Nach 2001 und 2007: An diesem Samstag kämpft die frühere Boxweltmeisterin Regina Halmich wieder gegen den Moderator und Provokateur Stefan Raab. Was treibt die 47-Jährige Karlsruherin an?
Wo soll die linke Hand hin? „Genau, nach vorn“, ruft Torsten Schmitz seinem Schützling zu. „Und jetzt locker bleiben, nicht reinhängen, an die Beinarbeit denken.“ Gong! Kurze Pause. Regina Halmich schwitzt, keucht und sagt zwischen zwei Runden selbstkritisch: „Ich muss mich mehr bewegen, ne?!“ Seit fast fünf Monaten trainiert die 47-Jährige dreimal die Woche im Berliner Boxverein Isigym, mit Sparringspartnern und ihrem ehemaligen Coach. Dazu kommen Konditions- und Fitnesseinheiten. Ein hartes Pensum.
Nach 17 Jahren steigt die ehemalige Boxweltmeisterin wieder in den Ring: Am kommenden Samstag tritt sie in Düsseldorf gegen Stefan Raab an – nach den viel beachteten Schaukämpfen von 2001 und 2007 zum dritten und wirklich letzten Mal, wie Halmich versichert. Ein Comeback für beide. Der TV-Produzent und ehemalige Moderator hatte 2015 seine Karriere für beendet erklärt.
Die Badenerin lebt seit vielen Jahren in Berlin
„Es ist erneut eine riesengroße Show, aber Boxen kann man nicht spielen“, sagt Halmich beim Treffen in Berlin, wo die Badenerin seit vielen Jahren lebt. Sie will in Bestform sein, schließlich hat sie einen Ruf zu verlieren: Von ihren 56 Profikämpfen endete nur einer mit einer Niederlage – das war 1995, gleich zu Beginn ihrer Karriere, ausgerechnet im Box-Mekka Las Vegas in den USA.
Bilder ihres blutverschmierten Gesichts gingen damals durch den Boulevard, das Entsetzen und die Häme waren groß. Unästhetisch sei es, wenn Frauen auf sich einprügeln, hieß es. In der harten Sportart hätten Frauen, zumal eine kleine, schmale Rechtsanwaltsgehilfin aus Karlsruhe, nichts verloren, kritisierte die Presse. Auch viele der großen männlichen Kollegen legten ihr Steine in den Weg. Verspottet habe man sie, bestenfalls belächelt. „Es kamen viele blöde Kommentare“, erzählt Halmich: „Warum machst du nichts Vernünftiges?“ – „Du bist unweiblich“ – „Was ist denn bei dir schief gelaufen, dass du andere schlagen willst?“ Ernst habe sie kaum einer genommen. Die Außenseiterin, die Ungewollte, ließ sich nicht abschrecken: „Ich bin eine Kämpfernatur. Aufgeben war für mich nie eine Option.“
Der Triumph im Fliegengewicht
Mit 11 Jahren fängt das Mädchen, das gut behütet in Karlsruhe aufwächst, mit Judo und Karate an. Es folgt das Kickboxen. „Schon mit 14, 15 wusste ich, dass ich in den reinen Faustkampf einsteigen will. Ich wollte im Ring stehen – nichts anderes.“ Sie trainiert in ihrer Heimatstadt im Bulldog Gym, dem sie heute noch verbunden ist. Damit sie in Wettkämpfen antreten darf, muss sie Profi werden. In den 90ern ist Amateurboxen in Deutschland für Frauen noch verboten. „Und bis heute ist Boxen eine der männlichsten Sportarten geblieben“, sagt Regina Halmich achselzuckend. Ist eben so. Aber sie hat Frauenboxen hierzulande populär gemacht, darauf ist sie stolz: „Ich habe einen Meilenstein gesetzt.“
Die damals 18-Jährige wird erste deutsche Box-Weltmeisterin
Der erste Schritt dazu war wenige Wochen nach Las Vegas ein überwältigender Sieg: Die damals 18-jährige Fliegengewichtlerin wird zur ersten deutschen Box-Weltmeisterin. Den Titel hält sie zwölf Jahre, bis zu ihrem Karriereende. In dieser Zeit lehrt sie die Kritiker eines Besseren. Der große Box-Champ Henry Maske entschuldigt sich bei ihr. „Wir verstehen uns gut“, sagt Halmich. Sie sei ja versöhnlich. Selbst der Macho René Weller (1953–2023), der Frauen im Ring lange nur als Nummerngirls akzeptierte, war schließlich von ihren Qualitäten überzeugt und kam zu ihrem letzten Kampf.
Mit 30, auf dem Höhepunkt, verabschiedet sie sich – zur Erleichterung ihrer Eltern. Sie waren von der Entscheidung ihrer Tochter, ins Boxgeschäft einzusteigen, nicht gerade begeistert. „Aber sie haben mich trotzdem immer unterstützt.“ Die Mutter war nie bei einem Fight von Regina dabei, der Vater nur ein einziges Mal. „Da musste er nach wenigen Minuten mit Herzschmerzen die Halle verlassen“, sagt sie. Wer möchte schon sehen, wie das eigene Kind Schläge einsteckt. Stattdessen musste ihre Schwester Yvonne immer per Telefon aus der Halle berichten.
Als sie im Frühjahr bei einem ihrer regelmäßigen Besuche in Karlsruhe war, hätten die Eltern gleich gemerkt, dass etwas anders ist: „Meine Mutter meinte: Was ist los? Du hast wieder dieses Feuer in den Augen.“ In der Tat. Kurz vorher hatte sie einen Anruf von Stefans Raabs Management mit dem Angebot eines weiteren Kampfs bekommen. „Zunächst dachte ich, da will mich jemand veräppeln“, sagt Regina Halmich und lacht. Dann habe sie kapiert, dass „diese völlig verrückte Idee“ des „im positiven Sinne größenwahnsinnigen Raab“ ernst gemeint ist. Nach drei Wochen des Zögerns und Überlegens sagte sie zu. Das Zünglein an der Waage war ihr Trainer Torsten Schmitz. Der 60-Jährige sei schon immer schonungslos ehrlich mit ihr gewesen. „Er meinte: Regina, das passt. Du hast es noch immer drauf.“
Verkauf dich nie unter Wert
Doch was ist ihre Motivation? Warum will sie nach so langer Zeit noch mal ran? Geld sei es nicht, stellt sie klar. „Das sollte ohnehin nie der ausschlaggebende Grund für irgendeine Entscheidung sein, schon gar nicht im Sport.“ Ihre Finanzen hat sie längst geregelt. Sie habe ein gutes Polster. Was auch daran liegt, dass sie – anders als so mancher männliche Box-Kollege – nie prasste: „Von den ersten Preisgeldern habe ich mir kein dickes Auto gekauft, sondern gespart.“
Heute hält sie Vorträge zu Altersarmut bei Frauen
Eine fast schon schwäbische Einstellung. Die „Badenerin des Jahres 2000“ hat gleich einen wichtigen Tipp parat: „An alle Frauen: kümmert euch rechtzeitig um eure Finanzen. Das ist zwar nicht sexy, aber Altersarmut ist auch alles andere als sexy.“ Derartige Ratschläge gibt sie inzwischen auch bei Vorträgen und Moderationen. „Ich bin nach meinem Karriereende beim Boxen eine gut verdienende Unternehmerin geblieben.“
Ihr Credo dabei: „Verkauf dich nie unter Wert!“ Dass die männlichen Kollegen von den übertragenden Fernsehsendern deutlich besser bezahlt wurden, wurmte sie einst gewaltig. „Nach einer schlaflosen Nacht habe ich den Sendern gesagt: Entweder ich bekomme die gleichen Summen oder ich bin raus.“ Hoch gepokert – und mal wieder gewonnen. Halmich konnte sich diesen Schritt erlauben. Sie war gefragt, Millionen schalteten bei ihren Kämpfen ein. Der Boxpromoter Klaus-Peter Kohl hatte ihr zuvor schon lukrative Börsen ausgehandelt.
Raabs gebrochene Nase
Was also treibt sie an, wenn es nicht das Geld ist? Bei den beiden anderen Kämpfen gegen Raab habe sie der Moderator zuvor in seinen Sendungen immer wieder provoziert und beleidigt. Mit einem Augenzwinkern wohlgemerkt. Das wollte sie damals nicht auf sich sitzen lassen. „Ich habe ihm dann ordentlich eingeschenkt, 2001 sogar die Nase gebrochen.“ Beide Fights entschied sie klar für sich – und gewann damals noch mehr an Bekanntheit. „Selbst in Kreisen, die nichts mit Boxen am Hut haben. Ich werde heute noch darauf angesprochen.“ Und jetzt wolle sie einfach zeigen, was eine Frau mit 47 noch alles wuppt – auch jüngeren Leuten, die sie gar nicht kennen. „Außerdem habe ich auf dieses Spektakel richtig Bock.“
Zudem hofft sie, mit ihrem Comeback dem Boxen in Deutschland neuen Auftrieb zu geben. „Das hat dieser wunderbare Sport mehr als verdient.“ Einst lockten Henry Maske, Sven Ottke, Axel Schulz, Felix Sturm, die Klitschko-Brüder und sie selbst die Massen in die Arenen und vor die Fernseher. Talente gebe es genug, aber man fördere sie zumindest im Profibereich nicht mehr – weder sportlich, noch finanziell, sagt Halmich. Kaum jemand könne heute vom Boxen leben. „Aber Weltmeister, die Quoten bringen, fallen nun mal nicht vom Baum.“ Es müsse daher endlich was getan werden.
Die 15 000 Tickets waren nach drei Stunden ausverkauft
Dass lieber „diese Show“ auf RTL übertragen werde statt Wettkampfboxen findet Halmich bezeichnend. Aber die Begeisterung zeige, dass Boxen noch Potenzial habe. Nach zwei Stunden waren die 15 000 Tickets für die Veranstaltung ausverkauft – bei Preisen zwischen 50 und fast 500 Euro. Der Hype ist Halmichs Meinung nach auch darauf zurückzuführen, dass sich die Menschen angesichts der schwierigen Zeiten nach Unterhaltung, nach Leichtigkeit sehnen. „Zudem ist so ein Ereignis generationenverbindend. Der Kampf wird von Jung und Alt geschaut. Welche Sendung schafft das denn noch?“
Ihren Gegner hat sie bisher nicht gesehen. Seit 2007 habe es keinen Kontakt mehr gegeben. Zur ersten Begegnung komme es im Ring: „Raab will wohl alle überraschen – und mich im Unklaren über seine Form lassen.“ Dass er trainiert „wie ein Besessener“ und fit sein wird, sei logisch. Er solle sich aber nicht täuschen: „Ich werde dafür sorgen, dass es knallt“, gibt sich Halmich fast schon siegesgewiss. Selbst hartes Training könne aus Raab keinen Profi-Boxer machen.
Einen weiteren Kampf schließt sie definitiv aus
Und was kommt nach dem Kampf? Definitiv kein weiterer, sagt Halmich. Langweilig werde es ihr ohnehin nicht. Jahrzehntelang steckte sie in einem Korsett, wie so viele Profisportler. Der Tagesablauf war durch Training geprägt, das Leben durchgetaktet, sie selbst extrem strukturiert und diszipliniert. „Das war nun mal das, was ich immer wollte“, sagt sie. Alles, was sie anpackte, habe sie erfüllt – „ein irrsinniges Glück“.
Heute lässt sie sich auch gern mal treiben. Sie geht mit Freunden aus, verreist viel, engagiert sich sozial, etwa als Botschafterin des Deutschen Kinderhilfswerks und für die Tierschutzorganisation Vier Pfoten. Am liebsten macht sie lange Spaziergänge mit ihrer Chihuahua-Hündin Giny – „meiner Chefin“, sagt sie schmunzelnd. Fleißig sei sie bis heute: „Ich arbeite nun mal wahnsinnig gern.“ Inzwischen kann sie sich aussuchen, welche Jobs sie annimmt. Nur das zu tun, was ihr gefällt und was ihr gut tut, sei Luxus, sagt sie. Luxus, den sie sich hart erarbeitet hat.
Alles Weitere sieht sie ganz entspannt. Vieles im Leben sei ohnehin nicht planbar. Sie schaue einfach, was noch alles kommt: „Ich hab’ das Gefühl, meine Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.“
Der Boxkampf wird am Samstag, 14. September, von 20.15 Uhr an live auf RTL übertragen.