Mit 28 Jahren schlägt der Stuttgarter Hendrik Jebens erstmals beim Tennisturnier auf dem Weissenhof auf – besiegt mit seinem Partner Constantin Frantzen gleich das Top-Doppel Krawietz/Pütz und erfüllt sich einen Traum.
Mehr Heimspiel geht nicht. Von Feuerbach hätte Hendrik Jebens den Weg zur Anlage des TC Weissenhof theoretisch zu Fuß nehmen können. In dem Stadtteil im Norden der Landeshauptstadt ist er beheimatet, der Stuttgarter Tennisprofi mit der ungewöhnlichen Laufbahn.
Die meisten Karrieren folgen ja einem ähnlichen Muster. Ein Talent wird jung entdeckt, durchläuft Sichtung, Fördertraining, landet irgendwann in einem Stützpunkt oder einer Akademie und startet – sofern gut genug – schlussendlich auf der Profitour. Meist schon in jungen Jahren.
Früher spielte Jebens’ Mannschaft auf dem Weissenhof – jetzt startet er beim ATP-Turnier
Für Jebens geht es erst jetzt richtig los – mit 28. Nach Jahren auf der Future- und der Challengertour, der dritten und zweiten Liga des Tennis, hat er es im Doppel an der Seite seines Partners Constantin Frantzen (26) im vergangenen Jahr auf die ATP-Tour geschafft. Von der Tingeltour auf die große Bühne, in den Profibereich, wo er von seinem einstigen Hobby auch leben kann. „Für mich ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen“, sagt Jebens am Rande des Stuttgarter Turniers.
Früher hat er hier Mannschaft gespielt, gegen den TC Doggenburg, Leonberg oder Winnenden. Am Mittwoch folgte seine Premiere bei den Boss Open. Und was für eine! In drei Sätzen schalteten Jebens und Frantzen das deutsche Topduo Kevin Krawietz/Tim Pütz aus und zogen in die zweite Runde ein.
Der Erfolg ist hart erarbeitet. Sich Woche für Woche durch Turniere in der europäischen Provinz zu quälen, ohne Ballkinder und Fans, erfordert maximalen Eigenantrieb. Jebens hatte ihn, nach Abitur und US-College entschied er sich für die Profilaufbahn auf dem zweiten Bildungsweg.
Tingeltour durch die europäische Provinz
Weltranglisten-Platz um Weltranglisten-Platz ging es nach oben. Aktuell belegt der 1,96 Meter große Aufschlagriese Rang 65 im Doppel-Ranking. Im Januar spielte er in Australian erstmals einen Grand Slam. Gerade kam er aus Paris zurück, im Juli könnte Wimbledon zur Krönungsmesse für den einstigen Hobbyspieler werden. „Wer unter den ersten 70 steht, kann von den Preisgeldern gut leben“, sagt Jebens. Für die Erstrunden-Niederlage bei den French Open beispielsweise gab es 9000 Euro, Unterkunft und Verpflegung obendrein. „Als Tennisspieler ist man da schon privilegiert“, zieht der Stuttgarter einen Vergleich zu anderen, weit weniger gewinnträchtigen Sportarten.
Maximaler Fleiß ist dennoch notwendig, um sich auf diesem Niveau zu halten. Jebens und sein Partner spielen ohne Unterlass Turniere. 35 Wochen pro Jahr sind die beiden unterwegs. Zum Vergleich: Ein Topstar wie Novak Djokovic geht 17 bis 18 Wochen im Jahr auf Tour. Um sich auf ATP-Level zu halten, sammelt Jebens zusätzlich Fleißpunkte bei kleineren Challengerturnieren.
„Es liegt alles sehr eng beisammen,“ sagt er und meint damit: Da geht noch mehr. Die Top 30 hat er sich als Nächstes zum Ziel gesetzt. Sie ermöglichen die regelmäßige Teilnahme an den Masters, was die nächste Stufe für den Spätstarter bedeuten würde.
Nach dem Heimspiel in Stuttgart geht es für Jebens weiter nach Halle. Dort haben unter anderem der Weltranglisten-Erste Jannik Sinner und Alexander Zverev für die Doppel-Konkurrenz gemeldet. Für den Tennisprofi mit dem ungewöhnlichen Karriereweg könnte das nächste Highlight anstehen.