Die Brauerei Schimpf in Remmingsheim lässt mit einem Eisgalgen eine historische Kühlmethode wieder aufleben.
Das sechs Meter hohe, abgesperrte Gerüst hinter der Produktionshalle der Brauerei Schimpf in Remmingsheim ist mit großen Eiszapfen behangen. Seit dem 30. Dezember wachsen sie täglich. Die Kältephase mit Temperaturen deutlich unter minus zehn Grad hat das von oben gesprühte Wasser zu massiven Zapfen anwachsen lassen. Bei Tauwetter tropfen sie tagsüber leicht, es wurde bereits geerntet.
Eis kommt nach der Ernte in den Braukeller
Nach einer ähnlichen Aktion vor fünf Jahren zum 150. Geburtstag der Brauerei ließ Schimpf die Tradition in diesem kalten Winter wieder aufleben. Vor der Erfindung von Kühlanlagen Ende des 19. Jahrhunderts wurde beim Brauen immer mit Eis gekühlt. „Das ist eine komplett ökologische Methode“, erklärt Braumeister und Geschäftsführer Martin Schimpf.
Im Anhänger und mit der Schubkarre wird das Eis nach der Ernte in den Braukeller gebracht. „Je größer der Brocken, desto länger hält er“, sagt Schimpf. Mit der Aktion will er vor allem zeigen, wie aufwendig vieles früher war. Passanten und vor allem Kinder sind von dem Gerüst fasziniert. Die Eiszapfen dienen nicht nur der Show: In einem Keller wird das Brauwasser mit dem Eis von draußen vorgekühlt. Das Wasser fließt nach dem Schmelzen über einen Kanal in den untersten Keller und von dort den alten Brunnen ab.
Am Galgen wurde bei Temperaturen von unter drei Grad minus nach und nach Wasser von oben aufgetragen, das an den Zapfen hängen bleibt. Diesen Vorgang hat Schimpf etwas modernisiert: Zwei Düsen oben am Gerüst besprenkeln es mit feinem Sprühregen. Was von einem Zapfen tropft, bleibt am nächsten haften. „Das Wasser im Schlauch muss immer fließen“, sagt Schimpf. Sonst müssen sie leer sein, damit sie nicht gefrieren.
Zusätzliches Eis sei von Eisweihern und vom Neckar
Die Idee, einen Eisgalgen aufzubauen, hat sich Schimpf bei einem Kollegen in Ulm-Söflingen abgeschaut. „Das ist aber fast der einzige in Deutschland, der einen größeren aufbaut“, sagt Schimpf. Eigentlich wollte er das Gerüst in den vergangenen Jahren aufstellen, doch es war immer zu warm. „Vor fünfzehn Jahren habe ich schon mal einen selbst gebaut, aber der ist dann unter der Last zusammen gebrochen“, erzählt Schimpf schmunzelnd. Das fünf Jahre alte Gerüst lies sich auch nicht mehr verwenden, da das Holz morsch war. Zwei Zimmermänner haben deshalb mit Tannen aus dem Neustetter Wald für die Aktion dieses Jahr ein neues Gerüst gebaut
Ob das Eis in Remmingsheim früher tatsächlich mit einem Galgen produziert wurde, sei nicht sicher überliefert. Bis etwa 1900 sei es aber wahrscheinlich, dass seine Vorfahren ihr Eis zumindest teilweise so gewannen, sagt Schimpf. Zusätzliches Eis sei von Eisweihern und vom Neckar geholt worden. „In einigen Rottenburger Eiskellern wurden massive Eisblöcke fürs ganze Jahr gelagert“, sagt Schimpf. In einem milden Winter mussten die Brauer wohl einmal sogar bis nach Salzburg fahren, um sich das gefrorene Wasser zu besorgen.
„Früher wurden natürliche Ressourcen besser genutzt“. Allerdings sei die Kühlung mit Eis großer Aufwand und viel Handarbeit gewesen. „Wegen der vielen Arbeitszeit ist ein Eisgalgen heute nicht mehr wirtschaftlich“, sagt Schimpf. Außerdem seien die Wintertemperaturen viel zu unsicher.
Die heutige Situation
Seine heutigen Kühlanlagen
arbeiten zwar mit Strom, aber energieeffizient. Sie werden mit dem Ökostrom der Stadtwerke Rottenburg und einer Solaranlage auf dem Dach betrieben.
„Die Rohstoffe für unser Bier
kommen ebenfalls aus der Nähe“, betont Schimpf. Er verwende Hopfen aus Tettnang am Bodensee. Die Gerste komme überwiegend von zwei Landwirten aus Neustetten.
Doch bei aller Nostalgie
modernisiert sich der Betrieb, passt sich dem Zeitgeist und Trends an.
Wir merken den Dry January
am Umsatz“, sagt Schimpf. Bei diesem Trend verzichten Menschen den Monat Januar über komplett auf Alkohol.
In den vergangenen Jahren
hat sich in der Produktion und am Markt viel verändert. So setzt Schimpf schon länger auf alkoholfreie Biere, die inzwischen gut zehn Prozent des Umsatzes ausmachen. In diesem Jahr sind außerdem drei Limonaden neu im Sortiment hinzugekommen.
Das für den Eisgalgen
verwendete Gerüst könnte im Sommer erneut zum Einsatz kommen. Es soll mit Hopfen dekoriert werden und als „Hopfengarten“ zum gemütlichen Zusammensitzen bei kühlen Getränken einladen.