Vielen Kindern und Jugendlichen fehlt in diesen Lockdown-Wochen der sportliche Ausgleich in ihrem Alltagsleben. Foto: Smokovski /Fotolia.com

Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren auf jeder Ebene unserer Gesellschaft. Folgen können gravierend sein.

Im Zuge der Corona-Pandemie steht der Breitensport weitgehend still. Kinder und Jugendliche leiden besonders darunter. Die Folgen könnten gravierend sein.

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Die Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren auf jeder Ebene unserer Gesellschaft. Das Virus verschont niemanden, niemand kann oder sollte sich entziehen. Auch der Breitensport bleibt nicht verschont. Der Mittelfeldspieler der örtlichen Kreisliga-Mannschaft kann dieser Tage genauso wenig ins Training gehen wie der leidenschaftliche Schwimmer oder die ambitionierte Leichtathletin. Einige Sportarten lassen sich in Lockdown-Zeiten besser substituieren als andere – Abstriche müssen aber alle machen. Kinder und Jugendliche leiden besonders darunter, wenn der sportliche Ausgleich im alltäglichen Leben plötzlich wegfällt.

Kinder und Sport – eine Medaille mit drei Seiten

Die negativen Auswirkungen von Bewegungs- und Sportmangel auf den Nachwuchs lassen sich auf drei Ebenen herunterbrechen. Erstens befinden sich Kinder und Jugendliche noch in der körperlichen Entwicklungsphase, weshalb sich Bewegungsmangel besonders schwer auswirken kann. Zweitens können die Ausübung von sportlichen Aktivitäten und die Teilnahme an Wettkämpfen eine wichtige Rolle bei der psychischen Entwicklung von Heranwachsenden haben. Und drittens ist der Sportbetrieb meistens mit der Integrierung in einer Mannschaft oder dem Aufbauen von Freundschaften verbunden – ein enorm wichtiger Umstand für die Entwicklung von Sozialkompetenzen.

Dr. Andrea Betzner ist sich dem Ernst der Lage bewusst. Sie ist Fachärztin für Orthopädie und Expertin für Sportmedizin. In ihrer Praxis in Villingen-Schwenningen hat sie tagtäglich mit Menschen aus allen möglichen Altersklassen zu tun, die unter gesundheitlichen Folgen von Bewegungsmangel leiden. "Vor Corona lag der Anteil an Kindern und Jugendlichen, die sich gar nicht sportlich betätigen oder sonst bewegen bei fünf Prozent. In jüngsten Umfragen nach Einbruch der Pandemie ist diese Zahl auf 25 Prozent gestiegen. Das ist eine katastrophale Entwicklung."

Regelmäßige Bewegung ungemein wichtig

Für Kinder und Jugendliche jeder Altersgruppe ist regelmäßige Bewegung ungemein wichtig, sagt Betzner: "Als Faustregel gilt: Kinder im Kindergartenalter sollten sich drei Stunden am Tag bewegen, bei Kindern ab fünf Jahren sollte es mindestens eine Stunde sein." Besonders betroffen sind Kinder zwischen acht und zwölf Jahren: "In diesen Jahren wird ein sehr wichtiger Grundstein für die koordinative Entwicklung gelegt", weiß die Sportmedizinerin.

Betzner kann aus eigener Erfahrung sagen, dass junge Sportler, die im Leistungsbereich agieren, vergleichsweise gut aufgestellt sind, viele andere aber nicht solche Möglichkeiten haben: "Meine Tochter ist im Tennis-Landeskader und bekommt von ihren Trainern regelmäßig ausführliche Trainingspläne. Aber vielen anderen geht es da wesentlich schlechter. In der Schule kommt der Sport ohnehin zu kurz, im Homeschooling erst recht", findet die Orthopädin, die selbst sieben Jahre lang Tennis-Profi war.

Dafür, dass der Sport im Homeschooling eben nicht zu kurz kommt, ist unter anderem Tobias Hummler verantwortlich. Er ist Sportlehrer am Gymnasium am Romäusring in Villingen-Schwenningen. Wie viele seiner Kollegen war Hummler früh klar, dass er sich für seine Schüler etwas einfallen lassen muss: "Ich habe meinen Schülern von Anfang an gesagt: ›Die Situation ist jetzt so wie sie ist. Wir geben trotzdem Gas und machen das Beste daraus.‹ Wenn ich joggen gehe, treffe ich immer wieder Schüler von mir. Also die Grundmotivation, etwas zu tun, ist schon da. Aber je länger der Lockdown anhält, umso schwieriger ist es natürlich, diese Motivation hochzuhalten." Hummler hat für seine Schüler verschiedene Trainingspläne für Läufe und sonstige Aktivitäten konzipiert – angepasst an das individuelle Leistungsniveau. Krafttraining oder Tanzen im Freien waren an der Tagesordnung, als noch Präsenzunterricht stattfand. "Man muss erfinderisch sein, dann ist sehr viel drin. Meine Tochter geht mit mir joggen, mit meinem Sohn gehe ich spazieren und nehme einen Fußball mit. Es gibt viele Möglichkeiten, auch in diesen Zeiten Kinder zum Sport zu bringen", meint Hummler.

Vereine und Trainer stehen in der Pflicht

Auch Sven Kieninger, Geschäftsführer des TV Villingen, ist überzeugt davon, dass Kinder während des Lockdowns unbedingt zum Sport animiert werden müssen. "Wir haben schon im ersten Lockdown die Initiative ›Halte dich fit mit dem TV Villingen‹ gestartet. Das war aber noch sehr auf Erwachsene zugeschnitten, und die Kinder sind so ein bisschen hinten runtergefallen. Da haben wir als Verein und unsere Trainer uns in der Verantwortung gesehen, auch den Kindern zu helfen", erzählt Kieninger von der Entstehung des Youtube-Videos "TV Villingen präsentiert aktive Spielideen für zu Hause". Ebenso wie Tobias Hummler appelliert Kieninger an Vereine, Trainer und Eltern, erfinderisch zu sein: "Man muss die Gegebenheiten akzeptieren und sich anpassen. Kinder müssen an die frische Luft, sie müssen sich bewegen. Natürlich haben nicht alle Eltern die gleichen Möglichkeiten in ihrem Umfeld, aber schon mit sehr geringen Mitteln lässt sich für die Kinder viel machen." Die Hemmschwelle für Sport zu Hause sei hoch, so Kieninger, dennoch müsse man Mittel und Wege finden, "dass es so wenige Verlierer wie möglich gibt".

Psyche könnte langfristig Schaden davontragen

Während sich die körperlichen Einschränkungen durch die Zwangspause des Breitensports eher in einem kurzfristigen Rahmen befinden, könnten psychisch viele Kinder und Jugendliche langfristige Folgen erwarten. Davon ist zumindest Dr. Katrin Wenning, eine Psychotherapeutin aus Villingen-Schwenningen, überzeugt: "Erlebnisse, die die Psyche belasten, kann man nicht so einfach wieder auskurieren."

Wenning berichtet von einer durchgeführten Studie: "Der Anteil der psychisch belasteten Kinder und Jugendliche (elf bis 17 Jahre, Anm. d. Red.) ist seit Beginn der Pandemie von 18 auf 31 Prozent gestiegen." Dabei spielt auch das Fehlen von sportlichen Aktivitäten eine große Rolle, ist sich Wenning sicher. Zum einen fehlen die sozialen Kontakte mit der Mannschaft, mit Freunden, mit Trainern. Zum anderen werden durch sportliche Erfolgserlebnisse – so klein diese auch sein mögen – Glückshormone ausgeschüttet und das Selbstvertrauen gestärkt.

Außerdem sorgt Sport in vielen Fällen – zum Beispiel durch feste Trainingszeiten – für einen geregelten Tagesablauf, ein wichtiger Schutzeffekt für die kognitive Entwicklung von Kindern. "Für die Ausbildung von Sozialkompetenzen und das Stärken des eigenen Selbstbewusstseins ist Sport enorm wichtig", meint Wenning.

Umso wichtiger sollte es also sein, Kinder und Jugendlichen zum Sport zu animieren – auch wenn das in diesen seltsamen Zeiten auf den ersten Blick schwierig erscheinen mag.

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