Der Arbeitsmarkt für IT-Experten wandelt sich rasanter denn je. Die Abbaupläne von Bosch & Co. verstärken die stark gesunkene Nachfrage nach Software-Spezialisten. Doch sehen die Bundesagentur für Arbeit und Bitkom weiterhin großen Bedarf.
Zwei führende Konzerne setzen grelle Signale: 3500 Stellen will der Zulieferer Bosch bis 2027 im Fahrzeugsoftware-Bereich abbauen, zur Hälfte in Deutschland. Derweil schrumpft Volkswagen die einst mit großen Erwartungen versehene Tochter Cariad – VW-Software wird nun vor allem in den USA entwickelt. So wird auf einem Feld massiv gespart, das noch vor relativ kurzer Zeit riesige Personallücke aufwies. Laut der Jobseite Indeed ist der Stellenmarkt in der Softwareentwicklung seit Jahresanfang sowie seit Februar 2020, der Vor-Corona-Zeit, um ein Drittel zurückgegangen. Der Hype um fehlende Softwarespezialisten ist vorerst beendet. Ein Überblick.
Wie bewerten Betroffene ihre Lage? Arbeitslose IT-Fachleute hören die Klagen über Fachkräftemangel mit Erstaunen. Ihre Erfahrung lehrt sie, dass es allenfalls in Teilbereichen Bedarf gebe und dass IT-Experten schon im mittleren Alter kaum noch Arbeit finden. Weil die Unternehmen strenger denn je auf die Kosten schauen, würden vor allem billige Kräfte für Projekte gesucht; Leiharbeit und Outsourcing nähmen zu. Vielfach werden IT-Projekte gestoppt und keine neuen begonnen. Auch das Fachkräftezuwanderungsgesetz „macht die Gehälter kaputt“, sagt ein Freiberufler aus Stuttgart unserer Zeitung. Bei den niedrigeren Konditionen der internationalen Kräfte könne er beim Preis kaum mithalten.
Ein 27-jähriger Teilnehmer der Reddit-Community schreibt: „Die Krise im IT-Jobmarkt spitzt sich ja anscheinend enorm zu, nachdem hier inzwischen auch Leute berichten, mit 20 Jahren Berufserfahrung schon fast ein ganzes Jahr nach einem neuen Job zu suchen und Angebote für 35 000 Euro bekommen (wenn überhaupt).“
Was sagen die Arbeitsmarktzahlen? Die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellt eine starke Eintrübung der Arbeitsmarktlage in der Berufsgruppe fest: Die Zahl der Arbeitslosen sowohl mit dem Zielberuf als auch Herkunftsberuf Softwareentwicklung und Programmierung ist binnen eines Jahres bis zum Oktober mit rund 50 Prozent wesentlich stärker gestiegen als über alle Berufsgruppen betrachtet (plus zehn). Zugleich ist die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen in diesen zwölf Monaten um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (bis Oktober 2023) gesunken. Die BA wendet aber ein, dass es zuvor ein „weit überdurchschnittliches Beschäftigungswachstum“ gab, das seit Beginn der Rezession im Jahr 2023 zurückgeht.
In Baden-Württemberg werden 1650 Arbeitslose mit dem Zielberuf und 950 mit dem Herkunftsberuf aus dieser Branche gezählt. Damit stellt die Berufsgruppe 0,6 beziehungsweise 0,3 Prozent aller Menschen ohne Job. Die berufsspezifische Arbeitslosenquote wird von der Bundesagentur mit 2,2 Prozent als „extrem niedrig“ bewertet.
Bosch reagiert insofern auf ein Spezialproblem mit seiner schwächelnden Mobilitätssparte. Bei VW wird offenkundig, dass mehr fertige Softwareprodukte als zunächst gedacht auf dem Weltmarkt eingekauft werden. Insgesamt sieht die BA bei Software-Spezialisten und -experten weiter „erhebliche Anzeichen“ für Engpässe im Südwesten.
Wie sehen es die Lobbyverbände? Der Digitalverband Bitkom stimmt zu: Weil in den kommenden Jahren viele Beschäftige aus dem Arbeitsleben ausscheiden, gebe es weiterhin einen großen Bedarf an Software-Spezialisten, aber auch an anderen IT-Fachkräften, sagt Lydia Erdmann, die Referentin Arbeitsrecht. „Verstärkt gefragt sind Kenntnisse neuer Technologien wie Künstliche Intelligenz oder andere Fachkenntnisse etwa rund um IT-Sicherheit oder Cloud-Dienste.“ Neben der Entwicklung würden auch andere Berufsbilder wie etwa Systemadministration von den Unternehmen stark nachgefragt.
„Trotz konjunktureller Schwankungen gibt es keinen Grund für einen Abgesang mit Blick auf den IT-Arbeitsmarkt“, stellt sie fest. Allerdings sei die IT schon immer schnelllebig gewesen. „Der Weiterbildung kommt daher eine zentrale Rolle zu – hier sind die Beschäftigten selbst, aber auch die Unternehmen immer stärker gefordert.“ Nach einer Bitkom-Prognose könnte die Fachkräftelücke bis 2040 auf 663 000 anwachsen, wenn keine geeigneten Gegenmaßnahmen getroffen werden. Dazu gehöre zwingend die Zuwanderung, so Erdmann. Gerade in Ländern wie Indien gebe es viele sehr gut ausgebildete IT-Fachkräfte, die genau die Spezialisierungen mitbrächten, die deutsche Unternehmen suchten. „Damit macht Zuwanderung es erst möglich, dass Aufgaben wie Softwareentwicklung nicht in andere Länder verlagert wird“, sagt sie.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bestätigt, „dass die bundesweite Fachkräftelücke zuletzt konjunkturbedingt deutlich gesunken ist, auch in IT-Berufen“, wie ihr Experte Jurek Tiedemann sagt. Dennoch würden weiterhin viele qualifizierte Fachkräfte in IT-Berufen gesucht – bei passender Qualifikation blieben die Chancen, eine Beschäftigung in einem IT-Beruf zu bekommen, hoch. Laut dem IW konnte zuletzt vier von zehn offenen Stellen in IT-Berufen nicht passend besetzt werden. Demnach bleiben in absoluten Zahlen mehr als 22 000 offene Stellen in IT-Berufen rechnerisch unbesetzt. „Perspektivisch dürfte der Mangel in den nächsten Jahren wieder zunehmen.“ Einen wachsenden Wettbewerb mit internationalen IT-Fachkräften sieht Tiedemann wegen der Vielzahl der offenen Stellen aber nicht.
Wie stellt sich die Lage bei Mercedes dar? Mercedes-Benz betreibt seit 2022 eine Software-Fabrik in Sindelfingen. Die insgesamt 3000 Stellen weltweit seien seit Anfang 2023 vollständig mit Software-Entwicklern besetzt – 1000 Stellen davon am Standort Sindelfingen, sagt eine Sprecherin. Gezielt gesucht würden derzeit „Talente mit Kompetenzen, die für unsere Transformation entscheidend sind, also beispielsweise für Bereiche wie Elektromobilität, Automotive Software oder IT“. Bei bis zu 300 000 Bewerbungen pro Jahr allein in Deutschland könnten die Teams mit hoch qualifizierten Bewerbern aus der ganzen Welt besetzt werden.