Namhafte baden-württembergische Unternehmen verlassen seit dem Kriegsausbruch den russischen Markt – wenn auch nur schrittweise. Von einer völligen Abkehr ist kaum die Rede.
Die russische Invasion in der Ukraine hat die deutsche Wirtschaft mächtig unter Druck gesetzt, ihre Geschäfte mit Russland zu kappen. „Die Liste der ausländischen Unternehmen, die Russland verlassen wollen, wird täglich länger“, sagte Michael Harms, Geschäftsführer des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, unserer Zeitung. Die russische Regierung tue aber alles, um diesen Prozess zu behindern, und habe die Bedingungen immer weiter verschärft.
Investoren bräuchten eine behördliche Genehmigung, teils vom Präsidenten selbst. Zudem sei es Gesetz, dass Unternehmen mindestens 50 Prozent unter Marktwert verkaufen müssen. Davon profitierten dann russische Käufer oder Investoren. Zudem verdiene der russische Staat an dem Prozess über Zwangsabgaben direkt mit. „Deshalb ist es kein Wunder, dass zwar eine deutliche Mehrheit der westlichen Investoren ihr Geschäft heruntergefahren hat, aber erst ein Bruchteil der ausländischen Unternehmen den Markt vollständig verlassen hat“, sagt Harms. Hier Beispiele aus dem Südwesten.
Ritter Sport Ukraines früherer Botschafter Andrij Melnyk hat Ritter Sport massiv zur Abkehr gedrängt. Heute „liefern wir weiterhin Schokolade nach Russland und betreiben vor Ort eine Vertriebsgesellschaft“, sagt ein Sprecher. Annahmen, Ritter Sport würde auch vor Ort produzieren, seien aber falsch. Nach wie vor fänden in Russland auch keine Marketingaktivitäten statt. Lediglich den Dialog mit den Verbrauchern über die Social-Media-Kanäle habe man wieder aufgenommen. Aktuell beschäftigen die Waldenbucher noch etwa 100 Mitarbeitende in Russland, seinem bis zur Invasion zweitwichtigsten Markt.
Der Marktanteil von Ritter Sport in Russland, der vor einem Jahr noch sieben Prozent betrug, sei nach jüngsten Marktforschungsdaten leicht zurückgegangen, so der Sprecher. Um einen größeren Imageschaden zu vermeiden, hatte Ritter Sport damals rasch angekündigt, die in der Folge in Russland erzielten und ausgeführten Gewinne zu spenden. Nunmehr heißt es, dass 1,51 Millionen Euro an diverse humanitäre Hilfsorganisationen in Deutschland gegangen seien, die schon länger in der Ukraine engagiert seien.
Bosch Auch Bosch stand früh am Pranger. Am 13. März beschuldigte Ukraines Außenminister Dmytro Kuleba das Unternehmen, die Invasionsarmee mit Fahrzeugteilen ausgerüstet zu haben. „Die Hinweise haben mich sehr betroffen gemacht“, sagte daraufhin Bosch-Chef Stefan Hartung. „Direkt am nächsten Morgen“ sei man aktiv geworden, „um den Weg der Bauteile nachzuvollziehen“. In den Verträgen mit russischen Automobilkunden sei grundsätzlich geregelt, „dass Bosch-Produkte ausschließlich für zivile Anwendungen eingesetzt werden dürfen“.
Bis heute liegt kein Ergebnis der Nachforschungen vor. Das Unternehmen teilt lediglich mit: „Die Untersuchung dauert derzeit noch an, wir gehen gründlich vor und nehmen uns dafür die Zeit, die wir brauchen.“ Bosch hat bis zum Krieg in drei Produktionswerken in St. Petersburg, Samara und Engels 3500 Leute beschäftigt. „Lediglich kleine Bereiche zum Beispiel in der Heiztechnik laufen noch“, heißt es. Ansonsten seien das Geschäft mit russischen Kunden und die Fertigung „seit Monaten unterbrochen oder zum Stillstand gekommen“.
Das Stiftungsunternehmen hat von sich aus keinen aktiven Rückzug betrieben. Aufgrund von Sanktionen, Lieferengpässen und erschwertem Marktzugang erwartet Bosch für 2023 ein „weitgehendes Auslaufen unserer geschäftlichen Aktivitäten in Russland“. Dazu werde an verschiedenen Optionen gearbeitet, „darunter auch Verkäufe“.
Mercedes Der Autohersteller Mercedes-Benz hat einen Schritt der Ablösung gemacht: Die russischen Behörden haben den Verkauf des Bankgeschäfts an die lokale Autohandelskette Avtodom genehmigt. Dies sei „ein wichtiger Schritt“, erklärte Mercedes dazu. An Avtodom sollen auch die anderen Vermögenswerte in Russland gehen, unter anderem das Werk nahe Moskau. Dafür aber stehen die Genehmigungen noch aus, und Details will Mercedes nicht nennen.
Auch ein Restposten des Lkw-Geschäfts, der nicht rechtzeitig bei der Konzernabspaltung an Daimler Truck übertragen wurde, beschäftigt Mercedes-Benz noch. Der Konzern hält 15 Prozent der Anteile am Lkw-Hersteller Kamaz, der auch die russische Armee beliefert. Ein Sprecher sagt dazu nur: „Das Unternehmen strebt an, diesen Anteil baldmöglichst zu verkaufen.“
ZF Friedrichshafen Der Automobilzulieferer ZF hat mit Kriegsbeginn die Geschäftsaktivitäten mit Russland ausgesetzt. „Das hat weiter Bestand“, sagt ein Sprecher. Auch alle Lieferungen an das Joint Venture mit dem Lkw-Hersteller Kamaz wurden gestoppt. Da ZF keine Grundlage für eine weitere Geschäftsbeziehung mit ZF Kama sehe, seien die Anteile im September 2022 abgegeben worden.
Liebherr Viel verbindet den Baumaschinenhersteller Liebherr mit Russland – seit 1965 schon. Heute beschäftigt das Unternehmen noch etwa 1900 Mitarbeiter im Land – mit stark abnehmender Tendenz. Beschäftigt seien diese Kräfte vor allem an einem Produktionsstandort bei Dserschinsk in der Region Nischni Nowgorod, in einer Vertriebs- und Servicegesellschaft mit Hauptsitz in Moskau sowie in landesweiten Niederlassungen.
„Die Firmengruppe verurteilt die russische Aggression und steht hinter den gegenüber Russland verhängten Sanktionen“, sagt ein Sprecher. Zugleich leidet man darunter: Wegen der Importverbote in die EU könne ein Großteil der bisher bei Dserschinsk produzierten Stahlbauzulieferteile nicht mehr an die Liebherr-Schwesterwerke in West- und Mitteleuropa geliefert werden. Die Auswirkungen auf diese Werke seien beträchtlich, weil alternative Lieferquellen aufgebaut werden mussten. „Wir haben die Produktionsaktivitäten daher massiv reduziert und zwischenzeitlich fast vollständig eingestellt.“ Zudem hat Liebherr das Neukundengeschäft in den Bereichen Aerospace, Verkehrstechnik und Mining in Russland eingestellt und alle Investitionen gestoppt.