1955 siedelte Bosch die Herstellung von Elektrowerkzeugen in Leinfelden an. 70 Jahre später wird das Ende der Produktion am Stammsitz verkündet. Ein Rückblick.
Es ist der 9. April 2025, früher Nachmittag. In Berlin stellen Union und SPD ihren Koalitionsvertrag vor, der neuen Schwung in die deutsche Wirtschaft bringen soll. Fast gleichzeitig wird in Leinfelden das Ende einer Ära verkündet. Erst auf einer Betriebsversammlung, dann per Pressemitteilung teilt das Unternehmen Bosch Power Tools mit, „im Zuge der Neuordnung seiner globalen Fertigungsstrukturen, die Produktion an den Standorten Sebnitz und Leinfelden auslaufen zu lassen“. Ende 2026 soll Schluss sein. 280 Arbeitsplätze fallen in Sachsen weg, 230 am Stammsitz.
Geschäftsführung, Entwicklung, Vertrieb und andere organisatorische Einheiten werden in Leinfelden bleiben. In den vergangenen zehn Jahren wurden mehr als 100 Millionen Euro in den Standort investiert, betont ein Sprecher, allein 30 Millionen Euro für das 2018 eröffnete neue Bürogebäude an der Max-Lang-Straße. Für die Produktion aber wird der Schlusspunkt in einer Historie gesetzt, die schon seit vielen Jahren von Abwanderungstendenzen geprägt war. Preisdruck und technologischer Wettbewerb sind die Konstanten der Entwicklung.
Chronologie der Deindustrialisierung
Februar 1988 „Unter dem Druck des Dollarkurses“ will Bosch die Fertigung von Elektrowerkzeugen in den USA beschleunigt ausbauen, berichten die Stuttgarter Nachrichten.
Dezember 1995 Die Filder-Zeitung schreibt: „Obwohl schon in den letzten drei Jahren rund 500 Arbeitsplätze verloren gingen, stehen zukünftig durch weitere Produktverlagerungen nach Sebnitz/Sachsen nochmals 250 Arbeitsplätze in den nächsten vier Jahren zur Disposition.“
Januar 1997 „Die Robert Bosch GmbH in Stuttgart wird im laufenden Jahr erstmals in ihrer Unternehmensgeschichte mehr Mitarbeiter im Ausland beschäftigten als in der Bundesrepublik“, vermeldet die Stuttgarter Zeitung. Bosch werde die Auslandsfertigung ausweiten, nur durch „forcierte Internationalisierung“ sei die Umsatzrendite zu erzielen, die das Unternehmen langfristig sichere, sagt der damalige Bosch-Chef Hermann Scholl.
Dezember 1998 „Bosch-Elektrowerkzeuge streicht 250 Stellen“, schreibt die Esslinger Zeitung. Hauptgrund dafür sei „der Preisverfall durch Billiganbieter aus Fernost“.
Auch 2018 werden Stellen gestrichen, die Produktion um rund die Hälfte der Jobs auf die heutige Größe reduziert. Aber auch die sei nicht mehr tragbar, sagt Thomas Donato heute, der Vorsitzende des Bereichsvorstands von Bosch Power Tools: Man müsse „dringend unsere historisch gewachsenen Fertigungsstrukturen den stark veränderten Marktstrukturen und Kundenanforderungen anpassen und diese zukünftig auf weniger Standorte mit hoher Kosteneffizienz fokussieren“.
Rückblick in die Gründerjahre von Bosch
Wie hoffnungsvoll dagegen der Sound der Anfangsjahre klang. Als die Elektrowerkzeugsparte von Bosch 1955 nach Leinfelden auf das ehemalige Fabrikgelände der Textilfabrik Lang und Bumiller zieht, blickt sie bereits auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Robert Bosch hatte in den Zwanzigerjahren die große Abhängigkeit von der Autoindustrie Sorgen gemacht, die sich in einer Absatzkrise befand.
Als Erfolgsprodukt, das zusätzliches Geschäft brachte, erweist sich die Haarschneidemaschine Forfex. Deren Konstruktion mit Elektromotor im Handgriff wird zum Vorbild für viele weitere Bosch-Werkzeuge wie Bohrer, Schleifgeräte oder Sägen – erst für den industriellen, dann für den Heimwerker-Gebrauch. 1959 lagert Bosch die Elektrowerkzeuge in einen selbstständigen Betrieb mit Sitz in Leinfelden aus. Die Krautgemeinde wird zu einem „Zentrum für Industriebetriebe“, wie das Amtsblatt in einem Beitrag zum 50. Stadtjubiläum kürzlich festhielt.
Die Firma Bosch prägt die Stadt
Im Stadtarchiv finden sich die Bilder, die von der Entwicklung zeugen: Der Tag der offenen Tür 1956 mit den Besuchern im Sonntagsgewand. Fotos von Frauen, die Drähte für den Elektromotor wickeln, von Männern, die Winkelschleifer montieren. Das Richtfest des Verwaltungsgebäudes 1965, der Neubau mit 17 000 Quadratmetern Fläche dann 2018. Für die Stadt ist Bosch mehr als ein Arbeitsplatzgarant. Sie registriert Spenden fürs Gartenhallenbad, die Realschul-Turnhalle, den archäologischen Lehrpfad und vieles mehr. Betriebssport- und Bosch-Theatergruppen tragen zur Stadtkultur bei.
Die Produktion von Bosch soll günstiger werden
Im Werk werden schwere Bohr- und Abrissgeräte („Bosch-Hammer“) zum wichtigsten Produkt. Es gelingt, der Konkurrenz von Hilti mit neuen Entwicklungen zu trotzen. 1984 stellt Bosch den ersten akkubetriebenen Bohrhammer vor. Es folgen weitere Innovationen, aber auch Absatzkrisen. Die Corona-Lockdowns bescheren den Heimwerkergeräten zwar eine Sonderkonjunktur, nach deren Abbruch aber schwindet bei der Geschäftsführung offensichtlich der Glaube an „Made in Germany“.
Der Stammsitz werde, wie die Geschäftsführung hervorhebt, in Leinfelden bleiben, ebenso die Entwicklung, wenn auch reduziert. Die Fertigung wandert ins Ausland – etwa nach Ungarn und China. Im Ausland macht Power Tools auch 90 Prozent des Umsatzes, der zuletzt bei 5,1 Milliarden Euro lag. Der Betriebsrat hofft, wenigstens den Zeitpunkt der Werksschließung in Leinfelden noch nach hinten verschieben zu können.
Chronologie
- 1955
- Bosch kauft das Firmengelände der Textilfabrik Lang und Bumiller in Leinfelden.
- 1959
- Der Elektrowerkzeugbau wird ein eigenständiger Geschäftsbetrieb.
- 1965
- Bezug eines neuen Verwaltungsgebäudes.
- 1969
- Eine neue Fertigungshalle geht in Betrieb.
- 1985
- Ein Schulungszentrum wird eröffnet.
- 1991
- Eine weitere neue Werkshalle ist fertig.
- 2018
- Die neuen Bürogebäude, eine Investition von 30 Millionen Euro, werden bezogen.
- 2025
- Die Geschäftsführung verkündet, dass die Fertigung in Leinfelden und Sebnitz (Sachsen) Ende 2026 eingestellt werden soll.