Die Schreckensnachricht kommt am 14. Januar 2024 um 5.01 Uhr. Es ist Sonntagmorgen. Es brennt in der Kaufmännischen Schule Nagold. Es ist Brandstiftung. Der Schaden geht in die Millionen. Ein Jahr später kann die Schule erst wieder zum Alltag übergehen.
Es sind unruhige Zeiten an den Nagolder Schulen rund um den Jahreswechsel 2023/2024. Sie kommen einfach nicht aus den Schlagzeilen. Immer wieder dringen Einbrecher in Schulgebäude ein. Ins OHG genauso wie in die Christiane-Herzog-Realschule oder in die Zellerschule. Unbekannte zerstören Fenster im Erdgeschoss des Nagolder Berufsschulzentrums, dort wo die Annemarie-Lindner-Schule ihr Zuhause hat. Ob es Schüsse sind, die die Scheiben zerstören oder andere Gegenstände, wird nie geklärt.
Der Brand
Die größte Tragweite haben jedoch die Ereignisse vom 14. Januar 2024 am Nagolder Berufsschulzentrum. Unbekannte dringen in den frühen Morgenstunden in die Räumlichkeiten der Kaufmännischen Schule im zweiten Stock des großen Komplexes ein. Laut Polizeiangaben zünden sie dort in einem Klassenzimmer einen Mülleimer an. Doch bei dem kleinen „Feuerchen“ bleibt es nicht. Die Flammen breiten sich aus. Um 5.01 Uhr geht die Brandmeldung bei der Nagolder Polizei ein.
Die Zerstörung
Die Konsequenzen aus dem brennenden Mülleimer sind verheerend. Zehn Klassenzimmer, Flur und Aufenthaltsbereich – insgesamt eine Fläche von 800 Quadratmetern – werden sehr stark beschädigt. Der Bereich muss später bis auf den Rohbauzustand zurückgebaut werden. Weitere 20 Klassenzimmer werden durch Rauchgase kontaminiert. Umfangreiche Reinigungsarbeiten und Teilsanierungen werden nötig.
Der Schaden
Unmittelbar nach dem Brand wird der Schaden noch auf eine sechsstellige Summe geschätzt. Doch weit gefehlt. Heute ist klar, dass die Brandstiftung einen Schaden von mehr als 2,6 Millionen Euro angerichtet hat. 600 000 Euro bleiben am Landreis Calw, dem Träger der Schule hängen. Den Rest übernehmen Versicherungen.
Wie geht es weiter?
Ein großer Teil der Schule ist in Mitleidenschaft gezogen. Wie kann es jetzt weitergehen?, fragt sich Schulleiterin Anja Breitling angesichts dieser einzigartigen Herausforderung. Ein Jahr nach dem Brand kann sie sich noch gut erinnern: „Da war viel Solidarität bei allen Beteiligten“, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. Sei es nun in der Schule oder beim Träger, dem Landkreis. „Ich konnte mich einfach auf die Schulgemeinschaft verlassen. In dieser Krise sind wir einfach stabil geblieben“, freut sie sich noch heute.
Schnelle Reaktion
Eine Woche lang läuft der Unterricht als Fernunterricht. In der zweiten Woche nach dem Brand sind zumindest die Prüfungsklassen wieder vor Ort. In der dritten Woche schon können die Schüler mindestens an einem Tag in der Woche in der Schule unterrichtet werden.
Im Landratsamt reagiert man schnell, entscheidet sich dafür, als Ersatz für die nicht nutzbaren Klassenzimmer, Container anzumieten. Binnen drei Tagen steht der Deal mit dem Verleiher der Container. Und der Kreistag gibt die dafür nötigen Gelder frei. Schon nach den Faschingsferien können Schüler und Lehrer in die Container einziehen. Es kann wieder an allen Tagen in Präsenz unterrichtet werden.
„Goldrichtige Entscheidung“
„Im Rückblick war es wirklich eine goldrichtige Entscheidung, die Container zu mieten“, blickt Landrat Helmut Riegger zurück auf ein anspruchsvolles Jahr an der Kaufmännischen Schule, die natürlich auch Schützenhilfe von den beiden anderen Schulen am Berufsschulzentrum bekommt: der Rolf Benz-Schule und der Annemarie-Lindner-Schule.
Die „goldrichtige Entscheidung“ kostet den Landkreis eine Stange Geld. 600 000 Euro kostet die Miete für ein Jahr. Doch das ist und war für Riegger nie eine Frage. Bildung und damit die Berufsschulen genießen beim Kreischef schon immer höchste Priorität. „Und in diesem Fall mussten wir eben schnell ein Zeichen setzen.“
Start des Wiederaufbaus
Erst im April 2024 ist der Rückbau der zerstörten Bereiche der Schule abgeschlossen. Volker Renz, Chef der Gebäudeabteilung im Landratsamt, und sein Team arbeiten da schon an der Sanierung der Schule. Und das obwohl sie zu dieser Zeit ziemlich ausgelastet sind. Stichwort Krankenhäuser Calw und Nagold, Feuerwehrzentrum und Straßenmeisterei. „Renz baut eben nicht nur Krankenhäuser, Feuerwehrzentren, Straßenmeistereien oder ein Stück Landratsamt. Renz kann auch Berufsschulen“, witzelt Landrat Helmut Riegger im Gespräch mit der Redaktion.
Die Bauarbeiten
Renz muss für die Restaurierung der Schule 15 Handwerker-Gewerke unter einen Hut bringen, trennt die Wege der Bauarbeiter von denen der Schüler am Zentrum, managt den Aufbau der Container – aus 78 Einzelbauteilen werden letztlich zwölf neue Klassenzimmer.
Bernd Dürr ist auf der Schulbaustelle der Meister der Elektrik: Die Container werden elektrisch beheizt mit 135 Kilowatt, einem Wert der 30 Haushalten entspricht, wie der Fachmann berichtet. 12,5 Kilometer Kabel werden in der beschädigten Schule komplett neu verlegt, ein Teil der alten Kabel kann wiederverwendet werden. Von einem Übel bleiben die Macher verschont: Obwohl der Komplex in den 1970ern entstanden ist, findet sich kein Asbest in den Decken oder Wänden der Schule.
Der Neustart
Nach sechs Monaten reiner Bauzeit kann der Neustart ins Auge gefasst werden. Für die Planung dieses Schritts zurück zeichnet Breitlings Stellvertreter Markus Joos verantwortlich. Und nun, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Brand, konnten Schüler und Lehrer wieder in die neue alte Kaufmännische Schule umziehen. Am 13. Januar ging der „normale“ Betrieb wieder los. In der letzten Januarwoche beginnt der Rückbau der Container. „Und Ende Februar haben wir dann den Ausgangszustand wieder erreicht“, ist Volker Renz zufrieden.
Zufrieden mit dem Ablauf ist auch Landrat Helmut Riegger – und das nicht nur mit seinem Baumeister Volker Renz. Wirklich beeindruckt zeigte sich der Kreischef jetzt vor Ort in der Kaufmännischen Schule davon, wie Schulleiterin Anja Breitling dieses außergewöhnliche Jahr gemanagt hat. „Dafür kann ich ihr nur ein ganz großes Kompliment aussprechen.“