Mit Großaufgebot ist die Feuerwehr in den frühen Morgenstunden des 16. März in der Wettestraße im Einsatz. Foto: Feuerwehr Oberndorf

Am Rottweiler Landgericht muss sich ein 52-Jähriger wegen besonders schwerer Brandstiftung verantworten. Sie stellt sich am ersten Verhandlungstag ähnlich seltsam dar wie ein ebenfalls zur Last gelegter Diebstahl.

Nichts deutete an diesem Märzfreitag darauf hin, in welche Katastrophe die Nacht münden würde.

 

Außer dem „Radler“, das er sich, zurück von einer Jobmesse in Schwenningen, in einem Rottweiler Schnellrestaurant genehmigte. Hier hatte er auch noch eingekauft. Frische Lebensmittel, die rasch zuhause in seinen Kühlschrank wandern sollten.

Alle guten Vorsätze sind weg

Stattdessen ließ er sich wohl schon im Bus Richtung Oberndorf zu einem Kneipenbesuch überreden. Vergessen Wurst und Käse. Vergessen alle guten Vorsätze, verdrängt, was er vor Jahren in einer Entziehungsanstalt gelernt hatte, und womit er bis vor kurzem ganz gut gefahren war: Strategien, sich gegen die Verführung durch Alkohol zu behaupten.

Von Kneipe zu Kneipe

„Ein ‚Cola-Weizen‘, ein ‚Pfeffi‘, zwei, drei ‚Jackie-Cola‘“, habe er getrunken. „Das war alles?“, fragt der Vorsitzende und erntet einen erstaunten Blick: Dann sei es weitergegangen, erklärt der 52-Jährige, und man bekommt eine Idee davon dass das ein ganz selbstverständlicher Auftakt zu einem größeren Abend-„Vergnügen“ war. Abwechselnd sei man von einer in die andere Kneipe gezogen. In einer habe er sogar irgendwann mal in dieser Nacht ein bisschen geschlafen.

Noch ist nichts passiert

Und dann ruft er den Notruf. Weil er aufs Klo muss – möglicherweise, vor allem aber, weil ihm der Wirt eines dritten Lokals den Zutritt verwehrt. Erst die „112“, über die er die Polizei verlangt, dann tatsächlich bei der Polizei, die vorsichtshalber vor Ort zur Überprüfung kommt. Bis hierhin ist alles Geplänkel, doch mit bezeichnenden Details, mit spannenden Parallelen zu Vorkommnissen in der Vergangenheit – und der allernächsten Zukunft. Was zunächst geschieht, ist unklar, aber unverdächtig.

Der dritte Notruf

Irgendwann gegen vier Uhr wird’s bizarr: Er habe dringend seine Notdurft verrichten müssen erklärt er der Strafkammer am Donnerstag. Von einem Bekannten wisse er, dass man jederzeit ins Sonnenstudio könne. Dort sei auch eine Toilette. Die habe er aufgesucht, für etwa fünf Minuten. Dann habe er Rauch gesehen, erklärt er dem Gericht. Und er verständigt zum dritten Mal in diesen frühen Morgenstunden des 16. März den Notruf. Er habe sich bräunen wollen, sagt er der Leitstelle – und wird es kaum eine Stunde später auch der Polizei sagen. Doch da sei so dichter Rauch, dass er gar nicht reinkomme. Mit schwerer Zunge sagt er deutlich seinen Namen: „Ich bin der … aus …“, teilt er mit, und: „Und bringen Sie bitte die Polizei mit!“

Brand zündet durch

Die Feuerwehr ist da. Der Brandherd wird festgestellt, parallel die Bewohner aus den Wohnungen in den Obergeschossen evakuiert. Die Atemschutzträger kommen an ihre Grenzen. „Schon am Anfang sei’s „irgendwie diesig“ gewesen, berichtet einer, das sei immer schlimmer geworden, „und dann war mit einem Schlag alles dicht“. Ein Einsatztrupp vermeldet „Brandherd gelöscht“, doch der Einsatzleiter sieht in der kleinen Gasse zum Nachbargebäude Feuerschein. Der Brand zündet durch. Nochmal muss ein Trupp ran. Man sieht nichts mehr, nur noch schweren, dicken Rauch. Und Feuer.

Menschenleben in Gefahr

Alles Feuer wird gelöscht, jede Tür in diesem Bereich zur Not eingeschlagen. Und das angebaute Nachbargebäude ebenfalls evakuiert: Falls das Feuer übergreift, ist dort nur noch wenig zu machen. Es sind Menschenleben in Gefahr.Die Bewohner werden alle in der Wasserfall-Turnhalle untergebracht und vom DRK betreut.

Der Hauseigentümer spricht von einem Gebäudeschaden in Höhe von bis zu 280 000 Euro. Während hier die Versicherung einspringt, werden er und seine Tochter, die das Studio betreibt, auf Wiederbeschaffungskosten von gut 200 000 Euro für Gebrauchtgeräte und Einbauten sitzen bleiben. Hinzu kommt: Das Solarstudio war das letzte gemeinsame Projekt mit seiner 2001 verstorbenen Ehefrau gewesen – und das Erbe für die Tochter: „Es tut einem im Herzen weh, was da passiert ist“, sagt er.

Was da passiert ist, steht am Ende des ersten Verhandlungstags in groben Zügen objektivierbar fest. Nur will der Angeklagte zwar irgendwie mittendrin gewesen sein, aber nichts damit zu tun gehabt haben.