretten, Tabak, Likör, Wein, Kekse, Schuhe. Das war doch sehr anständig, nicht?“ Tatsächlich „war das Trinkbare noch am Abend verschwunden, auch die Zigaretten überlebten Weihnachten nicht.“ Die andere Realität waren Läuse, „von denen ich eine schöne Zahl zu haben scheine. Es ist ja auch kein Wunder, schon seit 4 Monaten schlafen wir jede Nacht in den Klamotten.“

Stationiert war er in Holland, wo im Januar 1945 britische Verbände angriffen. Bei dieser „Operation Blackcock“ gerieten 2000 deutsche Soldaten in Gefangenschaft, auch Siegfried: Am 9. Februar füllte er im „P. O. W. Camp 57“ (bei Guilford) eine Postkarte aus: „Ich bin noch am Leben.“ Später berichtete er: „An einem Tag, an dem es nicht toller werden konnte, sind wir in Gefangenschaft gekommen.“ Dort arbeiteten sie auf dem Bau, „was angenehmer ist, als Kartoffeln Aufsammeln.“ Im Lager hatten sie Kino, „das erste Mal seit einem Jahr“.

Erstes Lebenszeichen aus der Gefangenschaft. Foto: Privat

Im Februar 1946 jährte sich die Gefangennahme, und er fragte, „was aus uns hier werden wird und wann sich die Tore zur Freiheit öffnen“. Ebenso, ob man „sich vorstellen kann, was es für einen jungen Menschen bedeutet, seiner Freiheit beraubt, hinter Stacheldraht zu leben“. Doch helfe es nichts, „man muss sich mit Erinnerungen und Hoffnungen begnügen“.

Siegfried landet in Schiltach und heiratet

Diese erfüllten sich erst 1948, als England die deutschen Gefangenen entließ. Siegfried ging noch nicht zurück: Er verpflichtete sich als „freier Arbeiter“, 1949 luden ihn englische Familien zum Essen ein. Andere heirateten Engländerinnen: Aus Feinden wurden Freunde und Partner. Später kam Siegfried nach Schiltach, wo seine Mutter lebte. Hier fand er auch seine Frau Elfriede und kam mit seinen Sprachkenntnissen beruflich weiter. Er starb 2011.